Arbeitsmarkt 2010 Deutschland rüstet sich für das Jobkrisenjahr

2009 war schlimm, 2010 wird schlimmer. Nach Finanz-Crash und Konjunkturflaute droht Deutschland nun die große Jobmisere. Um die Turbulenzen am Arbeitsmarkt zu überstehen, braucht die Republik einen tiefgreifenden Strukturwandel.
Stahlarbeiter in Salzgitter: Weltkrise beschleunigt den Strukturwandel

Stahlarbeiter in Salzgitter: Weltkrise beschleunigt den Strukturwandel

Foto: A3803 Jochen Lübke/ dpa

Hamburg - Die Krise hat Deutschland voll erfasst. Um fünf Prozent ist die Konjunktur im ablaufenden Jahr geschrumpft. Schlüsselindustrien - etwa die Autobranche, der Maschinenbau, die Metall- und Elektrofertigung - verzeichneten trotz staatlicher Konjunkturmaßnahmen gewaltige Auftragseinbrüche. Die Warentransporte sanken entsprechend: In den ersten neun Monaten des Jahres beförderte die Bahn 226,4 Millionen Tonnen Rohstoffe und Industrieerzeugnisse - ein Fünftel weniger als im Vorjahreszeitraum.

Inzwischen ist der konjunkturelle Abschwung zwar gestoppt, Deutschlands Wirtschaft verzeichnet sogar ein leichtes Plus. Auf dem Arbeitsmarkt sieht es dennoch düster aus. Schon in den kommenden Monaten rechnen Experten mit einem deutlichen Stellenabbau. "Das Tempo der wirtschaftlichen Erholung reicht nicht aus, um die Beschäftigung stabil zu halten", sagte DIW-Konjunkturchef Christian Dreger kürzlich.

Nach 2008, dem Jahr der Finanzkrise, und 2009, dem Jahr der Konjunkturkrise, rüstet sich Deutschland nun für 2010, für das Jahr der Jobkrise.

Wie eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage zeigt, zeichnet sich diese Entwicklung bereits ab: Allein die Dax-Konzerne haben in den vergangenen Monaten 116.385 Arbeitsplätze abgebaut, davon 45.354 in Deutschland (siehe Tabellen links). Der Kahlschlag zieht sich quer durch alle Branchen: Der Autokonzern Daimler   hat hierzulande 4200 Stellen gestrichen, der Handelsriese Metro   3800, beim Stahlkonzern ThyssenKrupp   fielen 3200 Jobs weg, beim Industriegiganten Siemens   3000.

Arbeitsmarktexperten zufolge war das erst der Anfang. Unter ihnen gilt die Devise: 2009 war schlimm, 2010 wird schlimmer. Die Regierung und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erwarten, dass die Zahl der Arbeitslosen von derzeit rund 3,2 Millionen auf 4,1 Millionen im kommenden Jahr empor schnellt. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sagt für das kommende Jahr rund 3,9 Millionen Erwerbslose vorher. "Das Schlimmste steht am Arbeitsmarkt noch bevor", sagt DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy.

Warum der Arbeitsmarkt unter Druck gerät

Die Mechanik des Abschwungs ist schnell erklärt: Durch die Wirtschaftskrise schwächeln die Geschäfte der Unternehmen, zudem werden aufgrund der Vertrauenskrise am Finanzmarkt die Spielräume bei den Krediten geringer. In der Folge werden weniger Aufträge vergeben, was dazu führt, dass in vielen Branchen Produktion und Absatz einbrechen. Weltweit werden weniger Produkte nachgefragt. Die deutsche Wirtschaft trifft das ins Mark: Ihr Bruttoinlandsprodukt wird zu 47 Prozent durch Ausfuhren generiert.

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, rechnet daher für 2010 vor allem in Schlüsselindustrien, die vom Außenhandel besonders abhängig sind, mit einem radikalen Jobabbau. "Diese Rezession ist eine Industrierezession", sagt auch Roland Dörn, Arbeitsmarktexperte am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

Experten wie Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, erwarten zudem einen massiven Anstieg der Firmeninsolvenzen, vor allem in der Autoindustrie und im Maschinenbau. Dadurch geraten auch gesunde Unternehmen in Geldnöte: Zahlungen klammer Kunden und Auftraggeber verzögern sich.

Auch Banken geraten durch Kreditausfälle unter Druck, die Lage am Geldmarkt verschärft sich. Durch Liquiditätsprobleme der Unternehmen drohe schlimmstenfalls ein konjunktureller Rückschlag, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), am Montag dem "Handelsblatt".

Kurzarbeit stößt an ihre Grenzen

Erschwerend kommt hinzu: Die Maßnahmen, die am Jobmarkt bisher das Schlimmste verhindert haben, verlieren ihre Wirksamkeit. "Da findet gerade ein Rennen gegen die Zeit statt", sagt Henrik Enderlein, Ökonom an der Berliner Hertie School of Governance. Das gilt vor allem für die Kurzarbeit, jene weltweit einmalige Joberhaltungsmaßnahme, die Massenentlassungen in Deutschland bisher vermieden hat.

Derzeit arbeiten 1,1 Millionen Menschen kurz. In den betroffenen Unternehmen steigen dadurch die Lohnstückkosten, also die Lohnkosten im Vergleich zur Produktionsleistung der Beschäftigten. In der Metall- und Elektroindustrie etwa legten die Lohnstückkosten im ersten Halbjahr 2009 laut einer IW-Erhebung um 29 Prozent zu. Vielen wird das Instrument zur Fachkräfteerhaltung allmählich zu teuer. Personalabbau scheine 2010 vielerorts unvermeidlich, warnte dann auch der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Das sehen auch unabhängige Experten so. "Die Produktivität in den Betrieben ist stark gesunken, die Lohnstückkosten dagegen sind stark gestiegen", sagt Joachim Scheide, Leiter des Prognose-Zentrums im Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Wir rechnen damit, dass sich die Lage am Jobmarkt in den kommenden Monaten rapide verschlechtert."

Wann genau der große Absturz erfolgt, lässt sich allerdings kaum prognostizieren. "Viele Firmen sind seit Monaten nicht voll ausgelastet. Wir haben keine Informationen, wie lange sie das noch durchhalten, ohne Mitarbeiter zu entlassen", sagte Sabine Klinger, Konjunkturexpertin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Montag der Nachrichtenagentur dpa.

Beginn eines fundamentalen Wandels - Deutschland muss sich runderneuern

Sicher sei nur, dass es in der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nie vorgekommen sei, dass Unternehmen sinkende Produktivität einfach so hingenommen hätten. In der aktuellen Rezession habe sich die Stundenproduktivität in der deutschen Wirtschaft zum ersten Mal seit 1970 verringert. "Für gewöhnlich lösen solche Entwicklungen Entlassungswellen aus", sagte Klinger. Für solche gebe es bislang aber noch keine Anzeichen.

Einig sind sich die Experten dagegen in einem anderen Punkt: Auch in den kommenden Jahren bleiben die Aussichten für den Arbeitsmarkt düster. Zu tief ist Deutschlands Konjunktur gestürzt, zu langsam berappelt sie sich wieder. "Alle exportorientierten Industrien geraten stark unter Druck. Das Niveau der Exporte ist sehr niedrig. Es wird ein paar Jahre dauern, bis es sich wieder auf dem Niveau vor der Krise befindet", sagt Konjunkturexperte Scheide.

Immer deutlicher zeigt sich zudem, dass die Jobkrise in den Schlüsselindustrien nicht nur durch die Konjunkturflaute verursacht wurde - sondern auch durch einen gewaltigen Strukturwandel, der sich durch den globalen Abschwung jetzt rapide beschleunigt. Klassische Industriezweige verlieren an Bedeutung - und der Trend wird auch nach der Krise anhalten. In der Folge entstehen im Industriesektor Überkapazitäten. Der Riss, der durch den deutschen Jobmarkt geht, verbreitert sich. In der Metall- und Elektroindustrie etwa ist die Produktion seit Beginn 2009 um ein Viertel geschrumpft. Im Maschinenbau sind die deutschen Werke nur noch zu 70 Prozent ausgelastet; vor einem Jahr lag der Wert noch bei fast 90 Prozent. Die Autobranche leidet massiv unter Überkapazitäten.

Viele Großkonzerne werden auch in den kommenden Jahren in Deutschland Jobs abbauen. Siemens   etwa erwirtschaftet nur gut 14 Prozent seines Umsatzes hierzulande, beschäftigt aber noch rund ein Drittel seiner Mitarbeiter in der Bundesrepublik. Bei Daimler arbeiten mehr als 60 Prozent der Beschäftigten im Inland, der Konzern verkauft aber drei Viertel seiner Fahrzeuge im Ausland. Dieses Ungleichgewicht lässt sich immer schwerer aufrechterhalten.

Deutschland am Wendepunkt

Die Weltkrise beschleunigt den Strukturwandel in Deutschland. 2010 ist daher nicht nur das Jahr der Jobkrise. Es ist auch das Schicksalsjahr für die Zukunft der Republik: das Jahr, in dem viel Altes vergeht und das Neue sich erst durchsetzen muss.

Schon jetzt richten sich die Hoffnungen vieler Experten auf Zukunftsmärkte wie die Informationstechnologie, die Umwelttechnologie und den Gesundheitssektor, der durch die immer älter werdende Gesellschaft an Bedeutung gewinnt. Die Frage, die sich viele stellen, ist, ob in diesen Zukunftsmärkten genauso schnell Jobs entstehen, wie in den alten Märkten verloren gehen.

Der Staat wird dabei nicht viel helfen können - er hat seinen finanziellen Spielraum weitgehend aufgebraucht. Um die Banken zu retten, um die Konjunktur anzukurbeln, wird der Bund 2010 fast 86 Milliarden Euro an neuen Krediten aufnehmen. Von 2011 bis 2016 aber muss Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) 60 Milliarden Euro einsparen, jedes Jahr zehn Milliarden, um die Bundeskasse wieder in Einklang mit Stabilitätspakt und Schuldenbremse zu bringen. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fürchtet deshalb bereits einen "Magerstaat".

"Der Staat kann die Wirtschaft im Umbruch nicht mehr stützen", sagt Wolfgang Buchholz, Professor für Umweltökonomie an der Universität Regensburg. "Deutschland muss sich aus eigener Kraft restrukturieren."

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