Skandal bei Bayer-Tochter Monsanto spionierte Kritiker in ganz Europa aus

Der Skandal um Schnüffeleien gegen Monsanto-Kritiker in Frankreich zieht immer weitere Kreise. Der Mutterkonzern Bayer muss nun einräumen, dass auch Deutschland betroffen ist.

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Brendan McDermid/ REUTERS

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Der von Bayer 2018 übernommene US-Konzern Monsanto hat nicht nur in Frankreich Kritiker des Unternehmens ausgespäht. Er gehe "fest davon aus, dass weitere Länder betroffen sind, einschließlich Deutschland", sagte der Bayer-Manager Matthias Berninger in einer Telefonkonferenz.

Berninger, Mitglied der Grünen und früher Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, wechselte im Januar von Mars zu Bayer. Hier muss er als Leiter des Bereichs Public Affairs und Nachhaltigkeit die Aufklärung der Angelegenheit vorantreiben.

Das Anlegen von Listen und Datensätzen über Politiker, Wissenschaftler und Journalisten, wie es vor wenigen Tagen aus Frankreich bekannt wurde, seien Praktiken gewesen, die eher in den USA üblich gewesen seien. Im Fußballjargon, so Berninger, würde man sagen, "da wurde nicht der Ball gespielt, sondern auf den Mann gegangen".

Die Listen, die der umstrittene US-Saatguthersteller und Glyphosat-Produzent Monsanto seit 2015 anlegte, dienten nicht nur dazu, sogenannte Stakeholder in Gut und Böse einzuteilen. Man wollte sie auch gezielt überwachen und wenn nötig diskreditieren, um öffentliche Debatten zu gewinnen und seine Produkte voranzubringen. Solche Praktiken, so Berninger, werde es unter seiner Führung nicht mehr geben.

Vorläufig beendet sei deswegen die Zusammenarbeit mit der zuständigen PR-Agentur Fleishman Hilard, die auch in Deutschland für Monsanto tätig war. Bayer werde eine Anwaltskanzlei beauftragen, das Vorgehen von Monsanto zu untersuchen. Bereits am Wochenende hatte Bayer um "Entschuldigung" gebeten und sich von Monsanto abgegrenzt: "Dies ist nicht die Art, wie Bayer den Dialog mit unterschiedlichen Interessengruppen und der Gesellschaft suchen würde."

Neben den unterschätzten Klagen potenzieller Glyphosat-Opfer in den USA kommt mit dem Untersuchungsverfahren der französischen Staatsanwaltschaft nun ein weiteres großes Problem auf den deutschen Konzern zu. Und es könnten noch mehr werden: Er habe schnell gemerkt, dass es noch Aktivitäten gebe, die in die Vergangenheit reichen, so Berninger.

Ein solcher PR-Stunt war die Kampagne "Freedom to Farm". Eine irische PR-Agentur hatte für Monsanto Landwirte (ob tatsächlich existierende oder auch erfundene, vermag Bayer noch nicht zu sagen) in Stellung gebracht und eine angebliche Massenbewegung "Pro Glyphosat" inszeniert. In den USA sind solche getürkten Bürgerbewegungen unter dem Begriff "Astroturfing" bekannt. "Freedom to Farm" wurde Ende 2018 beendet.

Berninger selbst spricht von "Simulation" und "Fake News". Wenn sich eine Bewegung nicht von alleine bewege, "dann ist es keine Bewegung".

insgesamt 18 Beiträge
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brooklyner 13.05.2019
1.
Ja was, ja Mensch, empört, schockiert und das geht gar nicht kommt dann wahrscheinlich wieder von allen Irrlichtern. Dass dieser Konzern das absolut Niederträchtigste ist, ist seit Jahren bis Jahrzehnten bekannt. Wenn völlig umnachtete Gestalten wie Baumann, die wahrscheinlich noch nie mit amerikanischen Konzernrepräsentanten direkt verhandelt haben, so was nicht checken, wundert das natürlich überhaupt nicht. Man fragt sich nur, wie solche Gestalten es eigentlich geschafft haben, in derartige Positionen zu gelangen. So etwas scheint fast nur in Deutschland möglich.
fottesfott 13.05.2019
2. Bayer
einfach nur ein weiteres, ehemals hoch respektiertes deutsches Großunternehmen, das nicht begriffen hat, dass es nicht nur um Gewinn und Dividende geht, sondern dass Reputation, Verhaltenskodex, Verlässlichkeit, Nachhaltigkeit den "Wert" eines Unternehmens definieren. Und dass Monsanto in dieser Hinsicht nicht gut für Bayer war hat jeder verstanden - außer Herrn Baumann.
ulli.krezer 13.05.2019
3. Vorläufig eingestellt?
Der Schuldige wurde festgestellt. Es war die PR-Agentur. Aber zum Glück wurde die Zusammenarbeit mit Fleishman Hilard eingestellt. Aber halt! Nur vorläufig. Für wie lange? Die lachen sich doch ins Fäustchen, es wird so weitergemacht wie zuvor. Armes Deutschland, was ist aus deinen ehrlichen Kaufleuten geworden.
appenzella 13.05.2019
4. Baumann und Esser
sind die Repräsentanten einer Geschäftspolitik, die die Erhöhung des Aktienwertes mit Zuwachs des Wertes ihrer Unternehm/ungen verwechseln. Wie sagte doch V-Mann Esser (man erinnert sich an das V-Zeichen von Ackermann, einem ähnlich gestrickten Gewinner, der die Deutsche Bank ruiniert hat): Ich habe den Wert von Mannesmann auf das 1000fache erhöht. Und als diese Erhöhung nach dem Verkauf der MobilSparte an Vodafone von einigen cleveren Anlegern realisiert wurde, waren 10tausende von Normalos, also den "kleinen" Anlegern ruiniert. Und Esser kassierte 30 Mio Abfindung ( oder waren es 60 Mio?) und verpißte sich, im Gluben, das Geschäft seines Lebens gemanagt zu haben. Geldgier ist das Treibmittel dieser Leuchten des Kapitalismus, die nie im Leben einer ehrlichen Arbeit nachgegangen sind. Kann durch eine beliebige Anzahl Namen politische sogenannter Größen ergänzt werden. Oh tempora, oh mores sach ich bloß.. der appenzella
wasistdalos 13.05.2019
5. Ein Einzelfall?
Wer glaubt, dieses ist nur ein bedauerlicher Zwischenfall zwischen einer amerikanischen und deutschen Firma, dem ist wohl wirklich nicht zu helfen. Wir werden manipuliert, manche wehren sich dagegen, auch falls dabei irgendwelche dunkle Kapitel der Vergangenheit wieder hervorgeholt werden, die niemand interessiert, die Mehrheit öffnet die Hand, egal, was für die Menschheit auf dem Spiel steht.
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