Zwangsarbeiter in der NS-Zeit Historiker nennt Bahlsen-Äußerungen  "erschütternd naiv"

Bei Bahlsen seien Zwangsarbeiter gut behandelt worden, sagte Firmenerbin Verena Bahlsen kürzlich. Der Historiker Manfred Grieger kritisiert diese Äußerung im SPIEGEL scharf, sieht die Schuld aber nicht allein bei ihr.

Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzender Werner Michael Bahlsen auf einem Archivfoto
Jochen Lübke / DPA

Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzender Werner Michael Bahlsen auf einem Archivfoto


Der Historiker Manfred Grieger, der die Geschichte der Firma Bahlsen aufarbeiten soll, hat den laxen Umgang der Eigentümerfamilie mit der Vergangenheit kritisiert. Die Äußerungen der Firmenerbin Verena Bahlsen, wonach Zwangsarbeiter "gut behandelt" worden seien, hält Grieger für "erschütternd naiv".

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 28/2019
Carola Rackete über die dramatische Rettungsfahrt ihrer "Sea-Watch 3"

Es sei allerdings nicht ihr allein vorzuwerfen, "wenn Opa erzählt und ihm alle glauben". Seit Jahrzehnten hätte man es besser wissen können, "aber offenbar war das Geschichtsinteresse bereits nach der Lektüre der verklärenden Firmenchroniken erschöpft". Wenn der frühere Firmenchef Werner Bahlsen sich 1942 etwa dafür eingesetzt habe, dass die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen nicht nur die Abfallblätter des Gemüses bekommen sollten, dann höre sich das zwar erst einmal nett an. "Diese Fürsorge war aber sehr funktional und diente der Erhöhung der Produktivität", so Grieger.

Firmenerbin Bahlsen: "Erschütternd naiv"
Monika Skolimowska/ZB/DPA

Firmenerbin Bahlsen: "Erschütternd naiv"

Die Aussagen des Historikers stützen auch Recherchen des SPIEGEL, dessen Mitarbeiter eine ehemalige Zwangsarbeiterin in Kiew trafen. Sie war 1943 in einer von Bahlsen übernommenen Süßwarenfabrik in Kiew festgenommen und in Viehwaggons nach Hannover deportiert worden, in Bahlsens Hauptwerk. Dort arbeitete sie zusammen mit über 300 Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen. Untergebracht waren sie in primitiven Baracken. Im Winter sei es so kalt gewesen, dass sie Furunkel an der Haut bekam, die aufgeschnitten werden mussten. Noch am Tag der Operation habe sie wieder Kekse verpacken müssen. Der ausgezahlte Lohn der sogenannten Ostarbeiterinnen lag zwischen fünf und sieben Mark pro Woche, deutlich unter dem der deutschen Belegschaft.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht und welche Geschichten Sie bei SPIEGEL+ finden, erfahren Sie auch in unserem kostenlosen Politik-Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von den politischen Köpfen der Redaktion.

nkl

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.