Wirtschaftliche Entwicklung Industrieverband lobt überdurchschnittliche Erfolge in Ostdeutschland

Seit der Wende vor 30 Jahren hat die Wirtschaft in den neuen Bundesländern enorm aufgeholt. Der Industrieverband BDI sieht diese Bilanz aber gefährdet, sollte es nicht gelingen, mehr Arbeitskräfte im Osten anzusiedeln.

Drechslermeister in Sachsen (Archivbild)
Claudia Drescher / DPA

Drechslermeister in Sachsen (Archivbild)


Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat die Entwicklung der ostdeutschen Wirtschaft seit dem Mauerfall positiv hervorgehoben. "Nach der Wiedervereinigung betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gerade ein Drittel des westdeutschen Niveaus, heute liegt es bei fast 75 Prozent", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Holger Lösch.

"Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich mehr als verdoppelt, die Produktivität stieg um das Vierfache", sagte er vor Beginn des Ostdeutschen Wirtschaftsforums im brandenburgischen Bad Saarow. Überdurchschnittliche Erfolge gebe es in der Infrastrukturausstattung, in der Wohnqualität und im Umweltschutz.

Allerdings herrsche in Ostdeutschland ein akuter Fachkräftemangel, warnte Lösch. Daher müssten Weiterbildung und Qualifizierung intensiviert werden. "Aber auch die Attraktivität für Zuwanderung muss erhöht werden", sagte Lösch. "Offene oder latente Fremdenfeindlichkeit erweist ganzen Regionen einen Bärendienst."

Außerdem stagniere der wirtschaftliche Aufholprozess in Ostdeutschland derzeit, so Lösch weiter. "Das liegt unter anderem an der kleinteiligeren Wirtschaftsstruktur sowie am Fehlen großer Unternehmen und Konzernzentralen zwischen Ostsee und Erzgebirge, was der langen Teilung geschuldet ist."

Neue EU-Mittel für den Osten?

Ab diesem Montag diskutieren Vertreter aus Wirtschaft und Politik im brandenburgischen Bad Saarow über die Zukunftsperspektiven des Wirtschaftsstandorts Ostdeutschland. An der zweitägigen Konferenz nehmen neben Wirtschaftsminister Peter Altmaier auch mehrere Länder-Ministerpräsidenten teil.

Ostdeutschland wird sich nach Überzeugung von Altmaier wieder zu einer starken Industrieregion entwickeln. Der CDU-Politiker setzt dabei aber auf eine weiter starke Förderung mit EU-Mitteln. "Eine erfolgreiche Industrialisierung in Ostdeutschland kann nur in Zusammenarbeit und mit Unterstützung der EU gelingen", sagte Altmaier. "Ich setze mich deshalb für den Erhalt der EU-Strukturfondsmittel für die neuen Bundesländer in der nächsten Förderperiode ab 2021 ein."

Oberstes Ziel sei es, zukunftsfähige Arbeitsplätze in den neuen Ländern zu schaffen, sagte Altmaier. Dies solle erreicht werden durch die Förderung unternehmerischer Investitionen, den Ausbau von Infrastruktur und durch Ansiedlung von Bundes- und Forschungseinrichtungen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) begrüßte Altmaiers Zusage. Er warnte, durch den Austritt Großbritanniens aus der EU und die Veränderung der Förderkriterien drohe den neuen Bundesländern der Verlust von bis zu 60 Prozent der europäischen Strukturfondsmittel.

kko/dpa/dpa-AFX



insgesamt 16 Beiträge
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claudilein 20.05.2019
1. Treuhand vergessen
"Das liegt unter anderem an der kleinteiligeren Wirtschaftsstruktur sowie am Fehlen großer Unternehmen und Konzernzentralen zwischen Ostsee und Erzgebirge, was der langen Teilung geschuldet ist." Daran ist nicht nur die Teilung Schuld, sondern gerade auch die Treuhand, dank der fast alles platt gemacht wurde. Hätte man seinerzeit die Betriebe nicht gleich für einen Appel und ein Ei an die Konkurrenz weitergereicht und die Schulden der volkseigenen Betriebe vergemeinschaftet, sähe die Lage im Osten wesentlich besser aus.
dima43 20.05.2019
2. Nicht die Teilung sonder Treuhand ist die Ursache
"... am Fehlen großer Unternehmen und Konzernzentralen zwischen Ostsee und Erzgebirge, was der langen Teilung geschuldet ist ..." - es ist eine Folge der überstürzten Wiedervereinigung/Anschluß bzw. dem Wirken der sog. Treuhand.
muellerthomas 20.05.2019
3.
Zitat von claudilein"Das liegt unter anderem an der kleinteiligeren Wirtschaftsstruktur sowie am Fehlen großer Unternehmen und Konzernzentralen zwischen Ostsee und Erzgebirge, was der langen Teilung geschuldet ist." Daran ist nicht nur die Teilung Schuld, sondern gerade auch die Treuhand, dank der fast alles platt gemacht wurde. Hätte man seinerzeit die Betriebe nicht gleich für einen Appel und ein Ei an die Konkurrenz weitergereicht und die Schulden der volkseigenen Betriebe vergemeinschaftet, sähe die Lage im Osten wesentlich besser aus.
Welche DDR-Unternehmen hätten Ihrer Meinung denn erhalten werden können und wären heute etablierte Großbetriebe?
spiegelleser987 20.05.2019
4.
"Dies solle erreicht werden durch die Förderung unternehmerischer Investitionen..." Dieses Fördermittelprinzip ist voll daneben. Das läuft nach dem : Du musst nachweisen, dass Du 1 Mio. Euro besitzt. Dann bekommst Du 1 Mio. Fördermittel. Nach Abschluss des Projekts musst Du nachweisen, dass Du diese 2 Mio. dafür ausgegeben hast. In Summe kommt dann 0 raus. Bei neu entwickelten Geräten oder Software zählen diese Ausgaben als Investition und "Vermögen" und sind entsprechend dem vor 10 Jahren verschärften BilRug-Gesetz über 10 Jahre zusätzlich zu versteuern. Und vorher muss man 3 Jahre für nichts arbeiten, um den Fördermittelantrag immer wieder zu ändern. Das habe ich nun 3 Jahre lang erlebt. Besser wäre es die Steuern zu senken, so wie Klaus von Dohnanyi das Ende der 1990er Jahren forderte. Ohne Geld kann es kein Wirtschaftswachstum geben.
andneu 20.05.2019
5.
"Der Industrieverband BDI sieht diese Bilanz aber gefährdet, sollte es nicht gelingen, mehr Arbeitskräfte im Osten anzusiedeln." Dann mal höhere Löhne zahlen und attraktivere Arbeitsplätze schaffen, dann klappt es auch mit den Bewerbern.
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