Bankenhilfe der EZB Draghis gefährlicher Geldzauber

Die Europäische Zentralbank startet die größte Rettungsaktion ihrer Geschichte. Für drei Jahre können sich Banken unbegrenzt Geld zu Minizinsen leihen. Die Politik hofft, dass die Institute damit Staatsanleihen kaufen. Doch Kritiker warnen: Der Plan sei ein Spiel mit dem Feuer.
EZB-Präsident Mario Draghi: So schlimm wie seit Lehman nicht mehr

EZB-Präsident Mario Draghi: So schlimm wie seit Lehman nicht mehr

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Hamburg - In der Welt der Notenbanken geht es normalerweise sehr diplomatisch zu. Klare Worte sucht man hier meist vergebens. Umso erstaunlicher war es, wie dramatisch die Europäische Zentralbank (EZB) zu Wochenbeginn vor einer Eskalation der Finanzkrise warnte. Die Spannungen an den Finanzmärkten nähmen derzeit "Dimensionen einer systemischen Krise an, wie sie seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor drei Jahren nicht zu beobachten waren", schrieb die Notenbank in ihrem jüngsten Bericht.

Fast zeitgleich beschwor EZB-Präsident Mario Draghi vor einem Ausschuss des Europaparlaments die Gefahren für Europas Banken: Besonders in den ersten drei Monaten des neuen Jahres würden diese es schwer haben, an frisches Geld zu kommen. "Der Druck an den Anleihemärkten wird wirklich sehr, sehr spürbar, wenn nicht gar beispiellos werden."

Auf Europas Banken kommen schwere Monate zu. Im Jahr 2012 müssen sie 725 Milliarden Euro Schulden zurückzahlen - alleine im ersten Quartal sind es 280 Milliarden Euro. Um die Schulden bedienen zu können, müssen sie sich frisches Geld leihen, doch das ist auf dem privaten Markt kaum mehr möglich. Weil die meisten Institute immer noch große Posten europäischer Staatsanleihen in ihren Bilanzen haben, trauen sie sich gegenseitig nicht über den Weg. "Der Interbankenmarkt ist ziemlich dicht", sagt Dieter Hein, Finanzexperte beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch. "Von außerhalb verleiht fast niemand mehr Geld an Banken in der Euro-Zone."

Die letzte Rettung für viele Banken ist deshalb die EZB. Schon seit Beginn der Finanzkrise 2008 stellt sie der Finanzbranche immer wieder frisches Geld zu Minizinsen zur Verfügung - teilweise für bis zu ein Jahr. Für diesen Mittwoch hat die Notenbank nun die größte Hilfsaktion ihrer Geschichte angekündigt: Die Banken der Euro-Zone können sich bei ihr für drei Jahre so viel Geld leihen wie sie wollen - und müssen dafür nur Zinsen von zunächst einem Prozent zahlen. Angesichts solch paradiesischer Bedingungen rechnen Experten damit, dass sich die Banken mehrere hundert Milliarden Euro sichern werden.

Der Freifahrtschein für die Finanzbranche hat auch Begehrlichkeiten der Politik geweckt. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy jubelte bereits vor Wochen, nun könnten sich klamme Staaten wieder an ihre Banken wenden, damit diese ihnen ihre Staatsanleihen abkaufen.

Experten warnen vor einem "Spiel mit dem Feuer"

Auf den ersten Blick wäre das für alle Beteiligten ein gutes Geschäft: Die Banken könnten ihr günstig geliehenes Geld zu höheren Zinsen an die Staaten weiterverleihen, die Regierungen würden endlich wieder ihre Anleihen los, und die EZB käme womöglich um die ungeliebte Rolle herum, selbst in großem Stil Staatsanleihen zu kaufen.

Doch Kritiker schlagen Alarm: Mit ihren üppigen Bankenhilfen betreibe die EZB Staatsfinanzierung auf Umwegen. Bill Gross, Chef des weltgrößten Anleiheninvestors Pimco, warnt vor einem "Hütchenspiel", bei dem das Geld nur von der einen Tasche in die andere wandere. Ähnlich sieht es Hanno Beck, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim. Er fürchtet, dass die Geldflut über kurz oder lang zu steigender Inflation führt. "Die EZB wirft für drei Jahre eine gigantische Liquidität in den Markt", sagt der Experte. "Das kann sie nicht mehr kontrollieren, das ist ein Spiel mit dem Feuer."

Trotz aller Risiken scheint der Plan zumindest kurzfristig zu funktionieren. In den vergangenen Tagen sind die Risikoaufschläge für schuldengeplagte Euro-Staaten deutlich gesunken. So konnte sich Spanien fast doppelt so viel Geld am Kapitalmarkt leihen wie eigentlich geplant - und das zu relativ günstigen Zinsen. In Erwartung der üppigen EZB-Hilfen greifen die Banken offenbar wieder zu.

Der Effekt könnte allerdings von kurzer Dauer sein. Experten glauben, dass sich viele Banken zuletzt vor allem deshalb mit Staatsanleihen eingedeckt haben, um diese als Sicherheiten für ihre Geldgeschäfte mit der EZB einzusetzen. Wenn sie das Geld von der Notenbank bekommen haben, könnte der kleine Kaufrausch schnell wieder vorbei sein. Schließlich gelten Anleihen der Krisenstaaten in der Branche immer noch als Gift für die Bilanzen.

Mit Material von Reuters