Finanzaufsicht BaFin Lebensversicherern fehlen zwölf Milliarden Euro

Die Lebensversicherungen leiden unter den niedrigen Zinsen in der Eurozone. Deshalb fällt es vielen Konzernen laut Finanzaufsicht BaFin schwer, ihre Kapitalanlagen an die neuen Regeln anzupassen - es gebe noch einige "Wackelkandidaten".

BaFin-Präsident Hufeld (Archivbild): Unternehmen müssen sich sehr anstrengen
DPA

BaFin-Präsident Hufeld (Archivbild): Unternehmen müssen sich sehr anstrengen


Vielen deutschen Lebensversicherern fällt die Umstellung auf die verschärften Kapitalanforderungen in Europa schwer. Nach einer Erhebung der Finanzaufsicht BaFin wären fast die Hälfte der 87 Unternehmen der Branche Ende vergangenen Jahres an den von 2016 an geltenden Vorschriften gescheitert, wenn es keine langen Übergangsfristen dafür gäbe, teilte die Behörde mit.

Die deutschen Lebensversicherer haben 16 Jahre Zeit, ihre Kapitalanlagen nach und nach an die neuen Regeln anzupassen. Vor einem Jahr hatte ein Viertel der Versicherer die Latte gerissen. Doch dann waren die Zinsen am Kapitalmarkt weiter gesunken, und die BaFin hatte die Branche nochmals unter die Lupe genommen.

"Die Unternehmen werden sich sehr anstrengen müssen, um ihre Kapitalbasis zu stärken, auch wenn die Zinsen seit Ende 2014 leicht gestiegen sind", betonte BaFin-Chef Felix Hufeld. In der Summe fehlten ihnen zwölf Milliarden Euro an Eigenmitteln. Im Herbst hatte die BaFin die Lücke allerdings noch auf rund 15 Milliarden beziffert.

Das von 2016 an geltende Regelwerk läuft unter dem Namen "Solvency II": Es orientiert sich stärker als die bisherigen Regeln daran, mit welchen Risiken die Kapitalanlagen der Versicherer verbunden sind. Je größer das Risiko, desto mehr Eigenkapital müssen sie erbringen. "Solvency II" wird zum 1. Januar 2016 in der EU eingeführt.

"Die Ergebnisse der jüngsten 'Vollerhebung Leben' zeigen, dass die Übergangsregeln von Solvency II wirken und die Lebensversicherer dadurch in die neuen Anforderungen hineinwachsen können", sagte Hufeld SPIEGEL ONLINE. "Es gibt aber einige Wackelkandidaten, die wir uns genauer anschauen müssen", fügte er hinzu. Man werde mit diesen Versicherern reden und "ihnen klar machen, was bis wann geändert werden muss", sagte Hufeld.

Die Bundesregierung sieht nach Angaben des Finanzministeriums keinen akuten Handlungsbedarf, um die deutschen Lebensversicherer krisenfester zu machen. Die Untersuchungen der BaFin zeigten, dass die Branche für "Solvency II" "gut gerüstet" sei.

Abkehr von langfristigen Zinsgarantien

Der BaFin sind vor allem die lebenslangen Garantien ein Dorn im Auge, die die deutschen Versicherer ihren Kunden traditionell geben. Mit "Solvency II" würden die Risiken sichtbar, die diese Garantien mit sich bringen, erklärte die Aufsicht. Bis in die Neunzigerjahre hinein garantierten die Lebensversicherer bis zu vier Prozent Zinsen im Jahr, im Durchschnitt liegen die Garantien der lang laufenden Verträge im Bestand immer noch bei mehr als drei Prozent. Das lässt sich mit sicheren Kapitalanlagen nur schwer erwirtschaften.

Immer mehr Lebensversicherer wenden sich daher vom Geschäft mit klassischen Verträgen mit langfristigen Zinsgarantien völlig ab. Der Konzern Talanx - mit Marken wie Neue Leben, Targo Leben und HDI Leben einer der fünf größten deutschen Lebensversicherer - hatte am Dienstag angekündigt, angesichts anhaltender Niedrigzinsen bis 2017 aus dem Geschäft mit klassischen Lebensversicherungen in Deutschland auszusteigen. Spätestens dann sollen nur noch "kapitaleffiziente" Policen verkauft werden, die nur den Erhalt der eingezahlten Beiträge versprechen.

Die Generali (AachenMünchener, Cosmos Direkt) hatte im Mai einen ähnlichen Schritt vollzogen wie nun Talanx. Beim Marktführer Allianz machen die klassischen Produkte nur noch ein Fünftel des Neugeschäfts aus. R+V Leben, Nummer zwei der Branche, hält dagegen an den traditionellen Produkten fest.

bos/stk/Reuters

Mehr zum Thema


insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
donadoni 29.07.2015
1. Keine Angst
Die Politik hat den Freunden aus der Versicherungsbranche schon längst das richtige Instrument gegeben. Es gibt diesen berüchtigten Paragraphen 18 im Versicherungsgesetz, wonach die Versicherung die Leistung ganz oder teilweise einstellen kann, der Versicherungsnehmer aber weiterhin brav seine Beiträge zahlen muss. Man kennt sich eben. Nicht umsonst heißt die KLV die "Deppensteuer", weil der Bürger freiwillig eine Steuer zu Gunsten des Staates zahlt. Lebensversicherungen und Staatsanleihen gehen Hand in Hand. Wer heute immer noch eine KLV hat oder gar abschließt, dem ist nicht zu helfen.
Tahlos 29.07.2015
2. Das
ist ja mal eine schöne Entwicklung - "kapitaleffiziente Anlagen" *g* super Wortschöpfung - wird dann wohl weiterhin (bzw noch mehr) darauf hinauslaufen, dass die Versicherer schon auf Kosten der Kunden abkassieren. Wozu sollte man in eine Lebensversicherung einzahlen, bei der man (vermutlich nur) das rausbekommt was man eingezahlt hat? Der nächste Schritt ist dann das den Kunden versprochen wird, dass sie nur 5% weniger wieder rausbekommen usw usf?
loesje 29.07.2015
3. Was machen die mit dem ganzen Geld?
Mir wurden 1978 bei Abschluss einer Lebensversicherung bei der Debeka "mindestens 500.000 DM" versprochen. Auszahlung mit 65. Mein Ex hat dann eingefädelt, dass die Versicherung schon mit 50 zugeteilt wird (was sicher dumm war). Ausbezahlt wurden 50.000 EUR, das ist doch zum Heulen. Andere haben sie ganz sicher genauso beschissen wie mich. Und da klagen die darüber, dass Geld fehlt? Der Staat mischt sich in so viele Dinge ein, hier hört ganz sicher mal ein Riegel vorgeschoben!
genius1 29.07.2015
4. Das Banken für die Kreditvergabe Eigenkapital
vorhalten müssen, je nach dem, wieviel ihrer Schuldner eventuell ausfallen, hab ich ja noch Verstanden. Das die Garantieversprechen von Versicherern, das Papier nicht Wert sind, auf dem Sie standen, auch. Spätestens nach dem Versicherer ihre Garantieversprechen nicht mehr einhalten konnten, hätten diese Versicherer Konkurs anmelden müssen, und den Vertragspartnern anteilmässig, die angelegten Gelder zurückzahlen müssen, das hätte ich Verstanden. Merke, die Banken brauchen ein Eigenkapitalpolster, die Versicherer, und die Versicherten um nicht in Altersarmut zu fallen! Mit freundlichen Grüßen, wenns nicht so traurig wäre, Reinhard peda
hammelbein84 29.07.2015
5. Der Euro
Ja, liebe sparer und das ist nicht die Schuld der Versicherungen oder Banken. Nein! Mit euer Altersvorsorge werden Staaten wie Griechenland, Italien oder Spanien gestützt! Alle Staaten brauchen billiges Geld, also die Presse an und die Zinsen drücken. Da sparen die Staaten Geld und die Zeche zahlen die Sparer. Das ist durch die Politik der EZB möglich und auch so gewünscht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.