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04. Juni 2019, 07:50 Uhr

Hohe Steuern und Arbeitskosten

Ausländische Firmen investieren weniger in Deutschland

Der Standort Deutschland verliert für ausländische Investoren deutlich an Attraktivität. Laut einer Managerbefragung fällt die Bundesrepublik im europaweiten Vergleich erstmals zurück.

Das Beratungsunternehmen Ernst & Young (EY) spricht von einem Warnsignal: Ausländische Investoren haben ihr Engagement in Deutschland im vergangenen Jahr merklich reduziert. Das geht aus einer Managerbefragung von EY hervor. Demnach sank die Zahl der Projekte im vergangenen Jahr um 13 Prozent auf 973. Es ist der erste Rückgang überhaupt, seit die Zahlen 2005 zum ersten Mal erhoben wurden.

"Deutschland ist nicht mehr Wachstumsmotor der europäischen Wirtschaft", deutete EY-Deutschlandchef Hubert Barth das Ergebnis. Es seien dringend wieder eine positive Dynamik und neue Wachstumsimpulse nötig. Zwar bekomme Deutschland von ausländischen Investoren gute Noten für politische Stabilität und Berechenbarkeit - "aber auch ein wettbewerbsfähiges Steuersystem, wirtschaftliche und politische Aufbruchstimmung sowie Offenheit für neue Technologien sind wichtige Faktoren", schreiben die Berater. In diesen Bereichen habe Deutschland Nachholbedarf.

So könne die Bundesrepublik mit Infrastruktur, dem stabilen politischen und rechtlichen Umfeld sowie der Qualifikation der Arbeitskräfte punkten. Schwächen sehen die Investoren dagegen bei der Flexibilität des Arbeitsrechts, in Steuerfragen, bei Anreizen und Vergünstigungen für Unternehmen und bei den Arbeitskosten.

Großbritannien ist attraktiver als Deutschland

Mehr als ein Drittel der befragten Vertreter internationaler Unternehmen, die bereits in Deutschland aktiv sind, äußerte sich negativ. Im Jahr zuvor war es ein gutes Viertel. Was die Zahl der Investitionsprojekte angeht, rutschte Deutschland vom zweiten auf den dritten Platz und liegt nun hinter Frankreich. Platz eins belegt trotz der Brexit-Unsicherheiten weiter Großbritannien. Dort wurden 1054 Projekte gezählt - allerdings gab es hier ebenfalls ein Minus von 13 Prozent. Insgesamt ging die Zahl der Projekte in Europa um vier Prozent zurück.

Wichtigste Investoren in Deutschland waren laut der Befragung im vergangenen Jahr mit 220 Projekten nach wie vor US-Unternehmen. Dahinter folgen Firmen aus der Schweiz, China und Großbritannien, wobei diese sich 2018 deutlich weniger in Deutschland engagierten.

Ein Projekt ist in der EY-Methodik breit definiert: Erfasst wurden solche Investitionen, die zur "Schaffung neuer Standorte und neuer Arbeitsplätze" führten. Wie viele Arbeitsplätze dabei entstehen, ist für die Wertung als Projekt unerheblich. Allerdings werden keine Firmenübernahmen oder Ersatzinvestitionen gezählt, wenn dabei nicht neue Arbeitsplätze entstehen.

Deutsche Firmen starten fast 700 Projekte in Europa

US-Firmen schufen demnach europaweit am meisten neue Arbeitsplätze: Laut EY-Zählung bauten sie fast 73.000 Jobs auf. Deutsche Firmen sind Jobmotor Nummer zwei mit rund 57.000 Stellen. Dahinter folgte China mit knapp 16.000 Stellen.

Zur Ermittlung der Standort-Attraktivität in Deutschland und Europa hat EY weltweit 506 Entscheidungsträger von Unternehmen von einem Marktforschungsinstitut befragen lassen. Speziell zur Attraktivität Deutschlands wurden den Angaben zufolge weitere 203 Entscheidungsträger in einer gesonderten Befragung interviewt.

Die Erhebung zeigt auch, dass deutsche Unternehmen im Ausland nach wie vor sehr investitionsfreudig sind. So starteten Deutschlands Konzerne 2018 in Europa mehr Projekte als je zuvor - nämlich 695. Wichtigstes Ziel mit 187 Projekten war Frankreich, das deutlich hinzugewinnen konnte. In Großbritannien starteten die Deutschen hingegen ein Drittel weniger Projekte, nur 71. Dahinter folgte Polen mit gut 54 Projekten.

In Europa waren vor den deutschen Unternehmen nur US-Unternehmen im vergangenen Jahr aktiver.

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mmq/dpa-AFX/AFP

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