Hohe Steuern und Arbeitskosten Ausländische Firmen investieren weniger in Deutschland

Der Standort Deutschland verliert für ausländische Investoren deutlich an Attraktivität. Laut einer Managerbefragung fällt die Bundesrepublik im europaweiten Vergleich erstmals zurück.

Hamburger Hafen
Hans-Peter Merten/ Getty Images

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Das Beratungsunternehmen Ernst & Young (EY) spricht von einem Warnsignal: Ausländische Investoren haben ihr Engagement in Deutschland im vergangenen Jahr merklich reduziert. Das geht aus einer Managerbefragung von EY hervor. Demnach sank die Zahl der Projekte im vergangenen Jahr um 13 Prozent auf 973. Es ist der erste Rückgang überhaupt, seit die Zahlen 2005 zum ersten Mal erhoben wurden.

"Deutschland ist nicht mehr Wachstumsmotor der europäischen Wirtschaft", deutete EY-Deutschlandchef Hubert Barth das Ergebnis. Es seien dringend wieder eine positive Dynamik und neue Wachstumsimpulse nötig. Zwar bekomme Deutschland von ausländischen Investoren gute Noten für politische Stabilität und Berechenbarkeit - "aber auch ein wettbewerbsfähiges Steuersystem, wirtschaftliche und politische Aufbruchstimmung sowie Offenheit für neue Technologien sind wichtige Faktoren", schreiben die Berater. In diesen Bereichen habe Deutschland Nachholbedarf.

So könne die Bundesrepublik mit Infrastruktur, dem stabilen politischen und rechtlichen Umfeld sowie der Qualifikation der Arbeitskräfte punkten. Schwächen sehen die Investoren dagegen bei der Flexibilität des Arbeitsrechts, in Steuerfragen, bei Anreizen und Vergünstigungen für Unternehmen und bei den Arbeitskosten.

Großbritannien ist attraktiver als Deutschland

Mehr als ein Drittel der befragten Vertreter internationaler Unternehmen, die bereits in Deutschland aktiv sind, äußerte sich negativ. Im Jahr zuvor war es ein gutes Viertel. Was die Zahl der Investitionsprojekte angeht, rutschte Deutschland vom zweiten auf den dritten Platz und liegt nun hinter Frankreich. Platz eins belegt trotz der Brexit-Unsicherheiten weiter Großbritannien. Dort wurden 1054 Projekte gezählt - allerdings gab es hier ebenfalls ein Minus von 13 Prozent. Insgesamt ging die Zahl der Projekte in Europa um vier Prozent zurück.

Wichtigste Investoren in Deutschland waren laut der Befragung im vergangenen Jahr mit 220 Projekten nach wie vor US-Unternehmen. Dahinter folgen Firmen aus der Schweiz, China und Großbritannien, wobei diese sich 2018 deutlich weniger in Deutschland engagierten.

Ein Projekt ist in der EY-Methodik breit definiert: Erfasst wurden solche Investitionen, die zur "Schaffung neuer Standorte und neuer Arbeitsplätze" führten. Wie viele Arbeitsplätze dabei entstehen, ist für die Wertung als Projekt unerheblich. Allerdings werden keine Firmenübernahmen oder Ersatzinvestitionen gezählt, wenn dabei nicht neue Arbeitsplätze entstehen.

Deutsche Firmen starten fast 700 Projekte in Europa

US-Firmen schufen demnach europaweit am meisten neue Arbeitsplätze: Laut EY-Zählung bauten sie fast 73.000 Jobs auf. Deutsche Firmen sind Jobmotor Nummer zwei mit rund 57.000 Stellen. Dahinter folgte China mit knapp 16.000 Stellen.

Zur Ermittlung der Standort-Attraktivität in Deutschland und Europa hat EY weltweit 506 Entscheidungsträger von Unternehmen von einem Marktforschungsinstitut befragen lassen. Speziell zur Attraktivität Deutschlands wurden den Angaben zufolge weitere 203 Entscheidungsträger in einer gesonderten Befragung interviewt.

Die Erhebung zeigt auch, dass deutsche Unternehmen im Ausland nach wie vor sehr investitionsfreudig sind. So starteten Deutschlands Konzerne 2018 in Europa mehr Projekte als je zuvor - nämlich 695. Wichtigstes Ziel mit 187 Projekten war Frankreich, das deutlich hinzugewinnen konnte. In Großbritannien starteten die Deutschen hingegen ein Drittel weniger Projekte, nur 71. Dahinter folgte Polen mit gut 54 Projekten.

In Europa waren vor den deutschen Unternehmen nur US-Unternehmen im vergangenen Jahr aktiver.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

mmq/dpa-AFX/AFP

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palimpalom 04.06.2019
1. Ja,aber...
... der Subtext lautet: Damit Konzerne und Investoren weiter dick absahnen, und aus dem von Arbeitern erwirtschafteten Gütern für nichts Rendite ziehen können, müssten die Arbeitnehmer noch weniger bekommen, sonst gehen sie dahin, wo das besser klappt.. Was stimmt da nicht ?
Michael Jürgens 04.06.2019
2. Die grosse Koalition verbaut uns die Zukunft
immer höhere Steuern und Abgaben, keine Anerkennung von Leistung, ewige Sozialtransfers- das sieht gar nicht gut aus. Wir brauchen eine progressive Wirtschaftspolitik. Das wird mit Grünen und Linkspartei noch schlimmer...
marioreinsch 04.06.2019
3. Das Grauen..
..des Standortwettbewerbs der Nationalstaaten. Genau deswegen scheitert linke, soziale Politik solange sie nicht in größeren Strukturen, in diesem Fall der EU, mindestens aber einer Kern-EU, verfolgt wird. Aber Macron die Hand zu reichen hält man ja für unnötig.
albertwilhelm-s 04.06.2019
4.
für eine aktive kluge Wirtschaftspolitik müssten wir dann entsprechend ausgebildete und erfahrene Minister gehabt haben. WAr aber zuletzt mit Schiller und Strauss..... Juristen-wie sie leider zu oft in der Politik sind.....ist das offensichtlich nicht zu machen : keinerlei ökonomischen Sachverstand,keine kaufmännische,betriebs-oder volkswirtschaftliche Bildung. Da,wo die Richtlinienkompetenz liegen sollte....haben wir in den letzten 15 Jahren ebenfalls nur Fehlentscheidungen erlebt. Für mich ist D auf der abnehmenden Erfolgskurve,leicht nach unten geneigt.Da nutzen alle Propagandasprüche nicht. Letzter vor ca . 7Monaten v. Altmeier: und so positiv geht es nun stetig weiter in den nächsten 20Jahren!Hurra. Da gings es aber schon bergab.......
zensurgegner2017 04.06.2019
5.
Kein Wunder Ich kennen Unternehmen, die dank desolater und katastrophaler Digitalisierung Unternehemensbereiche verlagern müssten. Aktuell transportieren Datenfahrer Festplatten von Werk A ins Werk B, was natürlich tagtäglich 1.000ende kostet. Änderung soll in 2023 geschehen, wenn 2 Knotenpunkte von Kupfer auf Glasfaser umgestellt werden. Ergebnis: Ob es so lange noch gut geht ist fraglich Und: In beiden betroffenen Werken wird nichts mehr investiert, man weiß ja nicht was passiert
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