Tarifkonflikt bei der Bahn "Wir können das so nicht unterschreiben"

Bei der Bahn droht der längste Streik der Unternehmensgeschichte. Was tut Personalchef Ulrich Weber, um die Eskalation abzuwenden?
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Foto: Paul Zinken/ dpa

Ulrich Weber ist seit dem Juli 2009 Personalchef der Deutschen Bahn AG und der DB Mobility Logistics AG. Seine Karriere führte den 1950 geborenen Juristen zunächst zur Ruhrkohle AG und anschließend durch mehrere Stationen in der Bergwerksbranche bis zum Vorstandsressort für Personal beim RAG-Nachfolgeunternehmen Evonik.

SPIEGEL ONLINE: Herr Weber, die Lokführergewerkschaft GDL hat Ihnen ein Ultimatum gestellt: Wenn Sie nicht bis Mittwoch 11 Uhr ein Papier unterschreiben, auf dem die Gewerkschaft die bisherigen Verhandlungsergebnisse mit der Deutschen Bahn zusammenfasst, droht der längste Streik in der Unternehmensgeschichte. Werden Sie nachgeben?

Weber: Wir können das so nicht unterschreiben. Jedenfalls nicht das, was die GDL uns als Protokoll der Verhandlungen übersandt hat. Denn es gibt nicht den tatsächlichen Verlauf des Gesprächs wieder, sondern enthält die ursprünglichen Maximalforderungen der GDL. Das mag sich zunächst formal anhören, ist es aber nicht. Dahinter steckt mehr, denn die GDL-Vorschläge würden auch unsere Belegschaft spalten. Und das wollen wir nicht. Wir haben dagegen einen guten Vorschlag gemacht, der einen konstruktiven Vorschlag der GDL für eine Grundstruktur aufgreift. Eine Lösung wäre also zum Greifen nahe. Wir hoffen, dass wir damit noch einen Streik abwenden können.

SPIEGEL ONLINE: Der GDL wird das, nach ihren bisherigen Aussagen zu urteilen, wohl nicht reichen. Was genau hat die Gewerkschaft und ihren Chef Claus Weselsky dazu gebracht, die Verhandlungen mit der Bahn am vergangenen Mittwoch für gescheitert zu erklären?

Weber: Das kann ich nicht erklären, weil ich es nicht verstehe. Wir haben die Kernforderung der GDL erfüllt. Es ging ihr ja immer um die Frage, ob sie auch andere Berufsgruppen neben den Lokführern vertreten darf. Dem haben wir bereits im letzten Jahr zugestimmt. Jetzt geht es um die Frage, wie ein solcher Tarifvertrag ausgestaltet werden könnte. Dazu liegen mehrere Vorschläge auf dem Tisch, über die man diskutieren muss. Der jüngste Vorschlag für eine Grundstruktur stammt von der GDL selbst, den haben wir akzeptiert. Deshalb kann ich die Beweggründe der GDL wirklich nicht nachvollziehen. Es gibt ernsthaft keinen Anlass für Streiks und schon gar nicht dafür, Kunden und Unternehmen Schaden zuzufügen, und Mitarbeiter zu verunsichern.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie den Streik noch verhindern?

Weber: Wir setzen hier darauf, dass die GDL verantwortungsbewusst abwägt und erkennt, dass wir auf ihre Vorschläge eingegangen sind. Wir bieten weitere Verhandlungen an - unser gestern formulierter Vorschlag ist in einigen Punkten wortgleich mit dem der GDL, in anderen weicht er nur deshalb ab, weil wir am letzten Mittwoch etwas anderes mit der GDL besprochen haben. Jetzt können wir nur hoffen, dass bei der GDL die Einsicht reift, dass ein Ergebnis nur am Verhandlungstisch zu erzielen ist.

SPIEGEL ONLINE: Die GDL wirft Ihnen vor, dass Sie die Verhandlungen in die Länge ziehen wollen, bis das Tarifeinheitsgesetz endgültig beschlossen ist, das kleinere Gewerkschaften beschneidet.

Weber: Das stimmt nicht. Wir verfolgen keine Hinhaltetaktik - unsere Kompromissvorschläge belegen das. Wir haben dem Wunsch der GDL längst entsprochen, außer den Lokführern auch Zugbegleiter und andere Bahnmitarbeiter zu vertreten. Uns wäre es lieber, der Tarifstreit wäre bald beendet. Wir vertun gerade massiv Zeit dadurch, dass zwei Gewerkschaften es einfach nicht schaffen, sich miteinander abzustimmen. Dabei haben wir so viele drängende Themen, um die wir uns mit voller Kraft kümmern müssen. Wir müssen z.B. dringend mit den Gewerkschaften über die Arbeit der Zukunft, z.B. die Auswirkungen der Digitalisierung, sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Eisenbahnergewerkschaft EVG in dem Konflikt? Sie hat ja auch bereits mit Streik gedroht.

Weber: Die EVG ist unser zweiter und der sehr viel größere Tarifpartner. Hier sind wir schon ein Stück weiter. Die EVG will wie wir keine konkurrierenden Tarifabschlüsse für eine Berufsgruppe, sie ist dafür, dass beide Gewerkschaften sich abstimmen - wie es zum Beispiel im Öffentlichen Dienst vom Beamtenbund und Ver.di seit Jahren erfolgreich vorgemacht wird. Mit der EVG verhandeln wir heute weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist der Schaden, der durch den Streit und die Streiks entstanden ist?

Weber: Im vergangenen Jahr haben die Arbeitsniederlegungen geschätzt 150 Millionen Euro gekostet. Der Vertrauensverlust unserer Kunden lässt sich sehr viel schwieriger beziffern.

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