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10. September 2010, 06:14 Uhr

Bankenkrise in Afghanistan

Casino Kabul

Von , Islamabad

Afghanistans Mächtige bereicherten sich jahrelang schamlos an der Kabul-Bank - jetzt droht das Kreditinstitut zusammenzubrechen. Die Ersparnisse Tausender Kunden sind dahin, ebenso das Vertrauen in das junge Finanzsystem. Das Land steht vor einem Rückfall in die Tauschwirtschaft.

Sherkan Farnood ist ein Meister des Bluffs. Aus seinem Gesicht lässt sich kaum ablesen, was in seinem Kopf vorgeht. Der Mann, Mitte 40, breites, kantiges Gesicht, lichter werdendes Haar, hat es weit gebracht in seinem Leben. Sherkan Farnood ist einer der wenigen Pokerspieler von Weltrang aus Afghanistan. Vor zwei Jahren hat er ein Turnier der World Series of Poker Europe gewonnen, nach 14-stündigem Marathon am Kartentisch in einem Londoner Casino. Preisgeld: 152.867 Dollar.

Eine gigantische Summe für einen durchschnittlichen Afghanen. Ein lächerlicher Betrag für Sherkan Farnood.

Denn Sherkan Farnood, meist wohnhaft in Dubai, ist nicht nur Meister im Pokern, sondern auch ein gewiefter Geschäftsmann. Seine im Sommer 2004 gegründete Kabul-Bank entwickelte sich innerhalb nur weniger Jahre zum größten Geldhaus Afghanistans: Mehr als 60 Filialen gibt es inzwischen im ganzen Land, weitere 250 sollten eröffnet werden. Vertreter der Bank behaupten, mehr als eine Milliarde Dollar an Einlagen von rund einer Million Sparern zu verwalten.

Zwar haben nur etwa fünf Prozent aller Afghanen ein Bankkonto, aber von diesen sind zwei Drittel Kunden der Kabul-Bank. Farnood hat mit seinem Kreditinstitut Fuß gefasst in einem Land, in dem Geschäfte üblicherweise über das sogenannte Hawala-System abgewickelt werden, also per vertrauensbasierten Überweisungen. Afghanistan ist arm, doch an Bargeld mangelt es nicht: Es fließen milliardenschwere Hilfen aus dem Ausland und Gelder aus Drogengeschäften. Die Kabul-Bank zieht Kunden an, die auf ein Konto angewiesen sind. Außerdem gelang der Bank ein lukrativer Deal: Der Staat zahlt die Gehälter für rund 250.000 Soldaten und Polizisten auf Konten der Kabul-Bank ein.

Wie eine große Party

Möglich ist das nur, weil die Bank und die Regierung eng miteinander verknüpft sind. Neben den beiden größten Anteilseignern Farnood und Khalilullah Ferozi, einem früheren Edelsteinhändler, sind zwei Männer mit höchsten Verbindungen in die Politik an der Bank beteiligt. Haseen Fahim ist ein Bruder von General Mohammed Qasim Fahim, seit 2009 zum zweiten Mal afghanischer Vizepräsident, und ein ehemaliger tadschikischer Warlord, dem schlimme Menschenrechtsverletzungen im Bürgerkrieg in den neunziger Jahren vorgeworfen werden. Und Mahmoud Karzai ist ein älterer Bruder von Präsident Hamid Karzai, er bekam von Farnood, Ferozi und Fahim rund fünf Millionen Dollar geliehen, damit er sich mit diesem Geld einen Anteil an der Kabul-Bank kaufen konnte.

Mahmoud Karzai, der gut sieben Prozent an der Kabul-Bank hält, erklärte kürzlich in einem Interview, er finde es "nicht ungewöhnlich", eine so hohe Summe von einer Bank geliehen zu bekommen, um damit Anteile eben jenes Kreditinstituts erwerben zu können. Und dass der Präsident von Afghanistan sein Bruder sei, spiele bei dieser Sache überhaupt keine Rolle. Schließlich habe er sich nicht bereichert, alle Gewinne seien in der Bank geblieben.

Doch schon seit Monaten sickern pikante Details durch. Offenbar wurde die Bank geführt, als handele es sich um eine große Party, bei der am Ende alle mit Geschenken im Millionenwert nach Hause gehen.

Die Selbstbedienung bei der Kabul-Bank sorgt seit geraumer Zeit für Aufsehen: Schon im Februar berichtete die "Washington Post" ausführlich darüber, wie sich die Bankeigner sowie ihre Freunde Luxusimmobilien in Dubai auf Kosten des Unternehmens sichern. Sie berichtete, dass die afghanische Zentralbank "Gerüchte" über Immobiliendeals in Dubai untersucht habe, aber zu keinem Ergebnis gekommen sei. Der Chef der Zentralbank, Abdul Qadir Fitrat, erklärte damals, es sei "sehr schwierig", einen Überblick über die von der Kabul-Bank vergebenen Darlehen zu bekommen, "da wir nicht wissen, wem was gehört".

Doch erst die Nachricht Anfang September, die Bank habe rund 300 Millionen Dollar insbesondere durch Immobilienspekulationen in Dubai verloren, brachte das Geldhaus ins Wanken: Farnood und Ferozi wurden als Chefs der Bank abgesetzt, die Konten der Anteilseigner eingefroren. Tausende von Kunden stürmten die Filialen, um ihr Geld abzuheben und in Sicherheit zu bringen - vergeblich, sie standen vor verschlossenen Türen, wurden von Angestellten vertröstet, sie mögen doch in ein paar Tagen wiederkommen, oder wurden von Sicherheitskräften regelrecht weggeprügelt.

"Hunderttausende spüren die Folgen der Korruption"

Ein Bankenfachmann aus Kabul, der um seine Sicherheit fürchtet und deshalb namentlich nicht genannt werden möchte, erklärt, er habe mehrfach versucht, die Bilanzen der Bank einzusehen. "Inzwischen komme ich zu dem Schluss, dass es keine Bilanzen gibt", sagt er resigniert. "Offensichtlich ist diese Bank das Zentrum der Korruption. Es sollten keine Spuren hinterlassen werden, deshalb gibt es keine Bücher, in denen die Finanztransaktionen nachvollzogen werden können." Zwar seien Immobilienspekulationen im Ausland gesetzlich verboten, auch gebe es Gesetze gegen Geldwäsche. "Aber niemand schert sich darum. Das ist Afghanistan: Ehrenworte und Beziehungen zählen immer noch mehr als Gesetze." Dass die Nachricht über den drohenden Crash der Kabul-Bank ausgerechnet ein paar Wochen vor der für den 18. September geplanten afghanischen Parlamentswahl in US-Zeitungen gestreut wurde, deute darauf hin, dass jemand Karzai "eins auswischen" wolle.

Die Lage wird seither von Tag zu Tag angespannter: Am Wochenende ist das Fest Id, mit dem das Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert wird. "Die Menschen machen sich da Geschenke, sie brauchen Geld fürs Festmahl", sagt ein Ökonom in Kabul, der ebenfalls anonym bleiben möchte. "Jetzt spüren sie erstmals, dass die Korruption hier in Afghanistan nicht nur auf Kosten des Westens geht, der Milliardensummen ins Land pumpt, sondern auch auf ihre eigenen Kosten." Sie müssten damit rechnen, dass ihre Ersparnisse weg seien, verschwunden in den dunklen Kanälen der ohnehin Mächtigen und Reichen. "Diese Geschichte birgt großen sozialen Sprengstoff."

Auch Fahim Dashty, Chefredakteur von "Kabul Weekly", rechnet mit weitreichenden Konsequenzen. "Diesmal spüren Hunderttausende von Menschen die Folgen der Korruption", sagte er dem arabischen Fernsehsender al-Dschasira: "Die Menschen verlieren das Vertrauen nicht nur in unser Bankensystem, sondern in unsere Wirtschaft insgesamt." Dabei habe die afghanische Volkswirtschaft seit dem Fall der Taliban Ende 2001 durchaus Fortschritte gemacht. Das stehe jetzt alles auf dem Spiel.

"Wer wird in Afghanistan noch investieren?"

Farooq Bashar von der Kabuler Bakhtar Universität fürchtet gar ein Kollabieren der gesamten Wirtschaft Afghanistans. "Wer wird denn künftig noch hier investieren, wenn selbst wir der Wirtschaft nicht mehr trauen?" Es reiche nicht, nur das Personal an der Spitze der Bank auszuwechseln - das gesamte Wirtschaftssystem müsse verändert werden, sonst drohe ein Rückfall in den Tauschhandel, dem die Menschen wieder mehr vertrauten. Ein Bankexperte fragt desillusioniert: "Was sollen die Menschen denken, wenn normale Afghanen nicht mal einen Kredit über wenige hundert Dollar bekommen, und sich diese Herrschaften die Taschen mit Millionen vollstopfen?"

Afghanistans Regierung versichert deshalb unablässig, das Problem Kabul-Bank in den Griff zu bekommen. Die Lage sei gar nicht so schlimm, man werde die Bank notfalls mit Geld ausstatten, damit die Kunden an ihre Einlagen kämen. Doch die Regierung steckt in einem Dilemma: Rettet sie die Bank, handelt sie sich den Vorwurf ein, die Ausschweifungen der korrupten Kaste - also ihre eigenen - auch noch mit Steuergeldern zu finanzieren. Rettet sie das Geldhaus aber nicht, hätte das einen enormen Vertrauensverlust in das gesamte afghanische Finanzsystem zur Folge.

Und ein weiteres Problem droht auch noch: Was passiert, wenn Soldaten und Polizisten auf die Straße gehen, weil sie ihr Gehalt nicht mehr ausgezahlt bekommen? Dieses Szenario mag sich in Kabul lieber keiner vorstellen.

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