Bewerbermangel Deutschen Betrieben gehen die Azubis aus

Angehende Friseure und Kaufleute dringend gesucht: Weil immer mehr junge Leute studieren, fehlen Betrieben die Auszubildenden. Mehr als 172.000 Lehrstellen sind noch unbesetzt.

Kfz-Auszubildende
DPA

Kfz-Auszubildende


Jugendliche Lehrstellenbewerber haben in diesem Jahr gute Chancen, einen Ausbildungsplatz zu ergattern: Unternehmen und Handwerksbetriebe in Deutschland suchen händeringend nach Kandidaten.

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres sind noch 172.224 Ausbildungsstellen unbesetzt, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Ende Juli waren bei den Agenturen für Arbeit 24.000 mehr Ausbildungsangebote als suchende Jugendliche gemeldet", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer.

Allein für angehende Einzelhandelskaufmänner und -frauen waren noch 12.800 Lehrstellen offen, rund 11.400 als Verkäufer und rund 6200 Plätze für Köche. Das Hotelgewerbe sucht noch 4400 Azubis. Tausende offene Plätze gab es auch bei Friseuren (4300), Lagerlogistikern (4000), KFZ-Mechatronikern (4000) und medizinischen Fachangestellten (2200).

Zu viele Studenten?

Den Unternehmen "gehen die Bewerber aus", warnt Schweitzer. Eine DIHK-Umfrage hat ergeben, dass mittlerweile in nahezu jedem dritten Ausbildungsbetrieb Lehrstellen unbesetzt bleiben. Rund 14.000 geben an, gar keine Bewerber mehr zu finden. Der Trend zum Studium und die sinkende Zahl an Schulabgängern schlügen hier durch. 2015 hatten rund 150.000 mehr junge Leute ein Studium begonnen als 2005. In dieser Zeit sei zugleich die Zahl der Lehrstellenbewerber um etwa 190.000 gesunken - das sei ein Minus von 25 Prozent.

"Viele junge Leute sind sich nicht im Klaren darüber, dass die Gefahr von Arbeitslosigkeit bei einer Kombination von betrieblicher Aus- und Weiterbildung geringer ist als bei Akademikern", glaubt DIHK-Chef Schweitzer. Auch könnten Fachkräfte inzwischen ähnlich hohe Gehälter erzielen, wie manche Hochschulabsolventen.

Deutsche Handwerksbetriebe meldeten zuletzt prall gefüllte Auftragsbücher. Im Schnitt müssen Kunden 66 Tage auf einen Handwerker warten.

Handwerksfunktionäre hoffen, einen Teil der offenen Stellen mittelfristig mit Flüchtlingen besetzen zu können .

Der DIHK ist skeptischer.

SPIEGEL TV Magazin 2012

beb/dpa



insgesamt 381 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
schlauchschelle 26.08.2016
1. Hausgemachte Probleme
Das Handwerk sollte endlich aufhören zu jammern. Es ist an der Misere selbst Schuld. Nicht nur, dass miserable Hungerlöhne gezahlt werden, welche niemals dazu reichen, eine Familie zu ernähren, das Handwerk war in den letzten 30 Jahren mit daran beteiligt, das Schulniveau bis zum Bodensatz abzusenken. Obendrein ist man der Laune des Chefs hilflos ausgeliefert, muss unbezahlte Überstunden schruppen und darf sich dafür anmaulen lassen. Nicht selten müssen die Azubis sich ihren Ausbildungsinhalt selbst beibringen und sogar Material selbst bezahlen, weil im Betrieb niemand "Kapazitäten" frei hat (besser gesagt es wird dem Beauftragten keine Zeit gegeben, sich intensiv um die Azubis zu kümmern). Ich komme aus dem Handwerk und bin dermaßen froh, diese Klüngel-Meschpoke 2001 ein-für-allemal verlassen zu haben :)
Gläbbisch 26.08.2016
2. War vorhersehbar
Vor genau diesem Problem wurde schon vor Jahren gewarnt. Über ein Jahrzehnt schlechte Presse für die duale Berufsausbildung und einseitige Ausrichtung auf das Studium quer durch die Politik ("Wir brauchen mehr Akademiker"). Zudem ein enorm schlechter Ruf des deutschen Handwerks. Jetzt zeigt es Wirkung und Eltern puschen ihre Kinder in Panik aufs Gymnasium, durchs Abitur und auf die Uni/FH - Hauptsache irgendwas studieren. Berufsausbildung ist in den Köpfen vieler mittlerweile gleichbedeutend mit Geringqualifiziert. Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, das Deutschland jahrzehntelang für sein Berufsausbildungs-System beneidet wurde. Leider werden solche Errungenschaften nur allzu schnell auf dem Altar der Globalisierung geopfert.
bluestar2000 26.08.2016
3. Versagen des Schulsystems und von Unternehmen
Erst darf jeder Depp und Dreierkandidat das Abitur machen, weil Mami & Papi ja nicht akzeptieren können, dass das liebe Kind nicht den Grips zum Studium hat und die Schulen haben leider nicht die Gewalt, solche nicht geeigneten Schuler nicht zum Gymnasium zuzulassen. Da wird geklagt auf Teufel komm raus ... Und dann wundert man sich, dass es eine Akademikerschwemme mit ungeeigneten Leuten gibt und für die Berufsausbildung bleibt dann auch nur der untere Satz der Schuler übrig, was die Unternehmen dann an Bewerber"material" zu spüren bekommen. Auf der anderen Seite sind die Unternehmen weder bereit, ausreichend in die Lehrstellen zu investieren noch die dann angehenden jungen Facharbeiter ordentlich zu bezahlen. Daher kommt ja der Irrglaube, man müsse unbedingt einen akademischen Beruf erzielen, damit man über H4-Niveau verdient. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich überdrüssige Gesellschaften selbst zerlegen!
sascha19ii 26.08.2016
4. warum nur
ist doch klar wo vor 10jahren noch nen 2.5 hauptschulabschluss gereicht hat wird heut zu tage 2.0real verlangt. selbst der friseur laden ums eck will ne 2.5 real abgängerin haben. dann ist mir scho klar das solch berufe keiner mehr lernen will. bei meiner ausbildung *industriemechaniker) hat vor 12jahren nen hauptschulabschluss 2.3 gereicht heute wolln sie real mit mind 2.0
ole#frosch 26.08.2016
5. Problem erkannt und nun
Entweder die Lohn und Karriereperspektiven verbessern, Rente nach 45 beitragsjahren oder Pech gehabt. So ist sie die Marktwirtschaft, dass hat die Jugend verstanden. Wer will denn mit 67 oder 70 noch Haareschneiden, unter Autos kriechen, Zimmer reinigen und essen servieren oder in den spülenschrank krauchen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.