Teilzeitarbeit stärken Bertelsmann Stiftung rät zu Reform der Minijobs

Die Union will die Verdienstgrenze bei Minijobs um 100 Euro erhöhen. Experten der Bertelsmann-Stiftung fordern stattdessen eine grundlegende Reform – mit Sozialversicherungsabgaben ab dem ersten verdienten Euro.
Viele Aushilfsjobs fielen in der Coronakrise weg – und 65 Prozent der Minijobber sind Frauen

Viele Aushilfsjobs fielen in der Coronakrise weg – und 65 Prozent der Minijobber sind Frauen

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Ralph Peters/ imago images

Fast 900.000 Minijobber haben in der Coronakrise ihren Arbeitsplatz verloren. Statt diese Form der geringfügigen Beschäftigung, bei der bis 450 Euro keine Abgaben und Steuern fällig werden, nach der Pandemie wieder wachsen zu lassen, fordert die Bertelsmann Stiftung eine Reform zur Abschaffung der Minijobs.

In einem Papier namens »Raus aus der Minijobfalle«  plädieren die Experten stattdessen für eine Stärkung der Teilzeitarbeit – und einer Neuordnung der Sozialversicherungsbeiträge für untere Einkommensgruppen. Sozialversicherungsabgaben sollen ab dem ersten verdienten Euro fällig werden, um sie besser zu schützen.

Tatsächlich ist die Gefahr, arbeitslos zu werden, für Minijobber rund zwölfmal höher als für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Anspruch auf Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld haben sie nicht – und im Alter haben sie oft keinen vergleichbaren Anspruch auf Zahlungen aus der Rentenkasse.

Minijobs sind zwar nicht nur bei unteren Einkommen populär, sondern auch etwa als steuersparendes Zuverdienstmodell unter Besserverdienern. Für einen Großteil der Minijobber ist diese Tätigkeit aber ein dringend benötigtes Standbein, um – etwa neben einem Teilzeit-Hauptjob – das Haushaltseinkommen aufzubessern. 60 Prozent der insgesamt noch knapp sieben Millionen Minijobber leben in Haushalten mit einem verfügbaren Monatseinkommen von weniger als 2000 Euro.

Arbeit muss sich wieder lohnen

Um die genannten Nachteile für sie zu vermeiden, sollten dem Reformvorschlag der Ökonomen Tom Krebs und Martin Scheffel zufolge die Sozialversicherungsabgaben linear von 0 bei keinem Verdienst auf 20,2 Prozent bei einem Bruttoeinkommen von 1800 Euro steigen. Das ist die obere Niedriglohngrenze für eine vollzeitbeschäftigte Erwerbsperson.

Für Bezieherinnen und Bezieher niedriger Einkommen, für die sich die Arbeit über einen Minijob hinaus bislang häufig nicht auszahlt, könnte sich Teilzeitarbeit so wieder lohnen. Bislang steigt die Belastung ab monatlich 451 Euro auf rund zehn Prozent an. Bei dem neuen Modell würden sich die Abgaben beim Übergang auf 451 Euro von jetzt 45 auf 22,55 Euro halbieren. Bei 1000 Euro Verdienst würden statt 187 nur noch 122,22 Euro Sozialabgaben fällig.

Wer mehr arbeiten will, werde derzeit bestraft, kritisiert die Stiftung. »Die heutigen Minijobs müssen so reformiert werden, dass sich mehr Arbeit auch für alle lohnt«, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Den Staat würde die Reform zunächst Geld kosten, der Effekt würde sich schon bald umkehren – 2041 überstiegen die Mehreinnahmen für die öffentliche Hand die fiskalischen Kosten der Reform.

Minijobfalle trifft überproportional Frauen

Dass es überhaupt zu der Reform kommt, darf allerdings bezweifelt werden. CDU und CSU haben in ihrem neuen Wahlprogramm etwa vielmehr die Ausweitung des Minijob-Systems gefordert. Die bisherige Verdienstgrenze von 450 Euro wollen sie auf 550 Euro anheben. Die CSU hatte dem Vernehmen nach gar eine Grenze von 600 Euro gefordert.

Besonders von der Minijob-Falle betroffen sind laut Bertelsmann Stiftung übrigens Frauen, die 65 Prozent aller geringfügigen Tätigkeiten wahrnehmen. Dies wird durch das Ehegattensplitting, durch das es sich finanziell etwa lohnen kann, dass ein Ehepartner wenig oder gar kein Geld verdient, zusätzlich steuerlich gefördert.

Durch die Reform soll sich die Lage insbesondere für Geringqualifizierte, Alleinerziehende und Mütter verbessern, die Entlastung der Bruttoeinkommen könnte zugleich zur Reduktion von Ungleichheit beitragen. Der Minijob wäre am Ende nur noch für die, die Geld hinzuverdienen wollen, beispielsweise für Studierende, Schüler oder Rentner.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Minijobber hätten im Alter keinen Anspruch auf Zahlungen aus der Rentenkasse. Dies ist nicht korrekt. Sie können sich von der Rentenversicherungspflicht jedoch befreien lassen und haben somit im Alter oft keinen vergleichbaren Rentenanspruch wie sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Wir haben die Formulierung entsprechend geändert.

apr/dpa
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