Atomausstieg Industrie schürt Angst vor Stromausfällen

Die Warnung klingt dramatisch: Der Verband energieintensiver Unternehmen behauptet, durch den Atomausstieg komme es immer öfter zu Stromausfällen im Millisekundenbereich, die Wettbewerbsfähigkeit von Konzernen sei bedroht. Doch hinter der Aufregung steckt ein altbekanntes Phänomen.
Stromnetze: Neue Belastungen durch Energiewende

Stromnetze: Neue Belastungen durch Energiewende

Foto: Jens Büttner/ dpa

Hamburg - Es klingt beunruhigend, was der Verband VIK in einer Presseerklärung  beklagt: Durch den Atomausstieg hätten sich in Deutschland die Netzstabilität und Stromqualität verschlechtert, schreibt die Interessenvertretung energieintensiver Unternehmen. "Stromausfälle im Millisekundenbereich" nähmen "sichtbar zu": "Was bei Haushalten nicht auffällt", heißt es in der Erklärung, "weil Kühlschränke oder Waschmaschinen dies aushalten -, bedeutet für hochkomplexe Fertigungsprozesse im Industrieland Deutschland teure Ausfälle. Weitere Folge für die Unternehmen: Kosten steigen und Liefertermine werden schlechter kalkulierbar; für einen Exportmeister keine akzeptable Entwicklung."

Das weckt Ängste. Hatten die Energiekonzerne während der Regierungsverhandlungen zum Atomausstieg nicht immer wieder genau davor gewarnt, dass die Netze durch den Wegfall der Kernkraftwerke instabil werden? Gab es nicht immer wieder die Furcht vor einem Blackout im Winter?

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die Lage ist weit weniger dramatisch als in der Meldung beschrieben. Die Stromausfälle, vor denen der VIK warnt, sind in Wahrheit gar keine. Strom sei bei den beschriebenen Störungen durchaus noch da, erläutert der Verband auf Nachfrage. Nur eben nicht mehr so viel wie normalerweise, weil die Spannung abfalle. Der korrekte Begriff für dieses Phänomen lautet nicht Stromausfall, sondern Kurzunterbrechung (KU). Umgangssprachlich wäre wohl Flackerstrom das bessere Wort, denn niemand sitzt deswegen im Dunkeln, man kann nur bisweilen sehen, dass Glühbirnen flackern.

Hinzu kommt: Die Behauptung, dass Ausfälle im Millisekundenbereich zunähmen, ist zwar plausibel. Der VIK hat dafür aber gar keine statistische Grundlage. Es sei auffällig, dass sich Mitgliedsunternehmen in letzter Zeit viel darüber beschwerten, heißt es aus dem Verband. Die letzte offizielle Umfrage dazu sei aber bereits 2009 durchgeführt worden. Rund 65 Mitgliedsfirmen des Verbands meldeten seinerzeit im Schnitt drei Kurzunterbrechungen pro Jahr. Schon damals beobachtete der Verband eine Zunahme dieser Störungen und erklärte diese unter anderem mit dem steigendem Kostendruck bei den Netzbetreibern.

Sprich: Das Flackerstrom-Problem, vor dem der Verband am Mittwoch warnte, ist weder neu, noch ist erforscht, inwieweit es sich durch den Atomausstieg verschlimmert hat. Auch handelt es sich vermutlich um ein Übergangsphänomen, immerhin will die Regierung die Spannung in den Netzen bis 2012 wieder stabilisieren.

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Grafiken: Deutschlands Energiewirtschaft

Foto: SPIEGEL ONLINE

Richtig ist, dass Industrieunternehmen unter den Kurzunterbrechungen leiden. Denn durch sie können bestimmte Geräte ausfallen, die wichtige Teile von Industrieanlagen steuern. Schlimmstenfalls fällt dadurch die Produktion aus, und den Firmen entstehen Schäden von einigen hunderttausend Euro. Viele Industriekonzerne sichern sich daher gegen solche Ausfälle ab. Sollte die Zahl der Kurzunterbrechungen wirklich langfristig steigen, müssten sie wohl künftig mehr Geld in Schutzmaßnahmen investieren.