Tarifgespräche bei der Bahn Streit im Gleisdreieck

Bei den Tarifverhandlungen der Deutschen Bahn ringen gleich drei Seiten miteinander: Der Staatskonzern sowie die Gewerkschaften GDL und EVG. Die Arbeitnehmer fechten ein Fernduell aus, wer die besseren Konditionen aushandelt.

Lokführer: Viel zu verlieren
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Lokführer: Viel zu verlieren

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Berlin - Alexander Kirchner ist niemand, der mit lautstarken Parolen polarisiert. Aus seinem Herzen macht er dennoch keine Mördergrube. Ende Juni zum Beispiel, als der Vorsitzende der Eisenbahnergewerkschaft EVG zu den anstehenden Tarifverhandlungen mit der Bahn und zur Rolle der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) Stellung bezog.

Die EVG sei auch künftig zu "fairen Kooperationen" mit anderen Gewerkschaften bereit, sagte Kirchner. Es müsse aber sichergestellt sein, dass nicht einzelne Berufsgruppen zulasten anderer eine "Sonderbehandlung" bekämen. Den Namen seines derzeit ärgsten Rivalen Claus Weselsky erwähnte er mit keinem Wort.

Selten war die Atmosphäre im traditionell schwierigen Verhältnis der beiden Arbeiterorganisationen und ihrer Anführer so unterkühlt, wie derzeit. Denn GDL-Chef Weselsky will sich nicht mehr mit der ihm zugeschriebenen Rolle begnügen, nur die Interessen der Lokführer zu vertreten. Er sieht sich als Speerspitze aller Mitarbeiter, die in den Zügen arbeiten - Fahrkartenkontrolleure, Rangierführer, Bistroköche und Disponenten. Das Zugpersonal gehöre "untrennbar zusammen", es habe dieselben "Sorgen und Nöte", begründete Weselsky den Vorstoß.

Die anstehenden Tarifverhandlungen betreffen insgesamt 160.000 Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn. Bisher verhandelte die EVG für rund 140.000 Bahn-Angestellte, darunter Zugbegleiter, Lokrangierführer und Mitarbeiter im Bordservice. Die GDL verhandelte für die rund 20.000 Lokomotivführer. Welche Gewerkschaft für welche Mitarbeitergruppe zuständig ist, regelte seit 2007 ein Grundlagentarifvertrag, in dem EVG und GDL nach einem Monate langem Arbeitskampf ihre Claims exakt abgesteckt hatten. Der aber lief aber zum 30. Juni aus. Nun sieht keiner der beiden Seiten einen Grund, die Beschränkungen weiterhin zu akzeptieren.

Beide Organisationen haben viel zu verlieren

Natürlich liegt das nicht nur am Naturell der beiden Vorkämpfer Kirchner und Weselsky. Beide Organisationen haben viel zu verlieren. Die GDL kämpft unter dem Dach des Deutschen Beamtenbundes um mehr Einfluss, doch dafür müsste sie wachsen. Derzeit aber sind nach eigenen Angaben lediglich 34.000 Mitglieder eingeschrieben. Die EVG steht trotz der größeren Anzahl von Mitgliedern vor der gleichen Herausforderung, wenn sie unabhängig von Ver.di oder IG Metall bleiben will.

Aus Sicht der Bahn ist diese Gemengelage ziemlich unerfreulich, denn sie erschwert eine Einigung mit den Arbeitnehmern ungemein. Im Ernstfall müsste Personalchef Ulrich Weber verschiedene Tarifverträge mit unterschiedlichen Inhalten für Mitarbeiter ein und derselben Arbeitsgruppe unterschreiben, mit womöglich unterschiedlicher Arbeitszeit oder Sonderregelungen für den Einsatz außerhalb des Heimatortes - eine Horrorvorstellung für jeden, der mit der Erstellung von Schichtplänen beauftragt ist. Immerhin könnten von den sich überschneidenden Forderungen der Gewerkschaften rund 37.000 Mitarbeiter betroffen sein.

Tarifkonkurrenz vermeiden

Weber will eine Tarifkonkurrenz - also nebeneinander existierende und konkurrierende Tarifverträge - deshalb unbedingt vermeiden und setzt auf klare Absprachen zwischen EVG und GDL. Doch eigentlich rechnet er selbst kaum noch damit. "Statt Verhandeln auf Augenhöhe mit fairen Spielregeln stehen die Machtverhältnisse unter Gewerkschaften im Mittelpunkt - das entspricht nicht unserem Verständnis von Sozialpartnerschaft", beschwerte er sich.

Heiner Dribbusch von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung rät derweil zur Gelassenheit. Er verweist auf die Erfahrungen aus dem Arbeitskampf der Lokführer im Jahr 2007, der von heftigen Emotionen begleitet war. "Damals befürchteten Beteiligte und Beobachter einen Boom der Spartengewerkschaften, doch der ist ausgeblieben", sagt er. Auch habe die GDL trotz des raueren Tons während der jeweiligen Tarifverhandlungen insgesamt nicht mehr erreicht als die EVG. Ebenso sei habe bei den Privatbahnen mit ihrem Kurs nur begrenzten Erfolg gehabt. Und es sei kaum zu erwarten, dass sie diesmal ein besseres Ergebnis aushandeln werde als die EVG.

Trotzdem sieht der Tarifexperte den Disput der beiden Gewerkschaften durchaus kritisch. "Im Sinne der Solidarität der Arbeiter untereinander wäre es wohl besser, wenn EVG und GDL an einem Strang zögen."

Im September will auch die EVG Gehaltstarifverhandlungen beginnen. Am nächsten Montag wird sie ihre Forderung beschließen. Die GDL verlangt für die Beschäftigten fünf Prozent mehr Lohn und zwei Wochenarbeitsstunden weniger. Wenn Dribbusch Recht behält, kommt am Ende wieder ein nahezu einheitlicher Abschluss heraus - nach zermürbenden und zeitraubenden Verhandlungen.

insgesamt 14 Beiträge
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hobbyleser 21.08.2014
1. Es gibt nur eine echte Gewerkschaft
bei der Bahn. Diese von der Bahn selbst inszenierte Gewerkschaftssimulation EVG, deren letzter Boss direkt in den Bahnvorstand "gewechselt" ist, ist schlicht eine Peinlichkeit. Die GDL ist historisch und inhaltlich die tatsächliche Bahngewerkschaft.
fridericus1 21.08.2014
2. Na Hurra.
Da können sich alle Bahnbenutzer ja schon wieder auf das regelmäßige Streikritual freuen. Wollte die neue Bundesregierung nicht Klarheit in Bezug auf konkurrierende Gewerkschaften schaffen?
Humboldt 21.08.2014
3. Danke
Zitat von hobbyleserbei der Bahn. Diese von der Bahn selbst inszenierte Gewerkschaftssimulation EVG, deren letzter Boss direkt in den Bahnvorstand "gewechselt" ist, ist schlicht eine Peinlichkeit. Die GDL ist historisch und inhaltlich die tatsächliche Bahngewerkschaft.
Dem kann ich mich auch aus Fahrgastsicht (Bahncard100-Inhaber) nur anschließen. Während die EVG ganz auf Linie des Bahnvorstandes z.B. gegen die Trennung von Netz (Herauslösung aus der DB-Holding) und Betrieb (Verbleib bei der DB + andere Anbieter) seit Jahren polemisiert, ist hier die GdL immer gesprächsbereit gewesen und auch sonst im regen Austausch mit z.B. Fahrgastverbänden! Auch die permanente Personalunterbesetzung bei der DB aufgrund strikter Sparmaßnahmen (ich sach nur Lokführermangel, zunehmendes Outsourcing von Kernbereichen an Fremdfirmen, Fahrdienstleiter = Mainz) fällt die EVG mehr durch wachsweiche diskrete Absprachen mit der Politik und dem Bahnvorstand auf, häufig mehr zu Lasten der Arbeitnehmer und der Fahrgäste. Die GdL lebt da wirklich mehr Eisenbahn, im guten Sinne!
sfk15021958 21.08.2014
4. Ich kann nur fridericus 1 beipflichten:
Wann kümmert sich unsere Regierung unter Angela cunctator endlich um diesen Wirrwarr, unter dem nur immer die dummen, vergesslichen Wähler zu leiden haben. Der Rechnungshof scheint ja nun auch die mißglückte Energiewende der lieben Kanzlerin im Visier zu haben!
Juebschen 21.08.2014
5. Tarifgespräche bei der Bahn
Die Zeichen könnten wieder auf Sturm deuten, das bräuchten sie mitnichten, wenn man ernsthaft verhandeln würde. Wenn man aber als Vorsitzender einer seit Jahren bei 34.000 Mitglieder hindümpelnden Organisation, wiederholt auch zum Erstaunen des eigenen Führungszirkels Haken schlägt und sich nicht an Absprachen hält, wird es wahrscheinlich dann doch Sturm geben. Hier steht der Gewerkschaftsboss aus Pirna erheblich unter Erfolgsdruck, der Tarifvertrag der im Frühjahr zur Absicherung von beruflich untauglich gewordenen Lokführern geriet zum Fiasko und wurde quasi im Alleingang entgegen der Beschlüsse der Tarifkommission abgeschlossen.
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