Autozulieferer Studie beklagt Verletzungen des Menschenrechts

Es ist ein Armutszeugnis für die Autoindustrie: In einer umfassenden Studie beschreiben Kirchenorganisationen und das Global Policy Forum Menschenrechtsverletzungen und Umweltverbrechen von Zulieferern - und geben auch deutschen Konzernen dafür die Mitschuld.

Indische Region Jharkhand: Tausende Menschen mussten der Industrie weichen
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Indische Region Jharkhand: Tausende Menschen mussten der Industrie weichen


Hamburg - Die deutschen Autokonzerne betonen regelmäßig ihre Fortschritte beim nachhaltigen Wirtschaften und ihren Einsatz für die Einhaltung der Menschenrechte. Bei einigen ihrer Zulieferer aber werden einer Studie zufolge grob Menschenrechte verletzt und schwerwiegende Umweltschäden in Kauf genommen.

Erstellt haben die 76 Seiten umfassende Studie die kirchlichen Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt in Zusammenarbeit mit dem Think Tank Global Policy Forum. Das Papier mit dem Titel "Vom Erz zum Auto" befasst sich unter anderem mit den Abbau von Rohstoffen, die für die Herstellung von Fahrzeugen verwendet werden - und mit den Lieferketten, die für die Produktion nötig sind.

Augenzeugen zufolge kommt es beim Abbau der Rohstoffe immer wieder zu unumkehrbaren Eingriffen in die Natur. Regenwald werde zerstört, Trinkwasser verseucht, heißt es in der Studie. Minen, in denen das für den Autosektor wichtige Eisenerz abgebaut wird, verbrauchten riesige Flächen - in der Folge müssten Tausende Menschen zwangsumgesiedelt werden, heißt es in dem Papier weiter.

Als Beispiel nennt die Studie die nordindische Region Jharkhand. Dort hätten die Enteigneten - oftmals Reisbauern - für das fruchtbare Land, von dem sie vertrieben wurden, keine oder kaum eine Entschädigung erhalten, berichten Misereor und Brot für die Welt.

Indirekt geben die Hilfswerke Autokonzernen wie Daimler und BMW Mitschuld an solchen Missständen. Aus ihrer Sicht sind die Firmen für Vergehen ihrer Zulieferer zumindest mit verantwortlich. In anderen Sektoren - wie der Bekleidungsindustrie - sei es längst selbstverständlich, dass Konzerne für die Produktionsbedingungen ihrer Lieferanten verantwortlich gemacht würden.

Daimler teilte auf Anfrage mit, man stelle weltweit hohe Anforderungen an Lieferanten, was Produktionsbedingungen, Sozial- und Umweltstandards sowie ethische Grundsätze angehe. Einen Herkunftsnachweis über die gesamte Wertschöpfungskette zu führen, sei aber "weder organisatorisch leistbar noch wirtschaftlich vertretbar".

BMW teilte mit, die Einhaltung von Menschenrechten sei dem Unternehmen ein großes Anliegen - und die BMW Group fordere auch Ihre Lieferanten auf, diesbezügliche gesetzliche Vorgaben strikt einzuhalten. Bereits seit 2008 fordere man Lieferanten auf, durch eine Selbstauskunft ihren Status hinsichtlich relevanter Nachhaltigkeitsanforderungen mitzuteilen. Falls Anforderungen nicht eingehalten werden, werde dies sanktioniert; Zulieferer würden systematisch überprüft.

ssu

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insgesamt 3 Beiträge
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ChrisQa 13.09.2012
1. Schmarrn
" Einen Herkunftsnachweis über die gesamte Wertschöpfungskette zu führen, sei aber "weder organisatorisch leistbar noch wirtschaftlich vertretbar". Das ist einfach falsch. Aufgrund der Wiederverwertungsrichtlinien (Richtlinie 2000/53/EG über Altfahrzeuge) werden heute schon bis auf die dritte oder vierte Ebene der Lieferkette in der Autoindustrie Produktdaten gesammelt und damit nebenbei auch ein Herkunftsnachweis erzeugt. Stichwort IMDS. Das funktioniert normalerweise so, dass ein Lieferant, der diese Daten nicht liefert, in der Qualitätsbeurteilung abgestuft wird. Dieser Druck wird dann die Kette runter durchgereicht. Den Urspung z,B, des Chroms der Legierung einer Schraube kann man problemlos mittels dieses bereits bestehenden Prozesses erfassen. Wenn man denn will. Man müsste nur das bestehende System um ein paar Datenfelder erweitern.
Tevje 13.09.2012
2. Nett.
" Indirekt geben die Hilfswerke Autokonzernen wie Daimler und BMW Mitschuld an solchen Missständen. " Da es sich um Autobau im Autoland Indien handelt, wie wäre es denn, die Schuld Tata oder Mahindra zu geben, oder gar den Stahlproduzenten, wie Mittal, die schließlich auch Stahl für Nicht-Autos produzieren?
uezegei 13.09.2012
3.
Zitat von Tevje" Indirekt geben die Hilfswerke Autokonzernen wie Daimler und BMW Mitschuld an solchen Missständen. " Da es sich um Autobau im Autoland Indien handelt, wie wäre es denn, die Schuld Tata oder Mahindra zu geben, oder gar den Stahlproduzenten, wie Mittal, die schließlich auch Stahl für Nicht-Autos produzieren?
Genau. Überhaupt sollten die Reisbauern froh sein, dass Daimler und BMW ihr Land bebauen. Wer braucht schon Reis, wenn man in einer so schönen deutschen Fabrik arbeiten darf.
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