SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. August 2009, 15:52 Uhr

Aufschwung in Gefahr

Ökonomen warnen vor Konjunktur-Rückschlag

Die Wirtschaft wächst wieder, die Exporte legen zu, auch der ZEW-Index steigt - die Aussichten auf einen Aufschwung werden besser. Doch führende Ökonomen dämpfen jetzt die Hoffnung: Es drohe eine zweite Runde der Krise.

Düsseldorf - Die deutsche Wirtschaft steht womöglich vor einem schweren Rückschlag: Laut "Handelsblatt" befürchten führende Ökonomen eine zweite Runde der Wirtschaftskrise in Deutschland. So hält der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf, Gustav Horn, die entsprechenden Warnungen der Bundesbank für durchaus plausibel. "Denn erfahrungsgemäß treten die Pleiten und Privatinsolvenzen mit Verzögerung auf, so dass deren kräftigster Anstieg eventuell erst im kommenden Jahr zu erwarten ist", sagte Horn der Zeitung.

Begründet sieht Horn seine Vermutung darin, dass die Arbeitslosigkeit trotz der besseren Konjunkturdaten noch "deutlich" ansteigen dürfte. Das belaste den Konsum, der derzeit die Konjunktur noch stütze, warnte Horn. "Insofern ist ein konjunktureller Rückschlag wahrscheinlich, die Krise ist eben noch nicht überwunden."

Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, hält einen Rückschlag für die Konjunktur für möglich. "Die Wirtschaftskrise hat massiv in die Geschäfte auch starker Unternehmen eingegriffen und macht manche Kredite fragwürdig", sagte Zimmermann dem "Handelsblatt". "Zu den Risiken des beginnenden Aufschwungs gehört daneben die jetzt wachsende Gefahr einer Kreditklemme."

Zimmermann warf in diesem Zusammenhang der Bundesregierung vor, den Zeitpunkt verpasst zu haben, rechtzeitig durch Einführung einer funktionierenden Bad Bank die Bankenszene von den giftigen Wertpapieren zu befreien. Die Folgen lägen auf der Hand: Die Landesbanken hätten ihr Kreditgeschäft eingeschränkt, die internationalen Banken hätten ihr Geschäft in Deutschland reduziert, und die Sanierung der Großbanken, insbesondere der Commerzbank, sei noch nicht abgeschlossen. Infolgedessen nehme der Druck auf Volksbanken und Sparkassen zu: "Man wird die Finanzbranche weiter im Auge behalten müssen", sagte Zimmermann.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium weist in seinem aktuellen Monatsbericht darauf hin, dass noch nicht alle Probleme im Bankensektor vollständig gelöst seien. Zugleich warnt das Ministerium vor zu viel Euphorie im Hinblick auf die konjunkturellen Erwartungen: "In der Summe bleiben erhebliche Risiken für die weitere wirtschaftliche Erholung."

Unter Börsenprofis nimmt die Zuversicht unterdessen immer weiter zu: Der ZEW-Index, der die Stimmung unter Finanzanalysten und institutionellen Anlegern abbildet, stieg im August überraschend deutlich von 39,5 Punkten im Vormonat auf 56,1 Punkte, wie das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mitteilte. Experten hatten im Schnitt mit einer Verbesserung auf 47,3 Punkte gerechnet.

yes

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung