Ausblick für 2011 Ökonomen warnen vor großen Risiken

2010 lief hervorragend für die deutsche Wirtschaft - doch für 2011 warnen Ökonomen vor zu viel Euphorie. "Die Risiken sind erheblich", sagt der Wirtschaftsweise Schmidt. Auch andere Experten halten die konjunkturelle Entwicklung für äußerst fragil.

Stahlwerk in Salzgitter: Volkswirte fürchten ein Comeback der Finanzkrise
DPA

Stahlwerk in Salzgitter: Volkswirte fürchten ein Comeback der Finanzkrise


Berlin - Es war ein extrem starkes Jahr für die deutsche Wirtschaft: 2010 ist sie um sagenhafte 3,6 Prozent gewachsen - so viel wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Doch nach der Freude über die guten Zahlen warnen Experten nun vor zu viel Euphorie: 2011 könne es zu herben Rückschlägen kommen.

"Die Risiken sind erheblich", sagt der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt. Der Chefvolkswirt der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), Heiner Flassbeck, hegt sogar Zweifel an der Nachhaltigkeit des Aufschwungs: "Insgesamt gesehen ist die deutsche Wirtschaftsentwicklung in diesem Jahr mehr als fragil."

Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass Deutschland auf einen stabilen, aber flachen Wachstumspfad komme, sagt Schmidt, der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) ist und als Mitglied des Sachverständigenrats die Bundesregierung berät. "Es sieht mittelfristig ganz gut aus, aber es wäre auch keine große Überraschung, wenn es den einen oder anderen Rückschlag geben würde."

Werde die Schuldenkrise in Europa nicht gelöst oder müssten die Euro-Länder zu sehr sparen, "fehlt es an Nachfrage für unsere Exportprodukte". Auch könne die weltweit reichlich vorhandene Liquidität mittelfristig zu einem Anstieg der Inflation führen. "Und niemand weiß, ob die Finanzkrise ausgestanden ist oder nicht doch noch ein Problem in der Bilanz der einen oder anderen großen Bank schlummert", sagt Schmidt.

Real könnten die Einkommen sogar sinken

Noch düsterer ist der Ausblick von Uno-Fachmann Flassbeck: Er rechnet trotz der sinkenden Arbeitslosigkeit nicht mit einem Konsumboom in Deutschland. "Die Masseneinkommen, die aus Löhnen und Sozialleistungen gespeist werden, steigen nominal kaum mehr als 2010." Real - also unter Berücksichtigung der Inflation, würden sie sogar sinken, schreibt er in einem gemeinsam mit der Ökonomin Friederike Spiecker verfassten Gastbeitrag für die Nachrichtenagentur Reuters.

Die Exportbranche selbst hingegen gibt sich optimistisch. Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) erwartet, dass die Ausfuhren 2011 erstmals die Marke von einer Billion Euro erreichen werden. Dies gelte auch für den Fall, dass sich die Weltwirtschaft wie erwartet abschwächen werde.

Was den Euro betrifft, rechnen die deutschen Exporteure nur kurzfristig mit einem sinkenden Wechselkurs. Die Gemeinschaftswährung werde zwar in nächster Zeit zum Dollar verlieren, aber in der zweiten Jahreshälfte wieder zulegen, sagte der Präsident des BGA, Anton Börner. "Die Probleme in Amerika sind um ein Vielfaches größer als in Europa. Irgendwann werden das die Märkte auch mitkriegen."

Auch der deutsche Maschinenbau meldet gute Zahlen. Bei den Unternehmen der deutschen Schlüsselindustrie gingen im November real 43 Prozent mehr Bestellungen ein als im Vorjahresmonat, wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) mitteilte. Im Oktober war das Plus mit 32 Prozent noch kleiner ausgefallen.

Hinter dem kräftigen Plus standen vor allem Bestellungen aus dem Ausland. Diese kletterten im November um 53 Prozent, während aus dem Inland 23 Prozent mehr Aufträge hereinkamen.

Wachstum in Deutschland gegenüber Vorjahr in Prozent

2010 2009 2008
Privater Konsum 0,5 -0,2 0,7
Staatskonsum 2,2 2,9 2,3
Ausrüstungsinvestitionen 9,4 -22,6 3,5
Bauinvestitionen 2,8 -1,5 1,2
Export 14,2 -14,3 2,5
Import 13,0 -9,4 3,3
Bruttoinlandsprodukt 3,6 -4,7 1,0
Brutttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen 3,1 -4,7 -0,4

Quelle: Statistisches Bundesamt

wal/Reuters/dpa-AFX



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28franzl 12.01.2011
1. Ökonomen warnen vor Risiken
Wie kommt es, dass Ökonomen auch jetzt wieder zu vollkommen gegensätzlichen Einschätzungen der deutschen Wirtschaftslage kommen. Über die Qualität der daraus entwickelten Prognosen für die weitere Entwicklung sagt dies viel aus. Wertet man noch die Vorhersagequalität der jüngsten Vergangenheit aus, weiß man sehr schnell, was von ökomomischen Analysen und Prognosen, von wem auch immer, zu halten ist. Die Wirtschaftswissenschaft bzw. diejenigen, die ihre Einschätzungen publizieren, täten gut daran die vielen Unwägbarkeiten in Ihren Aussagen explizit herausstellen, damit der geneigte Leser dies nicht alles für bare Münze nimmt, was da orakelt wird.
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