Folgen des Bahnstreiks Industrie holt Güter von der Schiene

Die Sorge um gestrandete Privatkunden der Bahn lässt ein Problem, das der Streik der GDL-Lokführer mit sich bringt, nahezu unbeachtet: Viele Betriebe bekommen durch den Stillstand im Güterverkehr große Probleme.
Güterbahnhof nahe Eisenhüttenstadt: "Zeit, Nerven, Arbeit und Geld"

Güterbahnhof nahe Eisenhüttenstadt: "Zeit, Nerven, Arbeit und Geld"

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Kosten in Millionenhöhe, Dämpfer für den Aufschwung, Schaden für den Standort Deutschland: Der Bahnstreik beeinträchtigt die Wirtschaft nach der Ansicht von Ökonomen, Verbänden und Unternehmen spürbar. "Volkswirtschaftliche Schäden von bis zu 100 Millionen Euro am Tag werden dadurch wahrscheinlicher denn je", warnte am Dienstag Dieter Schweer von der Hauptgeschäftsführung des Industrieverbands BDI.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet etwas vorsichtiger mit einem Schaden zwischen 50 und 100 Millionen Euro am Tag. Werde mehr als zehn Tage gestreikt, wären das rund 750 Millionen Euro. "Das würde das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal rechnerisch um 0,1 Prozent drücken", sagte Krämer. "Der Streik wäre also gesamtwirtschaftlich spürbar."

Mit dem inzwischen neunten Ausstand der Lokführer erreicht der fast ein Jahr währende Tarifkonflikt zwischen der GDL und der Bahn seinen vorläufigen Höhepunkt. Hinter den Kulissen bemühen sich Unterhändler beider Seiten, wenigstens ein Schlichtungsverfahren in Gang zu bringen. Am Dienstag waren die Beratungen, an denen ein unabhängiger Arbeitsrechtler beteiligt ist, vertagt worden.

Die Disponenten in den Betrieben haben inzwischen eine gewisse Routine dabei entwickelt, die Ausfälle bei der Bahn zu kompensieren. "Doch selbst wenn die Produktion aufrechterhalten werden kann - die Transportkosten steigen in diesen Tagen erheblich an, weil zusätzliche Lkw-Kapazitäten knapp und teuer sind", klagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie, die zu den am stärksten betroffenen Industriezweigen gehört.

Vertrauen in das Gesamtsystem Bahn erschüttert

Auch die Chemiebranche klagt über Zusatzkosten. Betroffene Firmen müssten mit Kunden und Logistikdienstleistern kurzfristig flexible Lösungen entwickeln, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie, Utz Tillmann: "Das kostet Zeit, Nerven, Arbeit und Geld".

Bahn-Vorstand Ulrich Homburg, der sonst nicht so gern öffentlich über Umsatzverluste spricht, sieht inzwischen gar "das Vertrauen in das Gesamtsystem Bahn" erschüttert. Im Güterverkehr zeige sich das daran, dass Großkunden sich inzwischen für ihre Transporte "ein zweites Standbein aufgebaut" hätten, weil kein Verlass mehr auf die Bahn sei.

Die Streikfolgen für die Industrie werden dadurch gemildert, dass der Marktanteil der bestreikten Deutschen Bahn AG im Güterverkehr auf der Schiene deutlich geringer ist als im Personenfernverkehr - wo er bei nahezu 100 Prozent liegt. Im vergangenen Jahr habe die Schenker Rail rund zwei Drittel des gesamten Gütertransports auf der Schiene abgewickelt, sagt eine Sprecherin der Logistiktochter der Deutschen Bahn. Das entspricht, überschlägig gerechnet, etwa 6,4 Prozent der sogenannten Güterverkehrsleistung.

Besonders schwierig werde die Sache dadurch, dass kein Ende des Streiks abzusehen sei, fügte die Sprecherin hinzu. "Unsere Kunden wollen wissen, wann wir ihre Güter fahren können". Anders als im Personenverkehr sei nahezu jeder Güterzug eng mit den Kunden abgestimmt, denen nun keine festen Alternativen zugesagt werden könnten. "De facto ist das für uns ein unbefristeter Streik. Je länger er dauert, desto schwieriger wird es, den Ersatzfahrplan aufrechtzuerhalten."

Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn

Video: GDL-Chef Weselsky zum aktuellen Streik

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