Klinische Studien für 2022 geplant Biontech will Malaria-Impfstoff entwickeln

Gegen Malaria gibt es bisher nur eine beschränkt wirksame Vakzine. Nun will die Mainzer Firma den weltweit ersten mRNA-Impfstoff gegen die Krankheit erzeugen. Es geht um Milliarden.
Biontech-Gründer und Ehepartner: Özlem Türeci (links) und Uğur Şahin

Biontech-Gründer und Ehepartner: Özlem Türeci (links) und Uğur Şahin

Foto: Ramon Haindl / DER SPIEGEL

Der Mainzer Pharmahersteller Biontech startet die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Malaria: mit dem Ziel, die weltweit erste Vakzine gegen diese Krankheit auf Basis der mRNA-Technologie zu produzieren. Dies wollen die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci nach SPIEGEL-Informationen an diesem Montagnachmittag auf einer Veranstaltung der gemeinnützigen kENUP-Stiftung verkünden.

Demnach plant Biontech, mit den klinischen Studien seines neuen Malaria-Impfstoffs bereits im kommenden Jahr zu beginnen. Das Präparat könnte dann womöglich 2023 oder 2024 massenhaft verabreicht werden. Bislang gibt es weltweit nur einen zugelassenen Impfstoff mit beschränkter Wirksamkeit gegen die Plasmodien, die Erreger der Malaria.

Mit einem hochwirksamen Malaria-Impfstoff könnte Biontech zum weltweit dominierenden Anbieter für Arzneimittel auf Basis der messenger- oder Boten-RNA-Technologie werden. Das deutsche Unternehmen hat die erste und meistverabreichte mRNA-Vakzine gegen das neuartige Coronavirus erschaffen. Und es will mit dieser Technologie auch andere Krankheiten bekämpfen.

Gegen Krebs testet Biontech derzeit 14 klinische Produktkandidaten in 15 laufenden Studien, dazu entwickelt das Unternehmen mRNA-Impfstoffe gegen neun verschiedene Infektionskrankheiten. 2022 sollen auch die klinischen Versuche für eine mRNA-Vakzine gegen Tuberkulose starten.

»In 15 Jahren wird ein Drittel aller Arzneimittel auf der mRNA-Technik basieren.«

Biontech-Chef Uğur Şahin

Die mRNA-Technologie (kurz für messenger- oder Boten-RNA) könnte Experten zufolge die globale Pharmaindustrie revolutionieren. Laut einer Prognose der Investmentbank Berenberg Capital Markets soll der Markt für mRNA-Arzneimittel bis 2030 auf 88 Milliarden Dollar anwachsen. Biontech-Chef Şahin sagte Ende Juni dem SPIEGEL: »In 15 Jahren wird ein Drittel aller Arzneimittel auf der mRNA-Technik basieren.«

Hierbei werden im Labor hergestellte Boten-RNA-Moleküle in den menschlichen Körper gespritzt. Dort übermitteln sie Zellen die Information zur Bekämpfung bestimmter Krankheitserreger.

Alle zwei Minuten stirbt ein Kleinkind an Malaria

Auch die Malaria-Vakzine soll nach diesem Prinzip funktionieren. Ähnlich wie bei der Corona-Vakzine will Biontech zunächst verschiedene Impfstoffkandidaten vorklinisch testen; Ende 2022 sollen dann die klinischen Studien für den oder die vielversprechendsten Kandidaten losgehen. Produziert werden soll das Mittel dann zumindest zum Teil in Afrika – dem Kontinent, der mit Abstand am meisten unter Malaria leidet.

Anopheles gambiae (Archivbild): Diese Stechmücken können Malariaerreger übertragen

Anopheles gambiae (Archivbild): Diese Stechmücken können Malariaerreger übertragen

Foto: Smith Collection/Gado / Getty Images

Rund 229 Millionen Menschen pro Jahr infizieren sich laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation mit Malaria, mehr als 400.000 sterben an der Krankheit. Rund zwei Drittel der Todesopfer sind Kinder unter fünf Jahren. Dies bedeutet: Im Schnitt stirbt alle zwei Minuten ein kleines Kind an der Seuche. Und: Mehr als 90 Prozent aller Fälle werden in Afrika registriert.

»Zusammen mit unseren Partnern werden wir alles dafür tun«, so Biontech-Chef Şahin, »einen sicheren und effektiven mRNA-Impfstoff zu entwickeln, der die Krankheit verhindert, die Sterblichkeit verringert und eine nachhaltige Lösung für den afrikanischen Kontinent und andere betroffene Regionen bietet.« Unterstützt wird das Projekt unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Afrikanischen Union.

Bislang ist weltweit nur ein einziger Malaria-Impfstoff zugelassen: Mosquirix (RTS,S). Dieses nicht mRNA-basierte Präparat wird seit 2019 in Pilotprojekten in Ghana, Kenia und Malawi verabreicht.

Seine Wirksamkeit gegen Infektionen liegt mit etwa 36 Prozent deutlich unter der Zielmarke der WHO von 75 Prozent. Zudem müssen vier Spritzen verabreicht werden.

Malaria-Impfung in Kenia (2019)

Malaria-Impfung in Kenia (2019)

Foto: BRIAN ONGORO / AFP

Vielversprechender erscheint die Weiterentwicklung von Mosquirix: die noch nicht zugelassene, nicht mRNA-basierte Vakzine R21/MM der Universität Oxford. In einer Phase-II-Studie an 450 Kleinkindern in Burkina Faso schützte dieser Impfstoff die geimpften Probanden zu 77 Prozent vor der Tropenkrankheit. Das Tübinger Unternehmen Curevac forscht schon seit einigen Jahren an einem mRNA-basierten Malaria-Impfstoff.

Biontech will das Malaria-Projekt zunächst mit eigenen Mitteln finanzieren. Durch den Verkauf seines Sars-CoV2-Impfstoffs »Comirnaty« verfügt das Unternehmen zurzeit über viel Geld zur Erforschung und Erprobung neuer Präparate. Durch den weltweiten Verkauf sowie Auffrischungsimpfungen könnte Biontech noch auf Jahre hinaus Kasse machen.

Da »Comirnaty« die Geimpften gegen die Delta-Mutante nicht mehr ganz so gut schützt wie gegen vorherige Virusvarianten, bereitet das Unternehmen nun einen spezifisch auf Delta angepassten Impfstoff vor.

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