Korruptionsverdacht beim BER Außer Kontrolle

Trotz Korruptionsaffäre stützt Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit weiter BER-Chef Hartmut Mehdorn. Die Ehrenerklärung für den Topmanager kommt verfrüht. Denn erst Mehdorn hat die unkontrollierten Strukturen zugelassen.
Chefaufseher Wowereit, Manager Mehdorn: Massive Probleme im Aufsichtsrat

Chefaufseher Wowereit, Manager Mehdorn: Massive Probleme im Aufsichtsrat

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Berlin - Klaus Wowereits Statement kommt einem Blankoscheck gleich. Noch bevor Ausmaß und Folgen der Korruptionsaffäre am Berliner Hauptstadtflughafen klar sind, steht für Berlins Regierenden Bürgermeister fest: Hartmut Mehdorn trifft keine Schuld. Gegen Korruption könne man sich nie hundertprozentig schützen, erklärte der SPD-Politiker achselzuckend am Sonntagabend im RBB.

Die Ehrenerklärung für Mehdorn kommt vorschnell. Dessen Anteil an dem Desaster ist womöglich größer als Wowereit glauben zu machen versucht. Denn Mehrdorn war es, der trotz vielfacher Mahnungen Technikchef Jochen Großmann die alleinige Aufsicht über die Entrauchungsanlage des Flughafens überlassen hatte. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Neuruppin wegen Bestechung, Bestechlichkeit und anderer Delikte gegen den Ingenieur. Großmanns Büro weist die Vorwürfe zurück.

Der Unternehmer - von Haus aus Spezialist für die Reinigung von Abwässern, Windkraftanlagen und Biokraftwerken - hatte lange Zeit alle Fäden in der Hand, wenn es um gut dotierte Planungsaufträge für den Hauptstadtflughafen ging. Er führte Verhandlungen mit Ingenieurbüros und Baufirmen; er entschied, wer den Zuschlag für was bekam und wer leer ausging.

Den ersten Geschäftskontakt mit dem Flughafen hatte ihm im Juni 2013 ausgerechnet der damalige Technikchef Horst Amann ermöglicht, auf eine Empfehlung vom TÜV-Rheinland hin, sagen Insider. Großmann startete als Berater. In den kommenden Monaten konnte er, der sich gut mit Mehdorn verstand, seinen Verantwortungsbereich kontinuierlich erweitern - bis er schließlich als Nachfolger Amanns in den Dienst der Flughafengesellschaft trat.

Großmann baut seinen Einflussbereich kontinuierlich aus

Mehdorn ließ den Mann gewähren. Und er ließ zu, dass Großmann alle, die ihm Paroli bieten konnten, wegbiss. Der damalige Chefplaner Alfredo di Mauro fiel dem Machtpoker ebenso zum Opfer, wie Harald Siegle, der in der Flughafengesellschaft für die Immobilien verantwortlich war. Am Ende konnte Großmann laut Insidern praktisch schalten und walten wie er wollte. Nun stehen die Korruptionsvorwürfe gegen ihn im Raum.

Bestätigt ist nichts, doch schon jetzt ist klar: Großmann wurde, wenn überhaupt, nur mangelhaft kontrolliert. Das damit verbundene Risiko hätte Mehdorn kennen müssen. Schließlich war er jahrelang als Vorstandschef der Deutschen Bahn für ein Unternehmen verantwortlich, das angesichts unzähliger Bauprojekte als besonders anfällig für Korruptionsdelikte gilt. Bei der Bahn ist eine ganze Abteilung damit beschäftigt, dem unseligen Treiben Einhalt zu gebieten. Ein Kampf, den man, wie Fachleute sagen, täglich neu führen muss.

Bei der Flughafengesellschaft dagegen klafften in der Korruptionsvorsorge große Lücken. Dabei gab es schon länger Indizien für möglicherweise problematische Geschäfte: Zum Beispiel im Quartalsbericht, den die "Arbeitsgruppe Transparenz" dem Vorstand Ende 2013 vorlegte. Darin sind Aufträge im Wert von insgesamt 2,7 Millionen Euro aufgelistet, die eigentlich europaweit hätten ausgeschrieben werden müssen, was aber nicht geschah. Viele Vorgänge waren schlecht dokumentiert. In anderen Firmen schrillen bei solchen Sachlagen die Alarmglocken. Beim Hauptstadtflughafen passierte wenig.

Externe Sachverständige sollen kontrollieren

Erst eine Anzeige von außen löste Ermittlungen innerhalb der Flughafengesellschaft aus. Ende März meldete sich bei der Staatsanwaltschaft in Cottbus ein anonymer Tippgeber und beschuldigte Großmann, Aufträge für Leistungen vergeben zu haben, die längst erbracht waren - was "einen Zeitverzug für die bauliche Fertigstellung der Entrauchungsanlage für den Flughafen BER von derzeit acht Monaten" verursacht haben soll. Die Anzeige liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Es soll unter anderem um einen Teilauftrag zur Umplanung der Anlage gehen, der im März an ein Cottbuser Planungsbüro ging. "Der Verdacht liegt nahe, dass die Ausschreibung nur dem Zweck dienen sollte, ein neues Ingenieurbüro in das Projekt zu bringen", heißt es in der Anzeige. Das betreffende Planungsbüro war zuvor nicht am BER engagiert, unterhielt aber langjährige Geschäftsbeziehungen zu Großmanns Unternehmensgruppe Gicon.

Der Vertrag mit dieser Firma gehört zu den Aufträgen, die eine neu einberufene Taskforce für Korruption nun prüfen soll. Inzwischen schließt auch Mehdorn sogar weitere Unregelmäßigkeiten nicht mehr aus. "Wenn da noch was ist, werden wir das finden", sagte er nach einer Sondersitzung des Aufsichtsrats.

Allerdings trauen Teile des Aufsichtsrats dem Management offenbar nicht mehr zu, das Projekt Hauptstadtflughafen noch hinreichend im Griff behalten zu können. Während der Sitzung warb Dobrindts Staatssekretär Rainer Bomba bei seinen Kollegen dafür, externe Sachverständige zu engagieren, die die Bücher der Flughafengesellschaft kontrollieren und anschließend direkt und ausschließlich dem Aufsichtsrat berichten. Bombas Kollegen, so hieß es aus dem Verkehrsministerium, wollen den Vorschlag jetzt prüfen. Die Flughafengesellschaft hat eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE bislang nicht beantwortet.

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