Streit über Finanzchef Doll Machtkampf bei der Bahn - Fortsetzung folgt

Der Machtkampf bei der Deutschen Bahn ist vertagt. Finanzvorstand Alexander Doll darf seinen Posten nach SPIEGEL-Informationen vorerst behalten. Zu der Personalie soll es nun eine Sondersitzung geben.

Finanzchef Alexander Doll darf seinen Posten zunächst behalten
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Finanzchef Alexander Doll darf seinen Posten zunächst behalten


Die Bundesregierung ist mit dem Versuch einer sofortigen Ablösung von Bahn-Finanzvorstand Alexander Doll nach Informationen des SPIEGEL und der Nachrichtenagentur Reuters vorerst gescheitert.

Doll werde seinen Posten zunächst behalten, trotz der Versuche von Verkehrsminister Andreas Scheuer und Aufsichtsratschef Michael Odenwald, ihn aus dem Amt zu entfernen, hieß es aus Insiderkreisen. Es solle zur Personalie nun eine Sondersitzung des Gremiums geben, vermutlich in knapp zwei Wochen.

Doll war vorgeworfen worden, Regierung und Aufsichtsrat beim geplanten Verkauf der Nahverkehrstochter Arriva zu spät und unzureichend informiert zu haben. Doll hat dies Konzernkreisen zufolge bestritten und einen freiwilligen Abgang abgelehnt.

Im Gremium zeichnete sich Reuters zufolge keine ausreichende Mehrheit für eine Abberufung Dolls ab. Besonders auf der Arbeitnehmerseite genießt er als Reformer Sympathien. Für eine Abstimmung über Doll hätte zudem die Tagesordnung geändert werden müssen, was ebenfalls auf Widerstand stieß. Die Deutsche Bahn äußert sich nicht zu Personal-Angelegenheiten und Interna des Aufsichtsrats.

Verkauf der Tochter DB Arriva soll gestoppt werden

Außerdem wollte die Bahn auf der Sitzung den geplanten milliardenschweren Verkauf ihrer Auslandsverkehrstochter DB Arriva vorerst stoppen. Die zu erwartenden Erlöse lägen erheblich unter dem Buchwert, hieß es im Umfeld des Konzerns.

Der Verkauf sollte eigentlich zusätzliche Milliarden für die Bahn in Deutschland bringen. Der Konzern hatte monatelang einen Käufer gesucht und parallel auch einen Börsengang als Plan B vorbereitet. Für Finanzvorstand Doll bedeutet der verschobene Verkauf einen Rückschlag.

Arriva betreibt Busse und Bahnen in 14 europäischen Ländern, macht aber rund 60 Prozent seines Umsatzes in Großbritannien, wo es auch seinen Sitz hat. Ein Börsengang birgt daher Risiken, weil nicht sicher ist, wann und wie Großbritannien aus der EU austritt.

Die Bahn hatte Arriva ursprünglich für knapp drei Milliarden Euro übernommen. Der Verkauf soll mindestens die gleiche Summe wieder einspielen. Jetzt soll nach Informationen des SPIEGEL über den Arriva-Verkauf im Aufsichtsrat frühestens im Januar, vielleicht aber auch erst im April entschieden werden. Dies sei abhängig vom Austrittszeitpunkt Großbritanniens aus der EU.

Neue Chefin für die Gütersparte

Arriva gehört seit 2010 zum größten deutschen Staatsunternehmen. Vor Jahren wollte die Bahn die Tochter schon einmal teilweise an die Börse bringen. Nach dem Votum der Briten für einen EU-Austritt und einer Finanzspritze des Bundes wurden die Pläne 2016 aber gestoppt.

Die Bahn ist hoch verschuldet. Nachdem der geplante Verkauf sich hingezogen hatte, entschied der Aufsichtsrat im September, zunächst über eine Anleihe bis zu zwei Milliarden Euro frisches Geld aufzunehmen.

Der Aufsichtsrat berief auf der Sitzung auch eine neue Vorstandschefin für die Gütersparte DB Cargo. Die bisherige Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, soll das Gütergeschäft aus den roten Zahlen holen und dafür einen Posten im Konzernvorstand bekommen.

Die 50-Jährige fängt zum 1. Januar bei der Bahn an und übernimmt bei DB Cargo auch operativ Verantwortung. Nikutta war 2010 von DB Cargo zur BVG gegangen, wo sie für die Busse und Bahnen der Hauptstadt verantwortlich ist. Ihre Nachfolge bei dem Landesunternehmen ist noch offen.

Milliarden-Investitionen in neue Züge

Der Aufsichtsrat genehmigte auf seiner Sitzung auch den zusätzlichen Kauf von 30 Hochgeschwindigkeitszügen. Sie sollen vor allem auf den Schnellfahrstrecken Köln - Rhein-Main und zwischen München und Berlin eingesetzt werden.

Mit den Milliarden-Investitionen in rund 200 neue Züge sollen ab Dezember 2022 mindestens 11.400 zusätzliche Sitzplätze im Fernverkehr entstehen. Die Bahn sieht sich damit ihrem Ziel einer Verdopplung der Fahrgastzahlen im Fernverkehr einen Schritt näher.

Zudem sollen im Fernverkehr 500 Millionen Euro in den Ausbau der ICE-Werke investiert werden. Die DB schaffe somit insgesamt 600 neue Arbeitsplätze.

brt/dpa/Reuters

insgesamt 7 Beiträge
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mixodett 07.11.2019
1. Intrige erstmal abgewehrt
Doll darf weiter die Finanzen, die Lutz ihm hinterlassen hat, aufräumen - sehr schön. Und Nikutta entlastet ihn bei Cargo - auch fein und sicher ebensowenig nach dem Geschmack von Lutz/Pofalla.
GerhardD. 07.11.2019
2. Ganz wichtig: Kundenbelange sind zweitrangig
Meine Frau ist heute zum 500ten mal in der Münchner S-Bahn festgesteckt, und hat den 100ten Termin verpasst. Aber egal, wichtiger ist die Postenverteilung...
lila72 07.11.2019
3. #Nr 2
Soll der Vorstand sich hinter die S-Bahn stellen und schieben? Was glauben Sie was ein CEO & Co so den ganzen Tag machen?
SFniro 07.11.2019
4. Mal wieder eine Hinterlassenschaft
vom "Bahnchef" Mehdorn. Zitat aus dem Artikel: Die Bahn hatte Arriva ursprünglich für knapp drei Milliarden Euro übernommen. Zitat Ende. Der erste Fehler, dem leider weitere folgen sollten - Schuster bleib bei deinen Leisten! Es geht um die DEUTSCHE Bahn, was hat die im Ausland zu suchen? Nun sitzen die Herrschaften ratlos rum und müssen versuchen, die Ausgaben für das Abenteuer wieder herein zu bekommen. Mal wieder lassen der Stümper Mehdorn und sein Nachfolger Grube grüßen, diese beiden haben über die Jahre 10 bis 12 Millarden in das Auslandsgeschäft gesteckt - auf Pump! Was könnte die DB heute mit dem Geld nicht alles anfangen? Im Inland! Im Netz; im Fahrzeugbestand usw.??
pinking 07.11.2019
5. @ #2
Das von Ihnen beschriebene Problem fällt in die Zuständigkeit von Land und Gemeinde bzw. Stadt, da für Nah- und Regionalverkehr die jeweiligs zuständigen Verkehrsverbünde die Leistungen ausschreiben. Der Gewinner der Ausschreibung, in dem Fall die DB liefert dann das, was ausgeschrieben und bezahlt wird. Wie so oft, gilt auch hier in aller Regel "Geiz ist geil" und der günstigste Bieter gewinnt.
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