Automatischer Börsenhandel Turbocomputer mischen Aktienmärkte auf

Schwitzende, schreiende Händler waren gestern - die Zukunft an den Weltbörsen gehört den Maschinen. Schon jetzt wickeln Turbohändler mit Super-Rechnern Tausende Deals pro Sekunde ab. Doch der Aufstieg der Algorithmen sorgt die Aufseher: Was, wenn ein Computer Amok läuft?
Frankfurter Börse: Computer übernehmen zunehmend die Macht

Frankfurter Börse: Computer übernehmen zunehmend die Macht

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Börsen

Egal, wo Hirander Misra auftritt, er hört sich an, als hätte er das Prinzip der Geschwindigkeit auf sämtliche Lebensbereiche übertragen. Man kommt kaum hinterher, wenn der 36-jährige Chef der Start-up-Firma Algo Technologies sein jüngstes Produkt erklärt - ein neues IT-System für und Handelsplattformen.

Es funktioniere wie ein "High-Performance-Rennwagen", erklärte Misra kürzlich vor laufenden Kameras, natürlich in rasanter Geschwindigkeit. Nur das Nötigste, kein unnötiger Schnickschnack. Algo Technologies geht es schließlich vor allem um eins: Speed.

Nasdaq

In Misras Branche tobt ein Krieg um Zeiträume, die Menschen nicht mehr wahrnehmen. Mittlerweile geht es um den millionsten Teil einer Sekunde. Und Algo Technologies ist laut Misra ganz vorne mit dabei in diesem Wettstreit: Mit dem System der Firma können Verkaufs- oder Ankaufsgebote binnen 16 Mikrosekunden beantwortet werden. Bei der sind noch um die 200 Mikrosekunden nötig. Und auch, wenn ein Mensch sich unter einem solchen Zeitunterschied rein gar nichts vorzustellen vermag - für die neuen Herrscher der Börse bedeutet er einen kleinen Vorsprung vor der Konkurrenz.

Denn zunehmend übernehmen völlig eigenständig handelnde Computer die Handelsgeschäfte an den Aktienmärkten. Sie werden angetrieben von Algorithmen - komplexen Programmen. Und viele sind allein darauf ausgerichtet, aus jeder Milli- und Mikrosekunde bares Geld zu machen.

Die Software, nach der die Rechner handeln, spürt minimale Preisunterschiede bei Aktien, Währungen, Derivaten auf, und nutzt sie für Blitzdeals. Die Branche ist egal, die Anzahl der Handelsgeschäfte umso wichtiger: Millionen Verkaufs- und Ankaufgebote müssen an einem Tag platziert werden, Tausende in einer Sekunde, damit sich das Business lohnt. Die einzelnen Deals bringen schließlich in der Regel allenfalls Cent-Beträge. Die Masse macht's.

In den USA werden Schätzungen zufolge schon bis zu 60 Prozent des Aktienhandels von den Hochfrequenzhändlern verantwortet. In Europa sind es um die 40 Prozent. Börsen und außerbörsliche Handelsplattformen reißen sich deshalb um die Turbotrader, die ihr Geschäft mit Hilfe der Algorithmen machen: Sie rüsten ihre Verarbeitungssysteme auf und richten große Rechenzentren in der Umgebung ein, in denen sich die Händler einmieten können. Auch physische Nähe zum Handelsraum kann die Geschwindigkeit erhöhen, jeder Meter Kabel zählt.

Was, wenn ein Rechner Amok läuft?

SEC

Aufsehern weltweit wird es da mulmig zumute. Die Angst geht um, dass herkömmliche Kontrollsysteme möglicherweise nicht mehr greifen bei der Rasanz, mit der jetzt gehandelt wird. Er sehe sich den Turbohandel "sehr, sehr genau" an, erklärte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier vor wenigen Tagen. Auch bei der US-Aufsicht laufen Untersuchungen zu dem neuen Geschäftsmodell auf Hochtouren.

Denn seit die Speed-Händler auf den Märkten mit immer größeren Rechnern hantieren, passieren Dinge, die den Kontrolleuren gar nicht gefallen. SEC-Chefin Mary Schapiro beobachtete jüngst, dass die Hochfrequenzhändler bis zu 90 Prozent ihrer Aufträge sofort wieder stornieren. Über das Warum gibt es bereits heftigen Streit. Befürworter sagen, die Algorithmen seien nur auf der Suche nach den besten Deals. Kritiker vermuten: Die Computer wollen Preise beeinflussen. Oder andere Programme austricksen, indem sie ihnen Unmengen an letztlich nutzlosen Daten zum Fraß vorwerfen.

Besonders undurchsichtig wird das Treiben der Speed-Börsianer, wenn sie in sogenannten Dark Pools ihre Geschäfte machen: auf außerbörslichen Handelsplattformen also, die seit einigen Jahren auch in Europa gegründet werden dürfen und wesentlich weniger strengen Regeln unterliegen als herkömmliche Aktienmärkte. Sie heißen Bats oder Chi-X, werden oft von Banken gegründet, und machen herkömmlichen Börsen zunehmend Konkurrenz. Vor allem beim Geschäft mit den Turbohändlern.

Doch nicht nur auf diesen weitgehend unkontrollierten Spielplätzen sind die Speedtrader ein bislang nur schwer kalkulierbares Risiko. Kritiker warnen eindringlich vor Programmierfehlern: Was, wenn einer der ultraschnellen Rechner Amok läuft? Wegen der hohen Handelsfrequenz können unzählige Orders durch die Leitungen schießen, selbst wenn der Fehler sofort bemerkt und behoben wird.

Schwarzer Donnerstag 2.0

Einen Vorgeschmack auf die Unwägbarkeiten des lukrativen Business gab der 6. Mai 2010, der "schwarze Donnerstag 2.0". Der ganze Vormittag war schon durchwachsen, schlechte Nachrichten aus dem Krisenland Griechenland hatten auch an der Wall Street für miese Stimmung gesorgt. Doch am frühen Nachmittag nahm ein Geschehen seinen Lauf, das sich selbst durch die Krawalle in Athen, die gerade im Fernsehen gezeigt wurden, nicht erklären ließ. Der Dow Jones   setzte wie aus dem Nichts zu einer bizarren Talfahrt an, raste um fast tausend Punkte abwärts. Zwischenzeitlich wurde bis zu eine Billion Euro an Börsenwert vernichtet. Selbst ein kreuzsolider Konsumwert wie Procter & Gamble   verlor in der Spitze rund 40 Prozent an Wert. Mit herkömmlicher Börsenlogik lässt sich das nicht erklären.

Am Abend war der Spuk vorbei, die Kurse erholten sich, der Dow schloss mit einem Minus von 3,2 Prozent zum Vortag. Noch sind die Untersuchungen der SEC zu dem Blitz-Crash nicht abgeschlossen. Doch das Analyseunternehmen Nanex legte kürzlich Untersuchungen vor, wonach eine Schwemme von Handelsaufträgen von Algo-Tradern die Börse überfordert und den Crash damit verursacht haben soll.

Seit damals haben die Schnellhändler ihren Ruf endgültig weg. Das Image ist so mies, dass kaum einer über seinen Beruf reden will. Das Geschäft sei zu kompliziert, um es Nicht-Eingeweihten zu erklären, sagt ein Händler schlicht am Telefon. "Wir haben kein Interesse daran, in der Öffentlichkeit aufzutreten."

"Konkurrenz belebt das Geschäft"

Dabei hat der computergesteuerte Handel durchaus seine guten Seiten, sagen Experten. Rechner geraten nicht in Panik, sondern halten sich auch in Krisen kühl an die Regeln des Programms. Noch dazu sind längst nicht alle Algorithmen auf den Highspeed-Handel ausgelegt. Und weil es schlicht viel mehr Angebote für Aktien, Derivate und Co. gibt als früher, würden auch eher angemessene Preise gefunden. "Konkurrenz belebt das Geschäft", sagt etwa Michael Feindt, Physiker vom Karlsruher Institut für Technologie, der selbst schon ein Handelsprogramm geschrieben hat.

Auch Thomas Heidorn, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management, hält den Computerhandel für nicht sonderlich gefährlich. Zumindest nicht "in einer normalen Marktsituation". Problematisch wird es, wenn Unvorhergesehenes passiert. Wenn alle Rechner gleichzeitig Papiere abstoßen, weil der Kurs eine bestimmte Untergrenze erreicht hat, kann es binnen kürzester Zeit rasante Abstürze geben. Hinzu kommt, dass "Programme versagen, wenn es extreme Bewegungen gibt", wie Heidorn erklärt. Der Computer schaltet sich quasi selbst ab, "weil er sagt: Achtung, das verstehe ich nicht mehr". Mit einem Schlag wird dann ein Großteil der Liquidität aus den Märkten gezogen.

Mittlerweile gelten in den USA ähnlich wie in Europa neue Regeln, wonach der Handel bei Extrembewegungen kurzzeitig ausgesetzt wird. Doch Aufseherin Schapiro fürchtet, dass das allein nicht reichen könnte. Sie denkt unter anderem darüber nach, die Turbotrader mit neuen Regeln auszubremsen. Also ein zeitliches Minimum vorzuschreiben, wie lange ein Ankaufs- oder Verkaufsgebot gültig bleiben muss.

Für Hirander Misra ist das wohl wie ein Rückfall in die börsliche Steinzeit. "Man kann den Fortschritt nicht aufhalten", sagt der Algo-Technologies-Chef. Das würde die "Marktstruktur negativ beeinflussen". Andere Kenner warnen schlicht, dass die Algo-Trader dann auf Plattformen anderswo in der Welt ausweichen würden.

EU-Kommissar Barnier will sich von solchen Warnungen nicht einschüchtern lassen. Er bemüht sich derzeit, einen Überblick über das bunte Treiben zu bekommen. Im April wurde eine entsprechende Konsultation durch den Ausschuss der europäischen Wertpapieraufseher CESR durchgeführt, bei der auch Banken und andere Finanzmarktakteure nach ihrer Meinung gefragt wurden. Nun brütet der CESR über weiteren Untersuchungen, sucht nach konkreten Politikvorschlägen.

Bis man damit durch ist, wird es aber wenigstens ein paar Monate dauern. In Sachen Geschwindigkeit hinken die Aufseher den Speedtradern noch weit hinterher.

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