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Interne Ermittlungen gegen »Bild«-Chefredakteur Reichelt »Vögeln, fördern, feuern«

Julian Reichelt muss sich wegen möglicher Verfehlungen gegenüber Frauen verantworten. Der Ausgang hängt auch davon ab, ob die mutmaßlich Betroffenen ihr Schweigen brechen.
aus DER SPIEGEL 11/2021
Reichelt mit Gästen bei »Bild«-Dinner 2019: Die Vorwürfe kursierten längst außerhalb des Verlages

Reichelt mit Gästen bei »Bild«-Dinner 2019: Die Vorwürfe kursierten längst außerhalb des Verlages

Foto: Kay Kirchwitz / Star Press

Wie interessiert Julian Reichelt an jungen Kolleginnen sein soll, wussten in seiner Redaktion einige; er selbst schien auch kaum einen Hehl daraus zu machen. Die angeblichen Affären des »Bild«-Chefs wurden gehandelt wie ein offenes Geheimnis, manche lästerten bloß, es sei schwer, noch den Überblick zu behalten.

Dass einige der Frauen, mit denen er zeitweilig sein Privatleben geteilt haben soll, beruflich von ihm abhängig waren, störte Reichelt offenbar nicht. Dabei ist das die entscheidende Grenze. Das Privatleben auch eines »Bild«-Chefs geht die Öffentlichkeit nichts an – solange er es nicht unzulässig mit Beruflichem vermischt. War das bei Reichelt der Fall? Und: Lässt sich die Sache überhaupt aufklären?

Vor etwa drei Wochen wandte sich eine »Bild«-Führungskraft an den Vorstand des Axel-Springer-Verlags und beklagte, wie der Boss Bett und Beruf verquicke. Der Verlag schaltete die Compliance-Abteilung ein, die wiederum die Wirtschaftskanzlei Freshfields mit der Aufklärung betraute. Freshfields fragte ein halbes Dutzend »Bild«-Mitarbeiterinnen und Ehemalige an, um Vorfälle aus den vergangenen Jahren zu untersuchen. Dabei geht es etwa um möglichen Machtmissbrauch und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen. In einzelnen Fällen soll sich Reichelt Vorwürfen von Mobbing stellen müssen.

Die Furcht vor Rache ist groß

Die Wahrheitsfindung der Kanzlei gestaltet sich schwierig. Das Gros der Frauen, so heißt es, wolle sich gegenüber der Kanzlei nur anonym äußern, zu groß sei ihre Angst vor Konsequenzen. Reichelt, so scheint es, hat in der Redaktion eine Kultur der Angst geschaffen, die es nun schwer macht, die Fälle aufzuklären. Die Furcht vor seiner Rache ist offenkundig groß.

Zu den Erfahrungen vieler Mitarbeiter gehört es, dass es bei Springer niemanden gibt, der den »Bild«-Chef ernsthaft in die Schranken weist. Und sei es für seinen zum Teil rüden Umgang. Er genießt Rücken­deckung, vor allem von Konzernchef Mathias Döpfner. Reichelts publizistischer Krawall und seine Angstfreiheit scheinen dem Feingeist zu imponieren. Als »Bild« im vorigen Jahr wegen der Berichterstattung über den Virologen Christian Drosten am Pranger stand, sprang Döpfner Reichelt in einem gemeinsamen Podcast bei.

Kritik an Reichelt wischte Springer stets beiseite: Teil der Jobbeschreibung eines »Bild«-Chefs sei es nun mal, zu den meistgehassten Männern des Landes zu gehören. Boulevardjournalismus sei eben rau und direkt. Die aktuellen Vorwürfe, sollten sie sich erhärten, ließen sich mit solchen Floskeln nicht mehr entschuldigen; das weiß auch die Führungsriege bei Springer. Andererseits: Was geschieht, wenn die Untersuchung weder klare Beweise noch eine wirkliche Entlastung zutage fördert?

»Wir müssen in solchen Situationen immer und sehr grundsätzlich unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen«, sagt ein Springer-Sprecher. »Wenn aus Gerüchten über andere konkrete Hinweise von Betroffenen werden, beginnen wir – wie im aktuellen Fall – sofort mit der Aufklärungsarbeit. Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handelt der Vorstand. Auf Basis von Gerüchten Vorver­urteilungen vorzunehmen, ist in unserer Unternehmenskultur undenkbar.«

Zu viel Hörensagen, zu wenig Belastbares

Bereits in den vergangenen Jahren hatten sich mehrere leitende »Bild«-Mitarbeiter an die Vorstandsmitglieder Jan Bayer und Stephanie Caspar gewandt, vor allem wegen Reichelts zum Teil demütigenden und erratischen Führungsstils. Auch sein Verhalten gegenüber Frauen soll dabei angeklungen sein. Beschwerden seien zudem über Betriebsrat und Personalabteilung an den Vorstand gelangt. Bei Döpfner sollen ebenfalls »Bild«-Leute vorstellig geworden sein. Aus Verlagskreisen heißt es, die Hinweise seien oft nicht explizit genug gewesen, zu viel Hörensagen, zu wenig Belastbares, zu viel Anonymes.

2018 kam es schließlich zu einem Compliance-Verfahren. Reichelt wurde vorgeworfen, eine PR-Agentur mit Aufträgen und freundlichen Artikeln bedacht zu haben, weil er mit der Mitbetreiberin eine Liaison hatte. Das »Handelsblatt« wollte darüber berichten, Arbeitstitel: »Wo die Liebe hinfällt«. Der Text erschien nie, weil Reichelt auf seine Privatsphäre pochte, wie es heißt. Und weil Springer die Causa inzwischen als unproblematisch eingestuft hatte.

Ein weiteres Compliance-Verfahren betraf Reichelts vermeintlichen Kokainkonsum. Der war auch Thema im Vorstand, ein Mitglied des Gremiums konfrontierte Reichelt mit dem Vorwurf. Der stritt ab, nachzuweisen war ihm nichts. Wie freizügig das Thema hingegen in der Redaktion behandelt wird, zeigte sich im Juni 2019.

Damals war der Chefredakteur Gast im Podcast zweier »Bild«-Polizeireporter und sollte Fragen nach seiner möglichen kriminellen Vergangenheit beantworten. Reichelt druckste herum, erzählte von Playmobil-Figuren, die er als Kind geklaut habe. Die Interviewer hakten nach: »Hättest du nicht ein bisschen Schiss, dass wir als Polizeireporter auf deine Dealer treffen, oder so?« Nee, sagte Reichelt. Viele Leute könnten sich seine politischen Ansichten nur durch Drogen erklären, aber »das geht auch ohne«.

Über Instagram zum Abendessen

Im aktuellen Verfahren geht es weniger um Reichelts angebliche Rauschmittel, sondern vielmehr um mögliches Fehlverhalten gegenüber Frauen. In einer Mail an die Mitarbeiter bestätigten Döpfner und Bayer die Ermittlungen, die der SPIEGEL öffentlich gemacht hatte. Reichelt bestreitet die Vorwürfe, es habe keine beruflichen Entscheidungen von ihm gegeben, die von privaten Beziehungen geprägt oder sonst beeinflusst gewesen seien, sämtliche Personalentscheidungen seien aufgrund sachlicher Gründe und seiner persönlichen Einschätzung der fachlichen Qualifikation der jeweiligen Personen entsprechend getroffen worden. Darüber hinaus könne man »zum laufenden Verfahren keine Auskunft geben«, heißt es bei Springer.

Das System Reichelt soll so funktioniert haben: Volontärinnen und Praktikantinnen soll der Chefredakteur schon mal über Instagram zum Abendessen eingeladen haben. Junge Mitarbeiterinnen wurden mitunter rasch befördert. Ähnlich rasant gestaltete sich bisweilen ihr Absturz. »Vögeln, fördern, feuern«, heißt das intern derb, mit Sprache sind »Bild«-Leute auch bei der Beschreibung des eigenen Ladens nicht zimperlich.

Einige in der Redaktion, zumal die Frauen, hätten sich vor allem von der damals für »Bild« zuständigen Vorständin Caspar gewünscht, dass sie dem Chefredakteur Grenzen setzt. Stattdessen stand Caspar bald im Ruf, Reichelt verbunden zu sein und es an kritischer Distanz fehlen zu lassen. Bei den Frauen, die sich von ihm ausgenutzt oder schlecht behandelt fühlten, blieb unterm Strich der Eindruck zurück: Sonderlich groß kann das Interesse nicht sein, genauer hinzuschauen; Reichelt darf machen, was er will. Wer sich offen gegen ihn stellt, hat wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren. So manche verließen daher lieber das Haus, nicht selten versehen mit Geld und einer Verschwiegenheitserklärung.

»Man liegt vor Stalingrad, hat einen halben Arm und drei Zehen abgefroren und glaubt trotzdem noch, man könne den Krieg gewinnen«

Eine Ex-»Bild«-Mitarbeiterin

Der Druck auf eine Untersuchung der Vorwürfe wuchs zuletzt, weil die Hinweise längst außerhalb des Verlags kursierten. Der Erste, der sie öffentlich machte, mehr raunend als aufklärend, war vor einer Woche der Komiker Jan Böhmermann.

Freshfields müht sich derweil, den Hinweisen nachzugehen. Bis zu drei Anwältinnen und Anwälte befragen Mitarbeitende und Ehemalige und versuchen, an Whats­App- und Instagram-Nachrichten zu ge­langen. Einzelne Frauen haben sich inzwischen Anwälte genommen. Sie sollen ihre Mandantinnen zum Teil davor warnen, die Compliance-Profis mit Infos zu versorgen, solange Reichelt nicht mindestens beurlaubt oder freigestellt ist.

Reichelt sei unberechenbar, heißt es, »Bild« sein Lebensinhalt, um den er mit allen Mitteln kämpfen werde, bis zuletzt. »Man liegt vor Stalingrad, hat einen halben Arm und drei Zehen abgefroren und glaubt trotzdem noch, man könne den Krieg gewinnen«, beschreibt eine frühere Angestellte das Denken des Chefs.

Eine Redaktion wie ein mittelalterlicher Königshof

Etliche »Bild«-Leute gehen mittlerweile davon aus, dass das Verfahren gegen Reichelt mangels ausreichender Belege ohne Konsequenzen bleibt. Dabei, sagt eine Leitungskraft, sei auch ohne Nachweise für ein Fehlverhalten gegenüber Frauen klar, dass Reichelts Stil mit dem Verhaltens­kodex des Verlags nicht vereinbar sei.

Was Angestellte über Reichelt erzählen, erinnert an einen mittelalterlichen Königshof: Wer in der Gunst des Herrschers gerade oben stehe, werde gelobt und bisweilen katapultartig befördert, Konkubinen inklusive. Sinke jemand in seinem An­sehen, werde er oder sie aus dem inneren Kreis verbannt, geschnitten, traktiert oder bloßgestellt. Wer in der Konferenz der Führungskräfte nicht nach Reichelts Geschmack performe, wer Fragen nicht zu seiner Zufriedenheit beantworte oder einem Kreuzverhör nicht standhalte, den wolle er dort nicht mehr am Tisch sehen.

Wie es mit Reichelt weitergeht, wird davon abhängen, welche Erkenntnisse der Freshfields-Bericht zutage fördert, der in der nächsten Woche erwartet wird. Der amerikanische Finanzinvestor KKR, inzwischen Großaktionär, dürfte ein kritisches Auge darauf werfen. Bei Springer ver­sichert man, der Verlag werde sich auch dann kritisch mit Reichelts Führungsstil auseinandersetzen, wenn sich in dem Bericht keine Belege für die aktuellen Vorwürfe fänden, aber abzeichnen sollte, dass der »Bild«-Chef eine Kultur präge, die vom Verlag nicht erwünscht sei.

Reichelt und seine Unterstützer haben sich offenbar darauf verständigt, die internen Ermittlungen als Komplott oder Rache­akt abzutun.

Wie es um die Kultur in der Redaktion bestellt ist, zeigt sich in der laufenden Untersuchung: Reichelts Getreue sollen Kolleginnen und Kollegen ermuntert haben, die Einträge des Chefs im redaktionsinternen Slack-Chat zu liken, um Unterstützung zu signalisieren. Auf mindestens eine der betroffenen Frauen sollte zudem wohl Druck ausgeübt werden. Ein Kollege Reichelts aus der »Bild«-Führung soll diese Woche versucht haben, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Er habe eine klare Botschaft gehabt, heißt es: Sie solle besser nicht aussagen. Ein Hinweis dazu ist auch beim Springer-Vorstand gelandet, der dem nachgehen will.

Reichelt und seine Unterstützer haben sich offenbar darauf verständigt, die internen Ermittlungen als Komplott oder Rache­akt abzutun. Mal sollen von ihm gestürzte Männer dahinterstehen, dann wieder ältere, bereits ausgeschiedene Frauen.

Und dann wäre da noch die Legende, mit den Anschuldigungen solle der vermeintlich letzte aufrechte Kritiker der Kanzlerin mundtot gemacht werden. Prominente Rechte wie Hans-Georg Maaßen oder Erika Steinbach haben diesen Spin auf Twitter bereits aufgegriffen.

Anmerkung der Redaktion:

Julian Reichelt hat in einem Rechtsstreit mit dem SPIEGEL-Verlag eidesstattlich versichert, von der Kommunikationsabteilung des Axel-Springer-Verlages nicht über unsere Fragen informiert worden zu sein. In der Folge war am 19. Mai eine etwas längere Stellungnahme zu ergänzen. Das Angebot vom 19. März 2021, eine solche Ergänzung nachzutragen, hatte Julian Reichelt nicht angenommen.

In einer früheren Version des Textes hieß es, es sei im vergangenen Jahr zu einer Compliance-Untersuchung bezüglich einer persönlichen Beziehung Reichelts zur Mitbetreiberin einer PR-Agentur gekommen. Tatsächlich fand dieses Verfahren bereits 2018 statt. Wir haben die Stelle korrigiert.

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