Brexit und Börsenabsturz "Die Briten haben irrational entschieden"

Börsenprofis rechneten fest damit, dass die Briten in der EU bleiben. Dann kam alles anders. Wie konnten die Investoren nur so falsch liegen?
Börse in London

Börse in London

Foto: REUTERS
Der schnelle Überblick

Das ist passiert:• 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

• Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

• Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

• Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

SPIEGEL ONLINE: Noch am Donnerstag hatten die Investoren klar auf einen Verbleib der Briten in der EU gesetzt. Die Aktienkurse stiegen, das Pfund erholte sich. Am Freitagmorgen dann der Einbruch. Wie konnten die Märkte so irren?

Lück: Die Gefahr eines Austrittsvotums wurde tatsächlich unterschätzt. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass Meinungsumfragen in Großbritannien in der Vergangenheit oft falsch gelegen haben. Viele Investoren haben sich deshalb stark an den Wettquoten orientiert - und lagen daneben.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten sich die Optimisten so sicher sein?

Lück: Es ist natürlich auch gegen jede Intuition, für einen Austritt zu stimmen. Es ist so offensichtlich falsch; es ist so offensichtlich, dass sich Großbritannien damit selber immens schadet. Die Finanzmärkte haben einfach nicht erwartet, dass die britische Bevölkerung so irrational entscheiden könnte. Im Land hat eine Stimmung überhandgenommen, die den Briten etwas verspricht, was einfach nicht geht: nämlich die gute alte Zeit zurückzubringen.

Zur Person
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Martin Lück ist Chef-Investmentstratege für Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. Zuvor war er bei der Schweizer Bank UBS.

SPIEGEL ONLINE: Wie heftig werden die Reaktionen an den Finanzmärkten in den kommenden Tagen ausfallen?

Lück: Im Moment werden Risikoanlagen wie Aktien verkauft, das Pfund stürzt ab. Das ist die Reaktion, die für den Fall eines Austrittsvotums erwartet wurde. Für das Pfund dürfte es noch weiter runtergehen, ich rechne mit einer Abwertung von insgesamt 15 bis 20 Prozent im Vergleich zum Dollar.

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Brexit: Schock an den Weltmärkten

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SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für den Rest der Welt?

Lück: Die Kapitalströme werden in der nächsten Zeit vermehrt in den Dollar-Raum umgeleitet. Wir werden deshalb auch mit sogenannten Zweitrundeneffekten rechnen müssen. Das betrifft zum Beispiel die Schwellenländer wie Brasilien oder China. Sie leiden darunter, wenn der Dollar nun deutlich an Wert gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: In Europa sind vor allem Bankaktien nach dem Brexit-Votum drastisch abgestürzt. Droht uns jetzt eine ähnliche Krise wie nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008?

Lück: Nein, das ist jetzt zwar ein Schock für das Finanzsystem, aber nicht vergleichbar mit 2008. Die Notenbanken stehen bereit, die Banken mit Liquidität, also frischem Geld, zu unterstützen. Zudem ist der Sektor heute auch besser aufgestellt als noch zu Lehman-Zeiten - zum Beispiel, weil die Banken nicht mehr so viel Eigenhandel betreiben dürfen. Das ist vor allem ein Verdienst der Regulierung.

Videoanalyse zum Brexit:

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