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21. März 2011, 17:48 Uhr

Atomausstieg

Finanzspritze für die große Wind-Vision

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Atomkraft ist plötzlich out, jetzt drückt die Regierung bei der Ökoenergie aufs Tempo. Laut einem internen Masterplan sollen Meereswindparks deutlich stärker gefördert werden als bisher. Banken und Konzerne profitieren - der Verbraucher zahlt drauf.

Hamburg - Die Regierung feilt an einem Aktionsprogramm für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Ein Schwerpunkt ist nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die Offshore-Windenergie. Die gewaltigen Anlagen sollen weit draußen vor der Küste entstehen, wo der Wind beständiger bläst als an Land - und wo sich deutsche Wutbürger nicht an Riesenrotoren stören können. Das Ziel: eine geringere Abhängigkeit von Kohle- und Atomstrom.

Zuletzt hatte die Windenergiebranche harte Zeiten durchgemacht. Nach dem Rekordjahr 2008, als in Europa Windanlagen mit einer Kapazität von elf Gigawatt installiert wurden, brach die Nachfrage stark ein. Investoren verloren den Glauben an das weitere Wachstum der Industrie. Der Offshore-Bereich, von Umweltministerium und Windbranche zum nächsten Zukunftsmarkt deklariert, machte durch Technikprobleme und Finanzskandale Schlagzeilen.

Jetzt herrscht plötzlich wieder Goldgräberstimmung: Seit dem Unfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima I führt Deutschland eine aggressive Atomausstiegsdebatte. Politiker und Lobbyisten versuchen, sich mit Konzepten für einen raschen Ausbau der erneuerbaren Energien zu übertreffen.

Laut Bundesregierung soll der Anteil der Ökoenergien an der Stromproduktion von 17 Prozent auf bis zu 40 Prozent steigen. Dabei wird vor allem die Vision riesiger Offshore-Parks bemüht: Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen die Hochsee-Windräder 10.000 Megawatt Leistung bringen. "Offshore ist die Technologie, die politisch am wenigsten auf Widerstand stößt", sagt Bayerns früherer Umweltminister Thomas Goppel (CSU).

Vergütung wird erneut erhöht

Doch die Regierung hat große Versäumnisse wettzumachen. Denn in den vergangenen Jahren ging es mit den Hochsee-Windparks nur schleppend voran. "Der Ausbau der Offshore-Windenergie hinkt den Projektplänen massiv hinterher", sagt Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE).

Jetzt sollen die bereits geplanten Projekte beschleunigt werden. Laut einem Eckpunktepapier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, plant die Regierung dafür folgende Maßnahmen:

Keiner der Punkte ist neu. Schwarz-Gelb will lediglich jenen Maßnahmenkatalog vorziehen, der sich schon im September 2010 im Energiekonzept der Regierung fand. Konkret war seinerzeit davon die Rede, den Bau der ersten zehn Offshore-Windparks zu fördern - mit einem Sonderprogramm der KfW. Kreditvolumen: fünf Milliarden Euro zu Marktzinsen. Auch ein Sonderprogramm zur Finanzierung von Spezialschiffen erwogen, die zum Bau der Hochsee-Windparks dringend benötigt werden, wurde seinerzeit erwogen.

Eine kürzere, dafür höhere Vergütung des Offshore-Windstroms wurde ebenfalls schon thematisiert. Nach SPIEGEL-Informationen soll der Strom, den Offshore-Windparkbetreiber in die Netze einspeisen, von 15 auf mehr als 18 Cent pro Kilowattstunde angehoben werden. Im Gegenzug soll die Förderdauer von aktuell 14 auf neun Jahre gekürzt werden. Das zumindest fordert die Energiebranche.

Die Förderung für Offshore-Windkraft würde damit schon zum zweiten Mal binnen weniger Jahre angehoben. Parkbetreiber würden für ihre Elektrizität mehr als dreimal so viel bekommen wie sie an der Strombörse kostet.

Riskante Investition

Durch die höhere Förderung, so das Argument, würde die Finanzierung der kapitalintensiven Offshore-Projekte durch Banken erheblich verbessert. Die Rendite für die Betreiber der Offshore-Windparks würde von heute sieben auf bis zu zwölf Prozent steigen, schätzt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

Was für Investoren ein Segen wäre, würde für die Verbraucher zusätzliche Kosten bedeuten. Zwar soll die Anschubfinanzierung durch den kürzeren Förderzeitraum kostenneutral sein - in den ersten Jahren zahlen Stromkunden aber umso mehr. Denn die Vergütung des Windstroms müssen die Kunden über Aufschläge auf ihrer Stromrechnung finanzieren.

Dabei mindert die höhere Renditegarantie nicht das große Risiko, das Investoren eines Offshore-Windparks eingehen. "Der Bau eines Windparks verschlingt oft mehr als eine Milliarde Euro", sagt Albers. Und für Investoren herrschten oft unsichere Bedingungen. Die Technik ist bislang kaum erprobt. Konzerne wie E.on, RWE, Vattenfall und Co., aber auch kleinere Anlagenbauer mussten in den vergangenen Jahren zahlreiche Rückschläge hinnehmen.

Ein großes Problem der deutschen Windmüller ist, dass sie ihre Parks sehr weit draußen auf dem Meer errichten müssen. Um das sensible Wattenmeer zu schützen und Proteste der Tourismusbranche gar nicht erst aufkommen zu lassen, hat die Bundesregierung einen Mindestabstand von 30 Kilometern zur Küste festgesetzt - deutlich mehr als in anderen EU-Staaten. Der Meeresgrund liegt in diesen Regionen zum Teil in 40 Metern Tiefe.

Probleme mit dem Netzanschluss

Auf wogender See errichten die Windparkbauer nun ihre rund 150 Meter hohen und tausend Tonnen schweren Türme. Boote, die selbst bei mehreren Metern Wellenhöhe in der Lage sind, sensible Rotoren und tonnenschwere Gondeln in großer Höhe zentimetergenau zu justieren, mussten erst entwickelt werden. Wegen Sturm und Kälte müssen die Arbeiten oft unterbrochen werden - bei Projekten wie dem Windpark "Bard I" mussten die Zeitpläne mehrfach gestreckt werden.

Zudem erhalten Hersteller von Offshore-Windanlagen oft nur schwer eine Garantie, dass ihr Windpark, wenn er fertiggebaut ist, auch tatsächlich sofort ans Stromnetz kann. Zwar sind die Netzbetreiber dazu gesetzlich verpflichtet - doch verlangen sie für eine Anschlussgarantie oft, dass die Finanzierung für das Windparkprojekt bereits steht. Banken wiederum verlangen von Investoren, dass die Anschlussgarantie steht, bevor sie Geld zuschießen. Ein Teufelskreis.

"Die Regierung hat sich bemüht, dieses Problem in den Griff zu bekommen", sagt Albers. "Bislang allerdings mit bescheidenem Erfolg." Deutschlands erster Ostsee-Park "Baltic 1" etwa war im Herbst 2010 fertiggebaut - der Netzanschluss erfolgte erst in diesem Januar.

Banken dürfen auf Boom hoffen

Solche Probleme lassen sich mit KfW-Krediten und höherer Förderung kaum lösen - zumindest nicht kurzfristig. BWE-Präsident Albers begegnet den aktuellen politischen Ankündigungen deshalb skeptisch. "Die Regierung versucht, den Ausbau der Offshore-Windenergie als Patentlösung für den Atomausstieg zu verkaufen", sagt er. "Doch die Technologie wird erst in einigen Jahren signifikante Strommengen liefern. Effizienter für einen raschen Ausbau der Ökostrommengen wären neue Windparks an Land. Vor allem in Süddeutschland gibt es noch viele Regionen, die sich für Onshore-Projekte eignen."

Die Banken, die sich bei Krediten für Offshore-Parks bisher oft gesträubt haben, dürfen trotzdem auf einen Investitionsboom hoffen. Notleidende könnten hingegen mittelständische Unternehmen und Stadtwerke sein. So liegt der Finanzierungsplan für Deutschlands größten Windpark "Bard I" seit Sommer 2010 auf Eis. Konsortien, die mehr als hundert Stadtwerke umfassen, hatten der federführenden HypoVereinsbank 2008 garantiert, die Kosten des 400-Megawatt-Monsterparks zu übernehmen. Seit Sommer 2010 steht der Finanzierungsbeschluss des 1,5-Milliarden-Euro-Projekts - doch seitdem kam es immer wieder zu Verzögerungen.

Nach den Ereignissen in Japan geht nun das Gerücht um, die HypoVereinsbank könnte bestehende Verträge mit den Stadtwerken kündigen und das plötzlich wieder attraktiv erscheinende Bard-Projekt an den Meistbietenden verkaufen. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, Aufsichtsratschef eines beteiligten Stadtwerke-Konsortiums, will das auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren. Er sagt: "Wir gehen bislang davon aus, dass bestehende Verträge eingehalten werden."

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