Großbanken in Steueroasen Wo jeder Mitarbeiter zwei Millionen wert ist

Jungferninseln, Irland, Hongkong: Eine neue Studie zeigt, wie viel Geld Banken in Steueroasen parken, darunter auch deutsche Konzerne. Eine globale Mindeststeuer könnte das System durchkreuzen.
Blick auf Road Town, Hauptstadt der britischen Jungferninseln

Blick auf Road Town, Hauptstadt der britischen Jungferninseln

Foto: Michael Runkel / Westend61 / imago images

Auf den britischen Jungferninseln scheinen ganz besonders fleißige Menschen zu leben. Auf jeden Mitarbeiter europäischer Banken kommt hier ein Vorsteuergewinn von gut zwei Millionen Euro. Auf den Kaimaninseln ist es fast eine Million pro Kopf. Der europäische Durchschnitt mutet im Vergleich geradezu lächerlich an: 51.400 Euro.

Man tritt den Inselbewohnern vermutlich nicht zu nahe, wenn man die Unterschiede nicht allein auf ihre enorme Produktivität zurückführt. Vielmehr legten die Zahlen nahe, dass »in Steueroasen verbuchte Gewinne vor allem aus anderen Ländern verschoben werden«, heißt es in einer Studie der EU-Steuerbeobachtungsstelle, die am Montag erscheint.

Die Autoren untersuchen darin, wie sich die Aktivitäten von 36 europäischen Großbanken in Steueroasen wie den Jungfern- oder Kaimaninseln entwickelt haben und wie die geplante Mindeststeuer sie verändern könnte. Grundlage der Berechnungen sind nach Ländern aufgeschlüsselte Geschäftszahlen (Country-by-Country-Reporting), welche die Finanzinstitute seit 2014 vorlegen müssen. Das Ergebnis der Forscher lautet, dass »europäische Banken Steueroasen in erheblichem Maße nutzen« und sich dies bis zum Jahr 2020 nicht wesentlich geändert hat.

Die zunehmende Kritik an Steueroasen, welche durch Enthüllungen wie die Panama Papers befeuert wurde, scheint die Banken also nicht übermäßig beeindruckt zu haben. Vielmehr betreiben sie ein Spiel, das auch von anderen multinationalen Konzernen bekannt ist: Gewinne werden buchungstechnisch so in der Welt verteilt, dass auf sie möglichst geringe Steuern anfallen. Mit den realen wirtschaftlichen Aktivitäten – das unterstreicht die Aufschlüsselung nach Mitarbeitern – hat das nur sehr begrenzt zu tun.

Attraktiv werden bestimmte Standorte vielmehr durch ihren geringen Effektivsteuersatz. Im Schnitt betrug dieser für die untersuchten Banken in Europa 25 Prozent. In Luxemburg waren es hingegen 15 Prozent, Katar und Irland liegen deutlich unter zehn Prozent, Kuwait und die Bahamas deutlich unter fünf Prozent. Die Kaimaninseln kommen sogar auf einen negativen Effektivsteuersatz – das kann passieren, wenn Unternehmen mehr Gutschriften erhalten, als sie Steuern zahlen müssen.

22 Prozent der Gewinne mit einem Prozent des Personals

Bei der Nutzung solcher Institute unterscheiden sich die Banken erheblich. Ganz vorn liegt der Studie zufolge die britische Großbank HSBC. Sie verbuchte 58 Prozent ihrer Vorsteuergewinne in Steueroasen – vor allem der früheren britischen Kronkolonie Hongkong, wo sie einen Effektivsteuersatz von elf Prozent zahlte. Ähnlich hoch ist der Anteil bei der italienischen Monte dei Paschi, die vor einigen Jahren mit vielen Milliarden vom Staat gerettet werden musste.

Auf den vorderen Plätzen findet sich auch die Deutsche Bank, die laut Studie 27 Prozent ihrer Vorsteuergewinne in Steueroasen parkte. Für sie ist Luxemburg ein besonders wichtiger Standort, wo 22 Prozent der Gewinne zu einem effektiven Satz von 14 Prozent verbucht werden.

Dieses Engagement erscheine »besonders entkoppelt von den zugrunde liegenden Produktionsfaktoren«, schreiben die Autoren. Denn die Angestellten im Großherzogtum machten nicht mal ein Prozent der gesamten Deutsche-Bank-Belegschaft aus – eine »signifikante Diskrepanz« zu den vor Ort verbuchten Gewinnen.

Mehr Geld durch die Mindeststeuer?

Noch ist die Möglichkeit, Gewinne steuermindernd ins Ausland zu verschieben, für viele Banken ein glänzendes Geschäft. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Im Juli haben sich die 20 wichtigsten Industrieländer (G20) darauf geeinigt, die globalen Abgabenoasen trockenzulegen und die Gewinne multinationaler Konzerne mit »mindestens 15 Prozent« zu besteuern.

Kommt es dazu, müssten auch die europäischen Finanzriesen wesentlich mehr Geld als bisher beim Fiskus abliefern, so zeigt die Studie. Mit dem Juli-Beschluss stünden den Staaten zwischen drei und fünf Milliarden Euro zusätzlich an Abgaben zu. Läge die sogenannte Mindeststeuer bei 25 Prozent, stiege die Summe auf bis zu 13 Milliarden Euro.

Profitieren würden vor allem jene Länder, in denen die größten Banken ihren Sitz haben. Bei einer 15-Prozent-Steuer würden die Finanzämter in Großbritannien fast eine Milliarde Euro Steuern zusätzlich einnehmen. Der französische Staat könnte mit Zuflüssen von rund 340 Millionen Euro rechnen. Der Finanzminister der nächsten Bundesregierung in Berlin dürfte sich über staatliche Zusatzeinkünfte von fast 50 Millionen Euro freuen.

Kleiner Wermutstropfen: Ein beträchtlicher Teil des Geldes käme von Banken, die dem Staat ganz oder teilweise selbst gehören. Die Commerzbank zum Beispiel, an der die Bundesregierung beteiligt ist, müsste gut sechs Millionen Euro zusätzlich ans Finanzamt überweisen. Bei den landeseigenen Geldhäusern Nord LB und Helaba beliefe sich der Betrag auf zusammen rund 15 Millionen Euro.

Das größte Steuerplus aber käme vom privaten Primus der Branche. Wird die weltweite Mindeststeuer eingeführt, müsste die Deutsche Bank fast 32 Millionen Euro mehr an Steuern abführen. Es wäre eine »Leistung aus Leidenschaft« – diesmal zum Wohl der Allgemeinheit.

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