US-Nobelpreisträger zum Bitcoin Was bringt Blasen zum Platzen, Herr Shiller?

Robert Shiller hat den Ausbruch der globalen Finanzkrise 2007 vorhergesehen. Im Gespräch erklärt der US-Ökonom, warum der Bitcoin ein Spekulationshype ist - der vielleicht nie endet.
Bitcoin-Kursausschläge (Archiv)

Bitcoin-Kursausschläge (Archiv)

Foto: Kim Hong-Ji/ REUTERS

Er hat ein besseres Gespür für Spekulationsblasen als viele andere. Auch deshalb wurde Robert Shiller 2013 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Der Yale-Professor war einer der wenigen Ökonomen, die den Kollaps des US-Immobilienmarkts 2007 korrekt vorhersahen. Im Jahr 2000 nahm er den Absturz des US-Aktienmarkts im Jahr darauf vorweg. Und heute? Hat der Bitcoin-Crash begonnen, mit Kursverlusten von bis zu 25 Prozent in der vergangenen Woche - oder doch nicht?

SPIEGEL ONLINE: Herr Shiller, Sie haben gesagt: Der Bitcoin könnte vollständig kollabieren - oder aber auch in hundert Jahren noch existieren. Wovon hängt das ab?

Shiller: Die Wirtschaft wird in erheblichem Ausmaß getrieben durch eine Ansteckung mit Geschichten, die Menschen fesseln. Der Bitcoin ist in dieser Hinsicht nicht einzigartig und es ist nicht ausgemacht, dass diese Blase platzen muss. Es gibt Blasen, die Tausende Jahre existieren können.


Zur Person
Foto: © Michelle McLoughlin / Reuters/ REUTERS

Robert Shiller ist Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2013 und Entwickler eines einflussreichen Immobilienpreis-Index. Der US-Ökonom zweifelt an der puren Rationalität von Anlegern und setzt sich für eine Reform des Finanzsystems ein.

SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?

Shiller: Gold zum Beispiel. Warum ist das wertvoll? Es ist doch nur ein merkwürdig aussehendes Metall. Was macht es großartig? Die Story, die wir damit verbinden! Sie ist fast religiös. Ich habe mal gezählt, wie oft Gold in der Bibel vorkommt. Ich kam auf ungefähr 400 Erwähnungen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Kern des Bitcoin-Hypes?

Shiller: Es ist eine Kombination von unterschiedlichen Faktoren. Das ist wie bei einem Kinohit: Wenn da einiges passt, kann es ansteckend werden. Die Leute fangen an, darüber zu reden. Es geht viral.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert am Bitcoin?

Shiller: Es ist ein schlaues Konstrukt. Es braucht einiges an Aufwand, um zu verstehen, wie Bitcoin funktioniert. Er ist komplex und beeindruckend. Hinzu kommt, dass Bitcoin in eine bestimmte politische Sicht passt: Er kann nicht von Regierungen und Banken kontrolliert werden. Das reizt viele und hebt ihn fast schon auf eine religiöse Ebene. Das Misstrauen in Regierungen wächst ja in Teilen der Welt gerade. Und dann ist da noch dieses Mysterium, das die Entstehung von Bitcoin umgibt. Wir wissen bis heute nicht, wer sich hinter dem Namen des Gründers Satoshi Nakamoto verbirgt. Niemand findet seine Spur. Was für eine verblüffende Geschichte!

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie den Wert eines Bitcoin beschreiben?

Shiller: Wenn man dieser Frage nachgeht, kommt man schnell zu dem Schluss, dass er keinen Wert hat. Er hat nur den Wert, von dem die Leute glauben, dass er ihn besitzt. Womit wir wieder beim Gold wären: Auch da ist der Tauschwert viel höher als der tatsächliche intrinsische. Gold besteht wie der Bitcoin dank einer Story fort. Es ist unmöglich zu sagen, wie lange das geht.

SPIEGEL ONLINE: Vollzieht der Bitcoin nicht geradezu idealtypisch die klassischen Phasen einer Spekulationsblase?

Shiller: Das Wort Blase hat ja noch nicht einmal eine wissenschaftliche Definition. Was wir Blase nennen, ist kein so eindeutiges Phänomen. Tatsächlich hat der Bitcoin diesen Zyklus schon mehrfach durchlaufen. Im Jahr 2013 ereignete sich ein Crash. Bitcoin schien erledigt.


Warum das Platzen einer Blase so schwer vorherzusagen ist.

Ende vergangenen Jahres veröffentlichte die "Financial Times" eine beeindruckende Grafik. Sie zeigt den Kurvenverlauf einer klassischen Spekulationsblase, wie sie die Theorie des New Yorker Forschers Jean-David Rodrigue von der Hofstra University beschreibt: Auf langsame Kursgewinne folgen immer schnellere. Die gewachsene Medienaufmerksamkeit befeuert den Hype - bis zum ersten massiven Absturz. Davon scheinen sich die Kurse zunächst schnell zu erholen, Investoren wiegen sich in Sicherheit. Dann folgt der eigentliche Crash. Die "Financial Times" ("FT") legte die Rodrigue-Kurve über den bisherigen Kursverlauf des Bitcoin. Das Ergebnis ist verblüffend.

Tatsächlich scheint der Kursverlauf des Bitcoin dem einer typischen Spekulationsblase zu ähneln. Allerdings ist das Bild trügerisch. Die "FT" ist nicht die einzige Redaktion, die Parallelen zwischen Rodrigues Modell und dem Bitcoin erkannt zu haben glaubt. "Bitcoin könnte dieser klassischen Blasen-Phasen-Grafik folgen" schrieb etwa das US-Magazin Forbes  - allerdings bereits im Dezember 2013. Der Bitcoin war damals von rund 1200 auf weniger als 600 Dollar gestürzt, prozentual ein ähnlich dramatischer Absturz wie in den vergangenen Wochen. Auch damals schien der Kurs die Blasenkurve fast perfekt nachzuvollziehen. Trotz des damaligen Crashs notiert der Bitcoin heute bei mehr als 10.000 Dollar.

Der Vergleich mit früheren Spekulationsblasen erlaubt bei genauerem Hinsehen wenig Rückschlüsse darauf, ob und wann der Kryptoboom endgültig kippen könnte. Der Bitcoin-Kurs hat sich zwar innerhalb der vergangenen drei Jahr mehr als verfünfzigtfacht. Historisch gesehen ist das aber noch nicht einmal ein besonders drastischer Anstieg: Als Ende der Sechzigerjahre in Australien große Nickellagerstätten entdeckt wurden, kletterte der Wert der Aktien der betroffenen Firmen sogar um das 350-fache, bevor die Blase platzte.


SPIEGEL ONLINE: Was bringt Blasen zum Platzen?

Shiller: Obwohl ich mich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftige, kann ich keine exakte Antwort darauf geben. Es muss etwas mit der Spanne menschlicher Aufmerksamkeit in bestimmten Phasen zu tun haben. 1987 stürzte der US-Aktienmarkt an einem einzigen Tag um 20 Prozent ab. Ich habe damals mehr als 3000 Fragebögen an Investoren und Wertpapierhändler geschickt. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Es gab keinen konkreten Auslöser für den Absturz. Es war mehr so, dass die Ansteckung mit einer neuen Idee einen bestimmten Punkt überschritten hatte: Eine große Wertkorrektur erschien den Händlern damals plausibel, weil sie schrittweise zu der Überzeugung gelangt waren, dass der Markt überbewertet war.

SPIEGEL ONLINE: Wann oder warum genau ein Markt kippt, lässt sich also nicht vorhersagen?

Shiller: Wenn die Leute denken, der Markt ist zu teuer - dann macht ihn das verwundbar. Ein Beispiel: Kurz vor dem Crash 1987 konnte man einen Wandel des Narrativs erkennen. In den beiden Wochen davor veröffentlichten das "Wall Street Journal" und die "New York Times" große Artikel, die einen Absturz für möglich hielten. Eine Grafik verglich sogar die Kursverläufe 1987 mit 1929. Tatsächlich können wir aber auch heute noch immer nicht sagen, was konkret den Schwarzen Freitag 1929 ausgelöst hat, den folgenreichsten Crash der Geschichte .

Fotostrecke

Tulpen, Häuser, Aktien: Die größten Spekulationsblasen

Foto: Matthias Bein/ picture alliance / dpa

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen Medienberichte?

Shiller: Unsere Forschungen zeigen, dass Investoren einen Crash nicht nur dann wahrscheinlicher halten, wenn Unternehmen Verluste einfahren, sondern auch dann, wenn Medien über diese Entwicklung prominent berichten. Die negativen Schlagzeilen im Kopf verstärken den Effekt der negativen Rückkopplung.

SPIEGEL ONLINE: Befeuern Medien nicht auch die Hypes? Die Nachfrage nach Bitcoins und der Kurs scheinen just in dem Moment stark gestiegen zu sein, als die Massenmedien begonnen haben, fast täglich über das Phänomen zu berichten.

Shiller: Ich glaube, der Effekt von Mund-zu-Mund-Propaganda ist wichtiger. Klar, Zeitungen veröffentlichen Artikel. Aber man weiß nie, ob einer der Texte tatsächlich viral wirkt. Auch das zeigt der Börsencrash 1987: Ich wollte von den Investoren wissen, wann und wie sie von dem Absturz erfahren haben. Damals war das Fernsehen eigentlich die wichtigste Informationsquelle, vor allem die Info-Sendungen am Morgen und am Abend. Die meisten erfuhren aber gegen Mittag davon, weil Kollegen es ihnen erzählten, persönlich oder am Telefon. So verbreiten sich die entscheidenden Storys.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird am Ende vom Bitcoin profitieren, wer steht auf der Verliererseite?

Shiller: Leute wie Sie und ich haben eher kein Geld da reingesteckt. Was wir aber sehen ist, dass viele Leute bedauern, nicht investiert zu haben. Das ist es, was Märkte treibt: Bedauern und Neid. Die Leute neigen zu glauben: Wenn etwas heute eine Erfolgsgeschichte ist, hätte man das vorher wissen können. Das ist natürlich ein Irrtum.

SPIEGEL ONLINE: Spekulationswellen ereignen sich immer wieder. Wieso scheint die Menschheit so wenig daraus zu lernen?

Shiller: Vermutlich, weil bei der Entstehung von Blasen so etwas wie das Gefühl der eigenen Überlegenheit eine Rolle spielt. Es ist ein trunken machender Gedanke, wenn man davon überzeugt ist, etwas besser zu wissen als die herrschende Meinung. Das ist eine starke emotionale Basis. Nicht immer ist das ein Irrglaube: Mitunter haben Abweichler in der Geschichte ja durchaus schon Recht gehabt, manchmal erweist sich die herrschende Meinung später als falsch.