Kekskonzern So schlecht bezahlte Bahlsen seine Zwangsarbeiter

Firmenerbin Verena Bahlsen sagte, Zwangsarbeiter seien in dem Kekskonzern genauso bezahlt worden wie Deutsche. Lohnkarten aus den Vierzigern deuten laut "Zeit" nun auf das Gegenteil hin.

"Leibniz Keks"-Werbung am Bahlsen-Gebäude
Jochen Lübke/dpa

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Die Firma Bahlsen hat einem Bericht der Wochenzeitung "Die Zeit" zufolge ihre Zwangsarbeiter während der NS-Zeit womöglich schlechter bezahlt als bislang behauptet. Die Zeitung beruft sich dabei auf eine Auswertung von Lohnkarten des Keksherstellers aus den Vierzigerjahren.

Unternehmenserbin Verena Bahlsen hatte die NS-Vergangenheit ihrer Vorfahren und der Firma kürzlich in der "Bild"-Zeitung heruntergespielt. "Wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt", sagte sie. Die 26-Jährige hat sich inzwischen für ihre Wortwahl entschuldigt.

Polnische und ukrainische Zwangsarbeiterinnen sollen dem "Zeit"-Bericht zufolge pro Woche zwischen fünf und zehn Reichsmark ausgezahlt bekommen haben. Der weitaus größte Teil des Bruttolohns, der zwischen 23 und 29 Reichsmark lag, sei einbehalten worden: Für Steuern und Sozialabgaben - von denen diese Frauen nie profitierten -, aber auch für Strafen und hohe Kosten für die Zwangsunterbringung im Lager.

"Wieso kann sich eine Familie anders erinnern?"

Mit der Bezahlung deutscher Arbeitskräfte während der NS-Zeit ist das dem Bericht zufolge jedoch nicht zu vergleichen, wie es unter Berufung auf die Arolsen Archives in Bad Arolsen hieß. Eine Archivsprecherin sagte der "Zeit": "Deutsche Arbeiter erhielten laut der historischen Forschung einen durchschnittlichen Lohn von etwa 44 Reichsmark ausgezahlt."

Der Bahlsen-Konzern will sich bislang nicht konkret zu diesem Unterschied äußern. Ein Sprecher verwies auf die begonnene wissenschaftliche Aufarbeitung der Familiengeschichte, in der die ganzen Dinge "auf den Tisch" müssten. Ähnlich hatte sich am Wochenende bereits Patriarch Werner M. Bahlsen geäußert und angekündigt, sich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, war die Familie Bahlsen aus Hannover zudem in der Nazizeit tiefer in das NS-Regime verstrickt als bislang bekannt. So waren Verena Bahlsens Großvater und seine Brüder in der NSDAP und haben die SS gefördert. Lesen Sie hier die ganze Geschichte.

Bahlsen will seine NS-Geschichte vom Historiker Manfred Grieger aufarbeiten lassen. Zu Verena Bahlsens Äußerungen sagt er der "Zeit": "Wie schade, dass sich diese Verleugnung hinlänglich bekannter Tatsachen eingestellt hat. Es wäre ja zu wissen gewesen, dass ausländische Zwangsarbeiter damals rassistisch diskriminiert und in großer Zahl ausgebeutet wurden und dass sie den Deutschen nicht gleichgestellt waren." Bei der nun beginnenden Forschung interessiere ihn auch die Entstehung der Familienerzählung und die Frage: "Wieso kann sich eine Familie anders erinnern?"

Das Unternehmen war von Hermann Bahlsen (1859-1919) gegründet worden. Werner M. Bahlsen ist dessen Enkel und Sohn von Werner Bahlsen (1904-1985). Letzterer und seine beiden Brüder Klaus (1908-1991) und Hans (1901-1959) saßen während der Nazizeit im Firmenvorstand. In der Entnazifizierung nach dem Krieg wurde Hans Bahlsen als Mitläufer eingestuft, seine beiden Brüder erhielten den Status "entlastet".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Verena Bahlsen habe die Aussagen zur NS-Vergangenheit ihrer Familie auf einer Marketingkonferenz getroffen. Tatsächlich äußerte sie sich erst danach in der "Bild"-Zeitung darüber. Wir haben die Stelle korrigiert.

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