Beluga-Insolvenz Ein Star-Reeder muss abwracken

Das Kerngeschäft der Beluga meldet Insolvenz an, die einst größte Schwergutflotte der Welt steht vor dem Aus. Gründer Niels Stolberg soll Bilanzen manipuliert haben. Doch mancher Mitarbeiter traut ihm noch immer mehr als den neuen Chefs - einem US-Finanzinvestor.

Reeder Niels Stolberg: "Keine Firma von der Stange"
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Reeder Niels Stolberg: "Keine Firma von der Stange"

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Hamburg - Er kann Niels Stolberg nicht böse sein - selbst wenn sich die Vorwürfe gegen den Beluga-Gründer bewahrheiten sollten. "Wenn er es gemacht hat, um die Firma zu retten, hätte ich Verständnis", sagt der Mitarbeiter. "Was tut man nicht alles um sein Lebenswerk zu retten?"

Diese Frage stellt sich nun in der Tat: Was hat Stolberg, Reeder, Selfmade-Millionär und Hoffnungsträger der Stadt Bremen, möglicherweise getan, um sein Unternehmen Beluga durch die Wirtschaftskrise zu bringen? Hat er Umsatzerlöse in dreistelliger Millionenhöhe falsch ausgewiesen, wie die Staatsanwaltschaft vermutet? Oder ist er zum Opfer des Finanzinvestors und Beluga-Miteigentümers Oaktree geworden, der die Ermittlungen gegen Stolberg angestoßen hatte? Sicher ist an diesem Mittwoch nur eins: Stolberg steht vor einem Scherbenhaufen. Denn Beluga hat Insolvenz für das Chartering beantragt - ihr Kerngeschäft.

Den Beluga-Mitarbeiter trifft die Nachricht nicht unvorbereitet. "Ich wusste, dass es der Firma schlecht geht", sagt er. "Ich habe die Zahlen gesehen." Der Umsatz, den die Beluga-Schiffe gemacht hätten, sei durch die Wirtschaftskrise um bis zu zwei Drittel zurückgegangen.

Fest steht: Beluga konnte frisches Kapital gut gebrauchen, als Oaktree im Sommer 2010 bei der Reederei einstieg. Zwar verfügte Beluga nach eigenen Angaben zeitweise über die größte Schwergutflotte der Welt. Doch die Wirtschaftskrise hatte auch die deutsche Schifffahrtsbranche getroffen, die eigentlich grundsoliden deutschen Reeder mussten sich nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten umschauen.

Dass Stolberg als einer der Ersten einen Finanzinvestor ins Boot holte, passte zu seinem Ruf. In der auf Diskretion bedachten Branche war der große, blonde Unternehmer schon immer aufgefallen. Zu steil war sein Aufstieg vom Kapitän zum schwerreichen Geschäftsmann, und zu zahlreich waren seine geschäftlichen Aktivitäten.

In Bremen war er ein angesehener Unternehmer, der Hunderte von Arbeitsplätze geschaffen und zwei Nautikprofessuren gestiftet hatte, gerade an einer neuen Firmenzentrale baute und zeitweise sogar im Aufsichtsrat des SV Werder saß. Auf der Nordseeinsel Spiekeroog hingegen, wo Stolberg sich neben einem Eigenheim auch ein kleines Hotelimperium zugelegt hatte, war der Zugezogene höchst umstritten. Sogar als "Heuschrecke" bezeichnete ihn dort vor Jahren schon ein Kritiker - genau jenes Schimpfwort, das sich auch für Finanzinvestoren wie Oaktree eingebürgert hat.

Das US-Unternehmen hatte seine Macht bei Beluga rasant ausgebaut. Ende Februar brauchte die Reederei überraschend mehr Geld. Oaktree stellte es bereit, stockte dafür seinen Anteil auf 49,5 Prozent auf und begann kurz darauf, die Führung auszutauschen. "Die haben sich hier breitgemacht", berichtet der Mitarbeiter. "Wenn Oaktree einen Bericht anforderte, sind alle gleich gesprungen."

"Kritik ist nicht erwünscht"

Dann ging alles sehr schnell: Anfang März wurde bekannt, dass Stolberg nicht länger Geschäftsführer von Beluga war. Stattdessen übernahm Roger Iliffe die Führung, Vizepräsident von Oaktree. Wenige Tage später bestätigte die Staatsanwaltschaft Bremen, dass gegen Stolberg und andere Beluga-Manager ermittelt werde - wegen einer Anzeige von Oaktree. Der Finanzinvestor will bei der Buchprüfung "finanzielle Unregelmäßigkeiten im Hinblick auf Umsatz und Liquidität" entdeckt haben.

Dem Beluga-Angestellten will nicht einleuchten, dass der Investor so spät Alarm schlug. Schließlich hatte Oaktree vor seinem Einstieg bereits eine ausführliche sogenannte Due-Dilligence-Prüfung gemacht. "Was haben die denn die letzten sechs Monate gemacht?"

Allerdings räumt der Mitarbeiter auch ein, dass die Atmosphäre bei Beluga schon vor dem Einstieg von Oaktree weder gut noch transparent war. Unter den rund 500 Angestellten habe es eine äußerst hohe Fluktuation gegeben, zeitweise hätten jeden Monat rund 20 Mitarbeiter Beluga verlassen. "Leistung wurde nicht honoriert", sagt er. Nachfragen hätten in dem Unternehmen, das bis heute keinen Betriebsrat hat, nur Ärger gebracht. "Kritik ist bei Beluga nicht erwünscht."

Auch die neuen Herren bei Beluga informieren die Mitarbeiter bislang nur spärlich. Am Mittwoch wurden sie in einer kurzen E-Mail von Oaktree-Vize Iliffe über den Insolvenzantrag informiert, betroffene Mitarbeiter sollten ihre Nachfragen vorerst an eine spezielle E-Mail-Adresse senden.

Selbst Weihnachtsgeschenke gestrichen

Die Insolvenz sei eine Folge "der erheblichen Unregelmäßigkeiten bezüglich Umsatz und Liquidität der Unternehmung", schreibt Iliffe. Zuletzt hatten Schiffseigner, darunter viele deutsche Fondshäuser, ihre Charterverträge mit Beluga gekündigt. Laut "Financial Times Deutschland" stand das Unternehmen schon kurz vor der Insolvenz praktisch ohne Flotte da.

Bei Oaktree will man Nachfragen zum Insolvenzantrag und einer möglichen Zukunft von Beluga derzeit nicht kommentieren. Aus Verhandlungskreisen heißt es aber, die Gespräche mit beteiligten Banken liefen besser als mit den Kapitalgesellschaften, ein Teil der Beluga-Gruppe könnte durchaus überleben.

Den Beluga-Angestellten überzeugt das nicht. Er studiert bereits Stellenanzeigen, wenn auch mit Wehmut. "Die Firma lag mir am Herz, weil es keine Firma von der Stange war", sagt er. Stolberg habe die Mitarbeiter häufig beschenkt. Noch zu Weihnachten gab es Gutscheine für den "Inselzauber" - Stolbergs Restaurant und Geschäftshaus auf Spiekeroog. Vor einigen Tagen aber erhielt der Mitarbeiter eine Rundmail des neuen Managements: Die Gutscheine seien mit sofortiger Wirkung gesperrt.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
michlauslöneberga 16.03.2011
1. Genaues Wissen weiß man nicht, aber
Zitat von sysopDas Kerngeschäft der Beluga meldet Insolvenz an, die*einst größte Schwergutflotte der Welt steht vor dem Aus. Gründer Niels Stolberg soll*Bilanzen manipuliert haben. Doch*mancher Mitarbeiter traut*ihm noch immer mehr als den neuen Chefs - einem US-Finanzinvestor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,750394,00.html
grundsätzlich wird das in den Kreisen der Heuschrecken schon so gemacht, erst einsteigen, dann Altgesellschafter rausdrängen - wie auch immer und ob berechtigt oder nicht - und dann das Invest durch Zerschlagung "retten" und dabei (s)einen Provit machen. Wie gesagt, genaues ist noch nicht bekannt, aber die Stolberg-Saga hörte sich ja fast zu gut an, um wahr sein zu können. Aber: Inwieweit hier WP-Testate und due-dilligence Prüfungen tatsächlich weitgehende Bilanzmanipulationen nicht erkannt haben sollen, ist schon fraglich.
sagrotan 16.03.2011
2. Beluga Mitarbeiter...
Könnte bitte mal ein Beluga MA die derzeitige Situation im Betrieb beschreiben!? Ich selber war mal für Herrn Stollberg tätig....
Uncle_Sam 16.03.2011
3.
Schade, dass Spon nicht über das Bekannte hinaus berichtet, sondern nur zusammenfasst.
founder 16.03.2011
4. Zukunft Schwerguttransport
Die Zukunftsaussichten vom Schwerguttransport sehen sehr schlecht aus. Erdöl: Umstellung elektrische Mobilität, entfällt daher Kohle: Umstellung ernuerbare Energie entfällt daher Damit fallen 2 wesentliche Säulen dieses Geschäfts in den nächsten 30 Jahren weg.
brox/walker 16.03.2011
5. Keine Ahnung
Zitat von founderDie Zukunftsaussichten vom Schwerguttransport sehen sehr schlecht aus. Erdöl: Umstellung elektrische Mobilität, entfällt daher Kohle: Umstellung ernuerbare Energie entfällt daher Damit fallen 2 wesentliche Säulen dieses Geschäfts in den nächsten 30 Jahren weg.
Sie haben offensichtlich keine Ahnung was Schwergut überhaupt ist. Was Sie hier als Beispiel angeführt haben ist Massengut, kein Schwergut.
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