Discounter Warum es bei Lidl jetzt Edel-Bio gibt

Bis vor Kurzem war es undenkbar, jetzt kommen Produkte mit Bioland-Label in die Regale von Lidl. Der Chef des Öko-Unternehmens erklärt, weshalb der Discounter für ihn nicht mehr als Feindbild taugt.
Bioland - Dinkelfeld

Bioland - Dinkelfeld

Foto: Sven Hoppe/ picture alliance / dpa

Es war eine kleine Sensation, mindestens aber eine Überraschung: Vergangene Woche kündigte Bioland eine Partnerschaft mit Lidl an. Der Discounter will nach und nach das gesamte Bio-Sortiment auf Bioland-Qualität umstellen. Er wäre damit der erste Billigheimer mit einem Bio-Label, das über die EU-Anbaukriterien hinausgeht.

Wie glaubhaft der Wandel ist und welchen Zweck Bioland - mit etwa 7300 Erzeugern der führende Verband für ökologischen Landbau - mit der Kooperation verfolgt, haben wir den Präsidenten des Labels gefragt.

SPIEGEL: Herr Plagge, sind Sie zum Feind übergelaufen?

Jan Plagge: Nein, überhaupt nicht!

SPIEGEL: Überzeugte Biobauern machten bisher einen großen Bogen um Discounter.

Plagge: Die Zeiten ändern sich. Aber mir ist klar, dass manche ein Problem damit haben.

SPIEGEL: Sind Ihnen die miserablen Arbeitsbedingungen der Discounter egal, so lange Sie mehr Bioware verkaufen?

Zur Person
Foto: Bioland/ picture alliance / dpa

Jan Plagge, Jahrgang 1971, ist seit 2011 Präsident von Bioland, dem größten ökologischen Anbauverband in Deutschland, und gleichzeitig Vorstandsmitglied im Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW) - einem Dachverband von Biobauern, Verarbeitern und Händlern. Als hauptamtlicher Präsident ist Plagge kein aktiver Landwirt - seinen Hof in Niedersachsen hat der Agraringenieur an zwei Bioland-Bauern verpachtet.

Plagge: Nein, ich sehe durchaus, dass das Discountersystem Schwachstellen hat. Die sozialen und ethischen Probleme aus der Vergangenheit sind mir bekannt. Wir haben Lidl aber als Unternehmen erlebt, das sich glaubhaft wandeln und nachhaltiger agieren will.

SPIEGEL: Eineinhalb Jahre habe man sich über die Kooperation unterhalten, sagte Lidl-Einkaufschef Jan Bock. Warum dauerte das so lange?

Plagge: Weil wir denen lange nicht geglaubt haben. Ich war der Meinung, die können nicht nach unseren Prinzipien einkaufen, weil sie immer nur nach der billigsten Ware greifen und die Lieferanten gegeneinander ausspielen. Wir haben deren Wunsch nach Zusammenarbeit deshalb für eine Art Greenwashing-Kampagne gehalten. Dann haben wir aber gemerkt, dass bei denen ein langfristiges Veränderungsprojekt läuft, für das sie auf ökologische und heimische Produzenten setzen.

Bioland-Gemüsehof

Bioland-Gemüsehof

Foto: Daniel Naupold/ picture alliance / dpa

SPIEGEL: Und das glauben Sie ihnen?

Plagge: Bei Lidl hat sich das Einkaufsverhalten in den letzten Jahren verändert. Sie ersetzen die Ausschreibungen mehr und mehr durch langfristige Lieferbeziehungen. Auch das haben wir geprüft, haben Belege gefordert, Produzenten danach gefragt, die es uns bestätigt haben.

SPIEGEL: Die Kooperation wird als "Win-Win-Projekt" gefeiert. Tatsächlich läuft Lidls Bioverkauf deutlich schlechter als jener der Konkurrenz. Gleichzeitig sitzen Sie auf jeder Menge Ware, die Sie nicht unter dem Bioland-Label loswerden und als normales Bio quasi verramschen müssen. Ist das hier nicht eher eine Notgemeinschaft?

Plagge: Wir hätten auch ohne die Partnerschaft mit Lidl weiterarbeiten können. Die sind ja auf uns zugekommen, um ihr Bio weiterzuentwickeln. Wir waren nicht in Not.

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SPIEGEL: Sie haben überschüssige Milch aus Bioland-Molkereien an Discounter wie Lidl verkauft, die damit ihre billigen Bio-Eigenmarken bestückt haben - obwohl Bioland drin war!

Plagge: Stimmt.

SPIEGEL: Es war also kein Problem für Sie, dass Kunden beim Discounter vorher schon Bioland-Qualität bekamen, es aber nicht erkennen konnten, weil es ja nur als EU-Bio ausgezeichnet war?

Plagge: Das ist ja erstmal Sache des Händlers. Aber klar, dieses Downgrading war Teil der Diskussionen, die wir über Jahre im Verband geführt haben.

SPIEGEL: Wenn Aldi mit dem Biomilchpreis runtergeht, wird der Druck auf Lidl und Bioland steigen.

Plagge: Eben nicht. Bioland-Produkte werden über Qualität und nicht über den Preis vermarktet - das ist ein Paradigmenwechsel. Der bisherigen, ruinösen Logik wird nicht mehr gefolgt. Selbst Einbußen bei der Marge scheint Lidl dafür in Kauf nehmen zu wollen.

Bioland Fleischerei

Bioland Fleischerei

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

SPIEGEL: Was ist, wenn Lidl rückfällig wird und doch an der Preisschraube dreht?

Plagge: Da haben wir vorgesorgt.

SPIEGEL: Inwiefern?

Plagge: Wir haben vertraglich Fairplay-Regeln und eine Ombudsstelle vereinbart. Die kann zum Beispiel von Lieferanten angerufen werden, die sich unter Druck gesetzt fühlen, billiger zu liefern.

SPIEGEL: Wie ist die Stelle besetzt?

Plagge: Da sitzen zwei zum Richteramt befähigte Juristen drin. Wir sind damit den Empfehlungen von Oxfam gefolgt, die sich die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel angesehen haben. Die ist vielfach so extrem, dass solche Ombudsstellen - wie etwa in Großbritannien - aus Angst lange erst gar nicht angerufen wurden. Bei uns kann man es deshalb auch anonym machen. Die beiden Juristen bestimmen übrigens wir - und das hat Lidl akzeptiert.

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