Umstrittene Analyse zu Impfnebenwirkungen Krankenkasse entlässt Vorstand

Ein Gesundheitsmanager will in Abrechnungsdaten einen Skandal über Nebenwirkungen von Coronaimpfungen entdeckt haben. Ärztevertreter haben ihn entkräftet – sein Arbeitgeber zieht nun die Konsequenzen.
Coronaschutzimpfung (in Garbsen bei Hannover): Schlussfolgerungen des BKK-Managers »kompletter Unfug«

Coronaschutzimpfung (in Garbsen bei Hannover): Schlussfolgerungen des BKK-Managers »kompletter Unfug«

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

Andreas Schöfbeck verbreitete einen Brief mit einer Auswertung der Arztabrechnungen von knapp elf Millionen Versicherten – und behauptete, es gebe in Deutschland bei den Coronaschutzimpfungen »eine sehr erhebliche Untererfassung von Verdachtsfällen für Impfnebenwirkungen«. Die Kritik an diesen Aussagen war heftig , zahlreiche Fachleute traten dem Gesundheitsmanager entgegen.

Nun hat sein Arbeitgeber, die Krankenkasse BKK Provita, ihn fallen gelassen. Auf seiner Sitzung am Dienstag habe der Verwaltungsrat beschlossen, »sich mit sofortiger Wirkung vom bisherigen Vorstand Andreas Schöfbeck zu trennen«, heißt es in einer Mitteilung  der Versicherung mit Hauptsitz in Bergkirchen nahe München. Nachfolger wurde sein Stellvertreter Walter Redl.

Seit Tagen war die BKK Provita wegen des Briefs von Schöfbeck an den Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, in den Schlagzeilen, das offiziell Verdachtsfälle in Deutschland auflistet. Konkreter wurde die Kasse in der Begründung für die Trennung von Andreas Schöfbeck jetzt dennoch nicht: »Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu den verschiedenen Hintergründen dieser Personalentscheidung aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht weiter äußern«, heißt es.

Unwissen oder Täuschungsabsicht?

Kritik an der BKK-Provita-Analyse gab es unter anderem vom PEI, dem Virchowbund, der niedergelassene Ärztinnen und Ärzte vertritt, und dem Bundesgesundheitsministerium: Die Krankenkasse hatte nicht unterschieden zwischen vorübergehenden Symptomen nach einer Impfung wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle, die unangenehm, aber harmlos sind – und tatsächlich schweren und anhaltenden Gesundheitsproblemen.

Kurz gesagt: In der BKK-Provita-Erhebung wurden auch milde und erwartbare Impfreaktionen erfasst, etwa wenn ein Patient wegen Unwohlsein nach einer Coronaimpfung eine Krankschreibung für einen oder zwei Tage benötigte. Solche Symptome sind aber nach dem Infektionsschutzgesetz nicht meldepflichtig beim PEI.

Schöfbeck hatte in seinem Brief von einem »erheblichen Alarmsignal« gesprochen. Der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dirk Heinrich, warf daraufhin der BKK Provita »peinliches Unwissen oder hinterlistige Täuschungsabsicht« vor. Die Schlussfolgerungen aus der Datenlage seien »kompletter Unfug«.

Bei den 150 Millionen Coronaimpfungen in Deutschland bis Ende 2021 sind dem PEI 244.576 Verdachtsfälle einer Nebenwirkung gemeldet worden. Das heißt aber nicht, dass eine Impfung tatsächlich jeweils die Ursache für die Symptome gewesen sein muss.

apr/dpa