Wegen Brexit Deutsche Bahn bläst Börsengang bei britischer Tochter vorerst ab

Der Vorstand der Deutschen Bahn bringt seine britische Tochterfirma Arriva nicht wie geplant an die Börse. Das Brexit-Chaos macht das Geschäft zu riskant.

Ein Arriva-Zug in den Niederlanden
Richard Wareham / imago images

Ein Arriva-Zug in den Niederlanden

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Wer in London in einen der typischen, roten Doppeldeckerbusse steigt, denkt nicht automatisch an Eisenbahnen in Deutschland. Dabei könnte es gut möglich sein, in einem Fahrzeug zu sitzen, das der Deutschen Bahn gehört, genau genommen einem Tochterunternehmen namens Arriva. Denn seit Anfang des Jahrzehnts besitzt die DB AG das britische Traditionsunternehmen mit seinen rund 50.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von fünf Milliarden Euro.

Arriva betreibt Busse und Bahnen nicht nur auf der britischen Insel, sondern auch in Dänemark, Kroatien oder Polen. Doch die Bahn braucht dringend frisches Geld, und deshalb soll Arriva abgestoßen werden. Wenn es nach dem DB-Finanzvorstand Alexander Doll geht, sogar noch in diesem Jahr.

Der Ex-Investmentbanker wollte nach SPIEGEL-Informationen den Konzern an die Börse in Amsterdam bringen. Daraus allerdings wird erst einmal nichts. Auf einer kurzfristig anberaumten Telefonkonferenz des Aufsichtsrats am Freitag beschloss das Kontrollgremium, den Deal auf Eis zu legen. Bei den "aktuellen politischen Unsicherheiten" sei eine Bekanntgabe des Börsengangs im Oktober und ein Börsengang im November "riskant", so heißt es nach Informationen aus Aufsichtsratskreisen in einem Informationstext für das Kontrollgremium. Gemeint mit den Unsicherheiten ist der Brexit.

Für Finanzvorstand Doll bedeutet die Entscheidung über eine Vertagung des Arriva-Verkaufs einen Rückschlag. Der aus Frankfurt stammende, seit rund einem Jahr im Berliner Bahntower tätige Manager wollte sich mit dieser Transaktion profilieren. Ursprünglich hatte er nach einem einzelnen Käufer Ausschau gehalten. Doch aus Aufsichtsratskreisen heißt es, die von Investoren genannten Angebote seien zu niedrig gewesen.

Neuer Versuch frühestens im nächsten Jahr

Die Bahn hatte Arriva ursprünglich für knapp drei Milliarden Euro übernommen. Der Verkauf soll mindestens die gleiche Summe wieder einspielen.

Jetzt soll über den Arriva-Verkauf im Aufsichtsrat frühestens im Januar, vielleicht aber auch erst im April entschieden werden. Dies sei abhängig vom Austrittszeitpunkt Großbritanniens aus der EU.

Für die Bahn ist der einstweilig gestoppte Börsengang nicht ohne Wirkung. Denn in diesem Jahr sowie in den kommenden Jahren finden sich Milliardenlöcher im Haushalt. Kurzfristig sind diese mit einer sogenannten Hybridanleihe in Höhe von zwei Milliarden Euro gestopft worden. Doch weitere Milliarden werden dringend benötigt für die Modernisierung von Schienen und fahrendem Gerät.

Hinzu kommt, dass der Bund als hundertprozentiger Eigentümer der Bahn mit der Leistungsfähigkeit des Vorstands ohnehin nicht zufrieden ist. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) schickte Anfang des Monats einen Brandbrief an Bahn-Vorstand Richard Lutz und forderte bis zum 14. November ein Konzept, um die Mängel im Konzern, etwa bei der Pünktlichkeit aber auch in der Arbeit des Vorstands, abzustellen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, die angeführten Zitate entstammten einem Beschluss des Aufsichtsrats. Tatsächlich sind sie einem Informationstext des Gremiums entnommen. Der Fehler wurde korrigiert.



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Stäffelesrutscher 21.10.2019
1.
»Für Finanzvorstand Doll bedeutet diese Entscheidung einen Rückschlag. Der aus Frankfurt stammende, seit rund einem Jahr im Berliner Bahntower tätige Manager wollte sich mit dieser Transaktion profilieren.« Schau an - also »Profilierung« ist der Grund für den geplanten Verkauf. Nicht etwa »ist das operativ und/oder finanziell sinnvoll?« Was hat denn dieser Herr Doll bisher so getrieben im Zusammenhang mit der Bahn? Das könnte man doch auch mal berichten ...
tschosl 21.10.2019
2. No Go
Das heisst mit meinen Steuern und meinem Ticket, finanziere ich ein Management, das Milliarden im Ausland ausgibt, aber nicht fähig ist, eine Bahnhofstoilette zu unterhalten, da wird einem nur noch schlecht !
swandue 21.10.2019
3.
Nicht nur der Bahn-Vorstand ist unfähig - Auch Politiker sind das, die z.B. festlegen, dass die Bahn Reparaturen am Streckennetz bezahlen muss, während ihr Eigentümer, der Bund, für den Neubau von Strecken aufkommt. Konsequenz: Die Bahn lässt Strecken verfallen, der Neubau ist in der Regel teurer - Aber belastet nicht ihr Budget. Wie wenn der Sohn den Vater übers Ohr haut.
spiegerlguckerl 21.10.2019
4. Die Deutsche Bahn
tut gut daran, Arriva nicht zur Börse zu bringen. Sie hat dort nämlich nichts zu suchen, genausowenig wie die Deutsche Bahn selbst ebenfalls nicht auf die Börse gehört. Sie, und die schlimmen privaten UK Bahnunternehmen gehören einzig und allen in die Hand des Staates, und damit des zahlenden und pendelnden bzw. reisenden und zu Recht Zuverlässigkeit erwartenden Volkes, also der Stakeholder, und nicht der Shareholder!!
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