Boeing 737 Max Der Milliarden-Crash

Boeing steckt in der Krise. Wegen der zwei jüngsten 737-Abstürze rechnet der US-Luftfahrtkonzern jetzt allein für den Produktionsrückgang mit mindestens einer Milliarde Dollar Einbußen. Vorstandschef Muilenburg übt sich dennoch in Optimismus.

Flugzeuge des Typs 737 Max parken in einer Boeing-Fabrik im US-Bundesstaat Washington
Lindsey Wasson / REUTERS

Flugzeuge des Typs 737 Max parken in einer Boeing-Fabrik im US-Bundesstaat Washington

Von


Die zwei kürzlichen Flugzeugabstürze in Indonesien und Äthiopien hatten unsagbare menschliche Folgen. Alle Insassen starben, insgesamt 346 Personen aus 35 Ländern: Uno-Beamte, Richter, Akademiker, ein Archäologe, ein Ex-Radprofi. Karrieren wurden ausradiert, Lebenspläne zerstört, Familien zerrissen.

Der US-Luftfahrtkonzern Boeing berechnet die Kosten der Katastrophen, die beide seinen bisherigen Bestsellerjet Boeing 737 Max treffen, etwas anders - in kalten Dollar.

Wie hoch dieser finanzielle Fallout sein wird, deutete sich am Mittwoch an, als Boeing seine jüngsten Bilanzzahlen vorlegte. Mindestens eine Milliarde Dollar wird der weltgrößte Flugzeughersteller einbüßen, weil die 737 Max bis zur Klärung der Unglücksursachen am Boden bleibt und die Produktion neuer Maschinen gedrosselt werden musste. Allein der Umsatz fürs erste Quartal 2019 fiel bereits um mehr als eine halbe Milliarde Dollar (zwei Prozent) auf knapp 23 Milliarden Dollar.

Boeing, so erwarten Beobachter inzwischen, könnte die globale Marktführung zum Jahresende an seinen Erzrivalen verlieren - das europäische Airbus-Konsortium.

Erst im Juli könnten die Boeing-Jets wieder in Betrieb gehen

Boeing-Chef Dennis Muilenburg bemühte sich am Mittwoch um Demut, versuchte zugleich aber, diese ersten Ergebnisse seit den Unglücken mit Berufsoptimismus zu schönen. "Wir alle sind zutiefst betroffen", sagte er im Gespräch mit Analysten. "Wir bedauern die Auswirkungen sehr." Nichts sei Boeing wichtiger als die Sicherheit der Besatzungen und der Passagiere. Er habe allerdings "höchste Zuversicht", dass das Problem mit der 737 Max gelöst und die Maschine wieder fliegen werde.

Erste Ermittungsergebnisse machen die neue Steuerungssoftware MCAS, die in beiden betroffenen Boeing 737 eingebaut war, für die Abstürze verantwortlich. Sie wird seither geprüft, überarbeitet und soll demnächst neu zertifiziert werden. Nach Berichten aus Konzernkreisen könnte es noch bis Juli dauern, bis die fast 400 betroffenen Boeing-Jets, die weltweit zwangsgeparkt sind, wieder in Betrieb gehen können.

Muilenburg berichtete, dass Testpiloten bereits mehr als 135 Flüge mit der modifizierten Software absolviert hätten. An zweien habe er selbst teilgenommen. "Wir machen stetige Fortschritte." Auch seien fast 90 Prozent aller Kapitäne, die diese Maschinen fliegen, per Flugsimulatoren neu trainiert worden. Boeing habe ein Untersuchungsgremium berufen, um alle internen Prozeduren zu überprüfen.

Trotzdem schlägt sich der Skandal einstweilen aufs Vertrauen nieder - und auf die Bilanzen. Boeing musste seine ursprünglichen Jahresziele für 2019 wegen der Krise komplett streichen und will einen neuen Ausblick erst "zu einem späteren Termin" geben.

Ein komplettes Neudesign ist bei Boeing nicht vorgesehen

Nur das gute Militär- und Servicegeschäft konnte noch höhere Verluste abfedern. Außerdem boomt der Flug- und Passagierverkehr, weshalb Boeing hofft, die Krise bald zu überwinden - obwohl kürzlich auch erneute Zweifel an einem anderen, ebenfalls pannengeplagten Boeing-Erfolgsmodell auftauchten, dem Dreamliner. "Die Grundlagen bleiben unverändert", sagte Muilenburg. "Wir sind weiterhin höchst zuversichtlich, was die Industrieaussichten angeht."

Ein komplettes Neudesign der Boeing-Jets lehnte Muilenburg jedoch ab. "Wir vertrauen dieser Software", sagte er über MCAS. Das kontroverse System, das den Piloten die Kontrolle über das Flugzeug nehmen kann, wurde aus Kosten- und Zeitgründen in das alte, bestehende 737-Design eingebaut, das wiederum auf prinzipielle Entwürfe aus den Sechzigerjahren zurückgeht.

Einige Analysten teilten Muilenburgs Optimismus. "Diese Quartalszahlen zeichnen das Bild eines Unternehmens mit starker Fundamentalnachfrage, für das keine Gefahr einer Liquiditäts- oder Finanzkrise droht", schrieb die Researchfirma CFRA anschließend. Andere dagegen waren skeptisch. "Wie konnte so was durchrutschen?", fragte ein Experte von der Investmentbank Merrill Lynch Muilenburg bei der Konferenzschaltung. "Wie konnte das passieren?"

Muilenburg hatte keine Antwort.



insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ThomasSuzuki 24.04.2019
1. Unethisch
Es ist zutiefst unethisch angesichts der Toten, die Boeing alleine zu verantworten hat, den finanziellen Schaden für das Unternehmen überhaupt nur zu beziffern. 346 Menschenleben geopfert durch Schlamperei und Profitgier. Und er bejammert eine kleine finanzielle Delle. Was für ein widerlicher Typ ....
espressotime 24.04.2019
2.
Tja, die USA hat in der Deutschen Autoindustrie alle Register gezogen um nur der Autoindustrie zu schädigen. Etliche Vorstände sind wie Verbrecher vorgeführt worden. Milliardenstrafen wurden gezahlt. Und was soll man sagen; Sünden werden gleich bestraft! Und ohne das jemand im Dreck gewühlt hat. Mein Motto an Herr Trump: immer vor der eigenen Tür kehren anstatt als Erpresser on Tour zu sein! In diesem Sinne ein dreifaches Hoch auf den Antiamerikanismus!
Referendumm 24.04.2019
3. Ach so, alles klar
Boeing 737 Max: "Wer will noch mit Boeing fliegen? ... Laut einer Umfrage wollen 53 Prozent der Amerikaner keine 737 Max mehr fliegen, auch wenn die FAA sie freigibt." Boeing 787 Dreamliner: "Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich niemals damit fliegen werde. Es ist eine Frage der Sicherheit", zitiert die New York Times einen Boeing-Mitarbeiter. ... "Aufgrund der Mängel habe beispielsweise Großkunde "Qatar Airways" zeitweise keine Flugzeuge aus dem Werk in North Charleston mehr akzeptiert." Aber Hauptsache, die Kasse stimmt noch. P.S.: Und bei Airbus wird die US-Flugsicherung FAA sicherlich auch noch etwas finden und Milliarden US-$ an Strafen verhängen. Bin ich froh, beruflich kein Flugzeug benutzen zu müssen.
rrv.vogt 24.04.2019
4. Alles nur halb so wild!
Der Aktienkurs liegt derzeit nur 15% unter dem Allzeit- Hoch vom 1.4. 2019 ( seitdem gefallen von 440$ auf aktuell noch immerhin stolze 375 $ ) Außerdem gibt es ja noch Donald Trump, der die Airbusse etwas ausbremsen könnte und auch dafür sorgen kann, dass endlich mehr anderes Boeing- Fluggerät bestellt wird.
stepanus34 24.04.2019
5. Es ist wirklich widerlich...
...dass VW mit 15 Mrd. zur Rechenschaft gezogen würde für gar nichts. Es ist lächerlich und widerlich, diese 1 Mrd. Verlust auch nur zu erwähnen. Es ist widerlich, wenn Boing nicht zu zig Mrd. Dollar verurteilt wird für die Hunderte an Toten, durch Schlamperei und Geiz verursacht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.