Wiederinbetriebnahme »Frage des politischen Willens« TÜV-Chef sieht 2021 stillgelegte AKWs »in exzellentem Zustand«

Die Regierung streitet über einen »Streckbetrieb« der noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke. Laut TÜV-Verband könnten auch bereits stillgelegte Meiler in kürzester Zeit wieder sicher hochgefahren werden.
Ende 2021 abgeschaltetes Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein: Könnte laut Tüv kurzfristig wieder ans Netz gehen

Ende 2021 abgeschaltetes Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein: Könnte laut Tüv kurzfristig wieder ans Netz gehen

Foto: Chris Emil Janssen / IMAGO

Die Grünen in der Bundesregierung tun sich schwer damit, die Laufzeiten für die in Deutschland noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke zu verlängern. Dabei steckt in der Kernenergie dem TÜV zufolge sogar noch weiteres Potenzial, die derzeit angespannte Lage bei der Energieversorgung in Deutschland zu entlasten.

Auch eine Wiederinbetriebnahme der Ende 2021 stillgelegten Atomkraftwerke (AKW) Brokdorf in Schleswig-Holstein, Grohnde in Niedersachsen und Gundremmingen C in Bayern sei sicherheitstechnisch machbar und unbedenklich, sagte Joachim Bühler, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des TÜV-Verbands, der »Bild«-Zeitung . »Die drei Kraftwerke befinden sich nach unserer Überzeugung in einem sicherheitstechnischen Zustand, der es möglich machen würde, sie wieder ans Netz zu nehmen.«

Hintergrund der Debatte ist die Drosselung von Gaslieferungen aus Russland an Deutschland. Erdgas wird vor allem zum Heizen eingesetzt. Es trägt aber auch rund zehn Prozent zur Stromproduktion in Deutschland bei. Wenn man länger auf Atomenergie setzen würde, könnte man also mehr Gas zum Heizen nutzen.

»Diese Anlagen zählen zu den sichersten und technisch besten Kraftwerken, die es weltweit gibt. Sie waren und sind in einem exzellenten Zustand«, sagte Bühler dem Blatt. Die Wiederinbetriebnahme der abgeschalteten Meiler wäre »keine Frage von Jahren, sondern eher von wenigen Monaten oder Wochen«.

Sechs AKWs könnten bis 2026 Strom produzieren

Ein Gutachten des TÜV Süd hatte zuvor bereits einen Weiterbetrieb des Meilers Isar 2 in Bayern für machbar erklärt. Er ist zusammen mit Neckarwestheim in Baden-Württemberg und Emsland in Niedersachsen eines der drei noch aktiven deutschen Kernkraftwerke. Nach geltendem Recht müssen sie spätestens am 31. Dezember 2022 abgeschaltet werden. Die Politik diskutiert jedoch einen »Streckbetrieb« der Meiler , Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wartet laut einer Regierungssprecherin auf die Ergebnisse eines noch laufenden Stresstests zur Sicherheit der Stromversorgung.

Wie schnell die bereits stillgelegten Kraftwerke wieder ans Netz genommen werden könnten, sei »vor allem eine Frage des politischen Willens«, sagte TÜV-Chef Bühler. Es wäre möglich, die Laufzeit der drei 2021 stillgelegten, aber auch der drei aktiven AKWs bis zu drei Jahre zu verlängern. Im Falle einer Wiederinbetriebnahme und einer Laufzeitverlängerung könnten somit sechs Atomkraftwerke bis 2026 in Deutschland Strom produzieren.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte zuletzt zumindest einen Weiterbetrieb der drei verbliebenen Atomkraftwerke über das Jahresende hinaus unter bestimmten Voraussetzungen nicht ausgeschlossen. Beim sogenannten Stresstest könne sich ein »Sonderszenario« ergeben, sagte der Grünenpolitiker in der Sendung »RTL Aktuell«. »Die Frage, die relevant gestellt werden muss, ist, ob die Stromnetzstabilität in diesem Jahr durch weitere Maßnahmen gesichert werden muss.«

FDP fordert Atomgipfel im Kanzleramt

Die Grüne Jugend nennt die aktuelle Diskussion über eine Laufzeitverlängerung dagegen eine »gefährliche Scheindebatte«. Sie helfe in der aktuellen Situation nicht, sagte Bundessprecher Timon Dzienus. Zwar gelte es, den derzeit laufenden Stresstest abzuwarten, sagte Dzienus, »grundsätzlich gilt aber: Eine Laufzeitverlängerung ist mit uns nicht zu machen«. Er verwies unter anderem auf Risiken der Technologie.

Unter anderem der Städte- und Gemeindebund (DStGB) dagegen verlangt wegen der drohenden Energieengpässe einen vorübergehenden Weiterbetrieb der verbliebenen Atomkraftwerke. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg sprach sich in der »Neuen Osnabrücker Zeitung« für eine »kurzzeitige befristete Weiternutzung der Atomkraft in Deutschland« aus. Mit Blick auf den nächsten und womöglich übernächsten Winter müssten »alle europäischen Potenziale der Energiewirtschaft« aktiviert werden, sagte Landsberg.

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Die FDP fordert derweil einen Atomgipfel im Kanzleramt. Der energiepolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Michael Kruse, der sich für eine Laufzeitverlängerung bis Frühjahr 2024 ausgesprochen hat, sagte dem »Tagesspiegel«: »Wie maximale Sicherheit gewährleistet werden kann und ob in Einzelfällen dafür auch kurzfristig neue Brennelemente benötigt werden, sollte die Bundesregierung in einem Kernenergiegipfel mit den Betreibern und Branchenverbänden klären.«

apr/Reuters/dpa/AFP
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