SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. Juni 2010, 14:56 Uhr

Arbeitslosenzahlen

Konjunkturschub stürzt Industrie in Fachkräftenot

Von

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juni weiter gesunken. Alles gut also? Wohl kaum. Die Erholung ist statistischen Effekten geschuldet, viele Menschen ohne Job werden schlicht nicht erfasst. Und dort, wo Stellen frei werden, wird es bald an Fachkräften mangeln, warnen Experten.

Berlin/Nürnberg - Die Zahlen wären durchaus Anlass, die Sektkorken knallen zu lassen. Aber Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise versucht, den Eindruck von allzu großer Zufriedenheit gar nicht erst aufkommen zu lassen. "Die Entwicklung ist gut, eigentlich überraschend. Aber es ist noch nicht geschafft", betonte er bei der Vorstellung der Arbeitslosenstatistik für Juni. Er verwies auf den Strukturwandel im verarbeitenden Gewerbe, der in großem Umfang zu einem Abbau von gut bezahlten Vollzeitstellen geführt habe. Ähnlich bedenklich sei die Entwicklung im Dienstleistungsgewerbe, das neue Stellen in nennenswerter Zahl lediglich in Form schlecht bezahlter Teilzeitstellen anbiete.

Wendet man den Blick von der Detailbetrachtung hin zum großen Ganzen, erscheint die Situation keineswegs so kritisch. Denn insgesamt gibt es im Juni noch einmal spürbar weniger Arbeitslose. Die Zahl der Menschen ohne Job ging um 88.000 auf 3,153 Millionen zurück. In Ostdeutschland waren zum ersten Mal in diesem Jahr sogar weniger als eine Million Menschen ohne Arbeit - seit Mitte 1991 war dies überhaupt erst zweimal der Fall.

Auch saisonbereinigt, also nach Ausblendung üblicher jahreszeitlich bedingter Schwankungen, ergab sich ein Beschäftigungsplus von 0,2 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet die Behörde nun mit weniger als 3,4 Millionen Arbeitssuchenden im Durchschnitt. Angesichts der derzeit robusten Wirtschaftslage hält Weise es sogar für möglich, dass in einem der kommenden Monate die Drei-Millionen-Marke unterschritten werden könnte. "Die Chance ist da", sagte er.

Drei-Millionen-Marke im Visier

Doch auch hier wieder die entscheidende Einschränkung - die Zahl ist nur die offizielle Statistik. Der Auftrag der Bundesagentur aber sei es, so Weise, sich um alle Arbeitssuchenden zu kümmern, ganz gleich, ob sie von den Erhebungen erfasst werden oder nicht. Es gebe schließlich noch immer eine Million Menschen, die in Arbeitsmarktmaßnahmen geparkt seien, und eine hohe Anzahl an Arbeitslosen, die sich mangels Aussicht auf Beschäftigung erst gar nicht arbeitslos gemeldet hätten. Ob nun vor dem Komma eine drei oder zwei stehe, sei für die BA unwichtig, habe wohl aber für Politik und Medien eine große Bedeutung, betonte der BA-Chef.

Die Betonung der negativen Aspekte der Entwicklung erfolgt womöglich mit Rücksicht auf jene Vielen, die von der Entwicklung quasi abgekoppelt sind: Die schlecht Qualifizierten, die selbst in den Berufen kaum noch eine Chance auf eine Anstellung haben, die geringe Ansprüche an eine Ausbildung stellen.

Klaus-Jürgen Gern, Arbeitsmarktexperte am Kieler Institut für Weltwirtschaft, hält das Problem kurzfristig nicht für lösbar. "Wir sollten uns besser um die Ausbildung speziell der Jugendlichen kümmern, damit wir zumindest auf längere Sicht aus der Misere herauskommen", erklärt er.

Belastungsgrenze bald wieder erreicht

Aus seiner Sicht ist das auch dringend nötig, denn der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften wird in den kommenden Monaten und Jahren noch deutlich zunehmen - vorausgesetzt, die Konjunktur erleidet keinen erneuten heftigen Rückschlag. Im Ernstfall könnte sich der zu erwartende Fachkräftemangel sogar zu einem echten Problem für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen entwickeln.

Derzeit aber stehe Deutschland insgesamt betrachtet im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn sehr gut da. "Der Konjunktureinbruch war in erster Linie auf die Industrie beschränkt, die die Gesamtwirtschaft ein wenig schlechter hat aussehen lassen, als es tatsächlich der Fall war", erklärt Gern. Im Dienstleistungssektor zum Beispiel sei sogar ein geringes Wachstum festzustellen gewesen. Eine Einschätzung, die auch DIW-Chef Klaus Zimmermann teilt.

Die glimpfliche Entwicklung am Arbeitsmarkt ist auch damit zu erklären, dass gerade die durch die Rezession besonders in Mitleidenschaft gezogene Industrie vor der Krise mit erheblichem Arbeitskräftemangel zu kämpfen hatte. Die Beschäftigten hatten massiv Überstunden angehäuft. Die Überlastung ging nach den Auftragseinbrüchen zunächst auf ein Normalmaß zurück. Die Industrie kam schließlich dank der umfangreichen Kurzarbeiter-Regelung weitgehend ohne Entlassungen aus.

Das heißt aber auch, dass die Belegschaften schon bald wieder an ihre Belastungsgrenze stoßen könnten, wenn die Konjunktur wieder anzieht. "Wenn die Kurzarbeit abgebaut ist, werden sich die Überstundenkonten schon bald wieder füllen", erklärt Gern. Und dann dauere es nicht mehr lange, bis die Verbände wieder den Fachkräftemangel beklagten.

Mit Material von apn

URL:


Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung