Bayer-Aktie auf Talfahrt Übernommen

Mit der Übernahme des Chemiekonzerns Monsanto hat sich Bayer womöglich verhoben: Ein Urteil in den USA lässt die Aktie abstürzen - und Hunderte weitere Klagen folgen.
Von Felix Sommerfeld
Anti-Glyphosat-Demonstrant

Anti-Glyphosat-Demonstrant

Foto: Jannis Mattar/dpa

Ein solches Drama hat man beim sonst so soliden Bayer-Konzern lange nicht erlebt. Am Montagmorgen ging die Aktie des Leverkusener Dax-Konzerns in den freien Fall über - und stürzte zeitweise um zwölf Prozent auf unter 83 Euro ab. Niedriger standen die Papiere des Chemieriesen seit mehr als zwei Jahren nicht.

Wirkliche Besserung ist laut Experten kaum in Sicht. Analyst Michael Leacock vom Investmenthaus Mainfirst korrigierte am Montag das Kursziel für die Bayer-Aktie von 135 auf 90 Euro. Und das alles wegen Monsanto, genauer gesagt wegen Glyphosat. Das umstrittene Herbizid ist der Grund, weswegen der kürzlich von Bayer   übernommene Saatgutkonzern fast 290 Millionen Dollar Entschädigung zahlen soll. Monsanto habe es versäumt, vor dem Krebsrisiko zu warnen, das von Glyphosat ausgeht, so das US-Geschworenengericht.

Es ist gut möglich, dass dieses Urteil nur die Spitze des Eisbergs ist. Im Juli hat ein US-Bundesrichter mehrere Hundert Klagen gegen die jetzige Bayer-Tochter zugelassen, insgesamt versuchen mehrere Tausend Kläger Schadensersatz von Monsanto zugesprochen zu bekommen. Auf den Mutterkonzern können weitere massive finanzielle Verpflichtungen aus möglichen Entschädigungen und Urteilen zukommen. Das beunruhigt die Märkte, Investoren stoßen die Aktie ab und stellen die Strategie grundsätzlich infrage. War die Übernahme von Monsanto womöglich ein Fehler?

Als Bayer im Mai 2016 seine Absicht ankündigte, Monsanto zu übernehmen, geschah das aus einem nüchternen Kalkül heraus: Mitverdienen an den immer wichtiger werdenden Märkten Agrochemie und Saatgut. Nach der Übernahme wird Bayer mehr als ein Viertel des weltweiten Bedarfs an Pflanzenschutzmittel stillen. 63 Milliarden Dollar war Bayer der Weltmarktführer auf diesem Gebiet wert.

Eine Megafusion, die erst mal bezahlt werden will. Ein ökonomisch mutiges Unterfangen, insbesondere aber strategisch ein riskanter Schritt.

Die Macht der öffentlichen Meinung

Das Thema Glyphosat ist emotional sehr aufgeladen und wird in der Öffentlichkeit nur selten nüchtern und faktenbasiert diskutiert. Und wer an Glyphosat denkt, der denkt an Monsanto. Für Umweltaktivisten verkörpert der Konzern die umsatzgetriebene Großindustrie, die rücksichtslos ihre Interessen verfolgt. Auch in diesem Jahr wird Monsanto wieder in der Liste der meistgehassten amerikanischen Unternehmen geführt. Und das in den USA gesprochene Urteil bestärkt die Kritiker. Für sie ist nun eindeutig, was sie schon immer vermuteten: Glyphosat verursacht Krebs.

Dass das so eindeutig gar nicht ist, zeigen verschiedene Untersuchungen. Weltweit haben Behörden, darunter die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Krebsrisiko von Glyphosat geprüft. Ergebnis: Bei sachgemäßer Anwendung bestehe keine Gesundheitsgefahr. Lediglich die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings kein konkretes Risiko für die Bevölkerung, sondern nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. So stuft die IARC auch den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Alkohol hingegen als "sicher krebserregend".

Die Öffentlichkeit nimmt von diesen Untersuchungsergebnissen kaum Notiz, die öffentliche Meinung zu Monsanto bleibt dieselbe.

Monsanto hat ein Imageproblem und das entging natürlich auch den Bayer-Verantwortlichen nicht. Kurz nachdem im Juni alle Kartellgenehmigungen eingeholt waren und der Übernahme nichts mehr in die Quere kommen konnte, gab Bayer bekannt, dass der Name Monsanto verschwinden wird. Eine Namenstilgung als erste Amtshandlung. Eine strategische Maßnahme, um zu vermeiden, dass der belastete Name Monsanto weiterlebt. Bayer kann den Namen tilgen, nicht aber die damit verbundenen Assoziationen.

Finanzielles Risiko durch Klagelawine

Ebenso wenig wie die rechtlichen Risiken. Mit der Monsanto-Übernahme hat sich Bayer nicht nur ein Unternehmen mit einem katastrophalen Image ins Haus geholt, sondern zeitgleich auch eine nicht zu unterschätzende finanzielle Gefahr. Erst kürzlich haben 400 Bauern, Landschaftsgärtner und Verbraucher Monsanto verklagt - bei ihnen allen habe Glyphosat Krebs verursacht. Im ersten Prozess wegen Glyphosat ist die Bayer-Tochter nun zu einer Strafzahlung in Millionenhöhe verurteilt worden. Fast 290 Millionen Dollar hat die Jury Dewayne Johnson zugesprochen, einem ehemaligen Hausmeister, der beruflich mit dem Pflanzenschutzmittel zu tun hatte und unheilbar an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist.

Es ist das erste Urteil von vielen und es kann eine starke Signalwirkung haben. Für den Fall, dass sich Bayer in Folge von mehreren verlorenen Prozessen auf eine Einigung einlasse, könnten die Gesamtkosten laut Analyst Leacock leicht zehn Milliarden Dollar erreichen.

Das ist es, wovor die Investoren Angst haben - sie befürchten immer neue Strafen, jetzt, da das erste Urteil gesprochen ist. Die Zahlungslawine nach der Klagelawine. Möglicherweise hat Bayer dieses Risiko unterschätzt. Gut möglich, dass sich die Leverkusener mit der Monsanto-Übernahme keinen Gefallen getan haben.

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