Nach Compliance-Vorwürfen »Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt bittet um vorübergehende Freistellung

Der Chefredakteur der »Bild«-Zeitung muss sich wegen möglichen Fehlverhaltens gegenüber Frauen einer verlagsinternen Ermittlung stellen. Nun lässt er bis zur Klärung der Vorwürfe seinen Job ruhen.
»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt weist die Vorwürfe zurück

»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt weist die Vorwürfe zurück

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Julian Reichelt, Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, hat bis zum Ende der gegen ihn laufenden Compliance-Untersuchung darum gebeten, von seinen Funktionen freigestellt zu werden. Das teilte der Axel-Springer-Verlag mit. Die Freistellung sei inzwischen erfolgt. Die Führung der Redaktion übernimmt für diesen Zeitraum Alexandra Würzbach, Chefredakteurin der »Bild am Sonntag« und Mitglied der Chefredaktion der »Bild«-Gruppe.

Die Axel Springer SE untersucht derzeit Hinweise auf mögliche Compliance-Verstöße innerhalb der »Bild«-Redaktion. Unter anderem geht es bei den internen Ermittlungen um Machtmissbrauch, Mobbing und die Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen. Der Medienkonzern hat die Angelegenheit zu einer sorgfältigen Prüfung der Kanzlei Freshfields übergeben.

»Hierbei wird ergebnisoffen in alle Richtungen recherchiert und die Glaubwürdigkeit und Integrität aller Beteiligten bewertet«, teilte das Unternehmen mit. Die Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen. »Daher wird das Unternehmen derzeit keine weiteren Angaben zum Verfahren und zum Gegenstand der Vorwürfe machen.«

Bis dahin warnt der Konzern vor möglichen Vorverurteilungen: »Axel Springer hat immer und sehr grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen. Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen – wie im aktuellen Fall – sofort mit der Aufklärungsarbeit. Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handelt der Vorstand. Diese Beweise gibt es bisher nicht. Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen, ist in der Unternehmenskultur von Axel Springer undenkbar.«

Reichelt bestreitet die Vorwürfe

Julian Reichelt hat die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen bereits mehrfach bestritten. In einer internen Slack-Nachricht an seine Redaktion, die dem SPIEGEL vorliegt, schreibt der Chefredakteur: »Die Vorwürfe sind falsch. Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen ›Bild‹ und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt. Die über mich schreiben, ohne mich vorher anzuhören, weil meine Antworten ihnen noch nie gepasst haben.«

»Bild« und die Menschen bei »Bild« seien sein Leben, so Reichelt. Er habe immer alles dafür getan, »dass es »Bild«, dass es uns gut geht, und das tue ich auch heute, auch wenn es mir unendlich schwerfällt. Deswegen habe ich den Vorstand gebeten, mich vorerst zu beurlauben, um dazu beizutragen, unangreifbare Aufklärung zu betreiben und die Vorwürfe zu prüfen, die gegen mich erhoben wurden«.