Absturz der Boeing 737 Max Schwere Vorwürfe gegen Flugaufsicht und Boeing

Hat der US-Flugzeugbauer Boeing aus Profitgier bei der Entwicklung der 737 Max geschlampt - und die Aufsichtsbehörde FAA hinters Licht geführt? Ehemalige Ingenieure des Unternehmens und der Behörde berichten von groben Verstößen.

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Der Reporter Dominic Gates von der "Seattle Times" gilt als einer der intimsten Kenner des US-Flugzeugbauers Boeing. Wichtige Produktionsstätten des Konzerns liegen praktisch vor seiner Bürotür: Knapp 20 Kilometer südlich von Seattle, in der Nähe der kleinen Gemeinde Renton, wird die Boeing 737 Max gebaut. Gates' Kontakte in das Werk und auch zu den Ingenieuren von der Flugaufsichtsbehörde FAA sind eng. Jetzt hat er zu jenem Flugzeugtyp, von dem ein Exemplar vergangene Woche in Äthiopien abgestürzt ist und ein weiteres zuvor in Indonesien, äußerst brisante Aussagen von Verantwortlichen erhalten.

Demnach soll es zu groben Verstößen in der Entwicklung insbesondere jenes Flugkontrollsystems des Kurz- und Mittelstreckenfliegers gekommen sein, die von der FAA und ihren Mitarbeitern nicht erkannt wurden. Grund: Weite Teile der Flugtests und Entwicklungen sind offenbar ohne direkte Aufsicht durch die Behörde erfolgt - und die wurde womöglich von Boeing falsch informiert oder hat die Zertifizierungsunterlagen nicht genau genug geprüft.

Die Vorwürfe haben es in sich: Die Aussagen der Kronzeugen in dem "Seattle Times"-Bericht legen sogar nahe, dass der FAA wichtige Informationen vorenthalten worden sind, offenbar um Zeit bei der Entwicklung und Zulassung des Flugzeugs zu sparen.

Ein zentrales System scheint äußerst störanfällig zu sein

Im Kern geht es um das sogenannte Maneuvering Characteristics Augmentation System, kurz MCAS; ein System, das vermutlich bei beiden Abstürzen eine zentrale Rolle gespielt haben soll. Das haben erste Auswertungen des Flugschreibers der Ethiopian-Airlines-Maschine ergeben, die kürzlich von der äthiopischen Verkehrsministerin öffentlich gemacht worden sind. Das Steuerungssystem an Bord der 737 Max soll eigentlich verhindern, dass das aerodynamisch kompliziert gebaute Flugzeug im Flug einen Strömungsabriss erleidet und abstürzt.

Doch das System scheint äußerst störanfällig zu sein, weil es von Informationen von nur einem Sensor abhängt, der die Lage des Flugzeugs in der Luftströmung misst. Sendet dieser falsche Werte, beginnen die Flugcomputer an Bord der Boeing, das Höhenruder zu verstellen und die Nase des Flugzeugs herunterzudrücken. Wenn die Piloten die Situation nicht schnell genug begreifen, so die Vermutung der Unfalluntersucher, sind sie nicht mehr rechtzeitig in der Lage, das vom Computer falsch gesteuerte Flugzeug hochzuziehen und vor dem Absturz zu bewahren.

"Seattle Times"-Reporter Gates sprach offenbar bereits Tage vor dem Absturz in Äthiopien mit den Ingenieuren von FAA und Boeing. Demnach gaben sie an, dass das Höhenruder viel stärker vom Computer bewegt werden darf, als der FAA offiziell mitgeteilt wurde. Die Sicherheitsanalyse von Boeing, die Grundlage der Zertifizierung durch die FAA im Jahre 2017 wurde, "gab die Wirkung des neuen Flugkontrollsystems als zu gering an", so die Aussage eines Insiders. Und zwar um das Vierfache. Bei einem solch heftigen Ausschlag des Höhenruders sei das Flugzeug praktisch nicht mehr beherrschbar.

Videoanalyse: "Hohe psychologische Hürde" für Piloten

Außerdem sollen die Boeing-Ingenieure die Relevanz des MCAS bei einem Ausfall für die Sicherheit des Flugzeugs statt mit "katastrophal" lediglich mit "gefährlich" angegeben haben. Für die Zuverlässigkeit des Systems ergeben sich dadurch vollkommen andere Anforderungen. Möglicherweise wählten die Boeing-Leute ganz bewusst diese Einstufung, weil sie damit das Flugkontrollsystem technisch weniger aufwendig auslegen mussten: Sie hielten es wohl für ausreichend, für die Messung der Fluglage nur die Werte eines einzigen Sensors heranzuziehen.

Das ist in der Luftfahrt ein grober Verstoß gegen die Sicherheitskultur. Zumal diese Geräte, die unterhalb des Cockpits den sogenannten Anstellwinkel des Flugzeugs messen, sehr störanfällig sind. Im Falle des Lion-Air-Flugzeugs, das Ende Oktober in Indonesien ins Meer stürzte, wich der gemessene Wert nach ersten Analysen der Unfalluntersucher um 20 Prozent ab von dem Wert eines zweiten Sensors an der Außenhaut der Maschine - der allerdings nicht Eingang in die MCAS-Rechner fand.

"Es gab keine komplette und genaue Analyse der Dokumente"

Ein ehemaliger FAA-Ingenieur gab gegenüber der "Seattle Times" an, die Mitarbeiter der Behörde hätten kein genaues Bild von der Sicherheitsarchitektur des neuen Fliegers bekommen, beziehungsweise die von Boeing vorgelegten Zertifizierungsunterlagen seien nicht aufmerksam genug studiert worden. "Es gab keine komplette und genaue Analyse der Dokumente. Die Analyse erfolgte überhastet, damit bestimmte Zertifizierungstermine eingehalten werden konnten", sagte die Person dem "Seattle Times"-Reporter.

Vermutlich hinkten die Boeing-Leute bis zu neun Monate Airbus hinterher, die mit dem A320neo im Begriff waren, ein Konkurrenzmodell auf den Markt zu bringen. Das Boeing-Management soll dabei nach Aussagen des Insiders immer wieder Einfluss genommen haben, um Prüfungsaufgaben von den FAA-Prüfern fernzuhalten. "Es gab kontinuierlichen Druck, damit wir unsere ursprünglichen Entscheidungen abändern", sagte der ehemalige FAA-Ingenieur dem Reporter. "Und sogar als wir sie überarbeitet hatten, gab es ermahnende Diskussionen des Managements, noch mehr Themen an den Boeing-Konzern zu delegieren." Am Ende dürfte die FAA demnach wohl kein vollständiges Bild mehr davon gehabt haben, ob die Sicherheitsanforderungen des 737 Max auch erfüllt worden waren.

Videoanalyse zu Boeing 737 Max 8: "Hohe psychologische Hürde" für Piloten

Die Vorwürfe sind äußerst gravierend. Neben dem schlechten Licht, das auf Boeing fällt, drohen dem Konzern hohe Schadensersatzforderungen durch die Hinterbliebenen. Hinzu kommen möglicherweise Kompensationszahlungen an die Airlines, die ihre 737 Max derzeit nicht einsetzen können, weil das Modell vorübergehend weltweit stillgelegt ist. Denkbar ist auch, dass Fluggesellschaften ihre Bestellungen stornieren, weil sie das Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Boeing verlieren. Der Flugzeugtyp ist bereits fast 380-mal ausgeliefert worden und 5000-mal vorbestellt.

Piloten wussten nichts von dem MCAS-System

Das Misstrauen der Piloten gegenüber Boeing dürfte gewaltig sein, und es könnte bei möglichen Stornierungen eine wichtige Rolle spielen. Denn Boeing hatte zunächst den Piloten in den Handbüchern keinerlei Informationen über das Flugkontrollsystem MCAS gegeben. Damit sollte das Training für die Piloten auf dem neuen Flugzeugmuster möglichst gering ausfallen, was den Airlines aus Sicht von Boeing viele Millionen Euro an Kosten erspart. Erst nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine bekamen die Piloten weltweit mitgeteilt, dass MCAS überhaupt existiert und wie man sich im Falle eines sich falsch verhaltenden Systems richtig verhalten müsse.

Für Boeing steht damit der Verdacht im Raum, aus Profitgier die Sicherheit der eigenen Flugzeuge und das Leben der Passagiere riskiert zu haben. Die Anwälte der Hinterbliebenen dürften alles dran setzen, diesen Nachweis vor Gericht zu führen und entsprechende Schmerzensgeldsummen für die Hinterbliebenen der Opfer zu erstreiten. In den USA gehen diese Zahlungen pro Opfer in bis zu zweistellige Millionensummen.

Was Boeing zu den Vorwürfen sagt

Am vergangenen Freitag wollte die FAA der "Seattle Times" gegenüber die Vorwürfe nicht kommentieren, man habe den Standard-Zertifizierungsprozess eingehalten. Wegen der Unfalluntersuchungen sei man im Übrigen "nicht in der Lage, in detaillierte Anfragen intensiv einzusteigen". Boeing antwortete der US-Zeitung, die FAA habe "die finale Konfiguration von MCAS untersucht und daraus gefolgert, dass es alle Zertifizierungs- und Regulierungserfordernisse" erfülle.

Auf Anfrage des SPIEGEL bekräftigte Boeing, bei der Zulassung sei alles mit rechten Dingen zugegangen: "Die 737 Max wurde in Übereinstimmung mit den identischen Anforderungen und Prozessen der FAA zertifiziert." Die FAA sei überzeugt gewesen, dass das Flugkontrollsystem MCAS allen Zertifizierungsvoraussetzungen entspreche.

Damit schiebt Boeing die Verantwortung in Richtung der Behörde.

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claus7447 18.03.2019
1.
Der Bericht spiegelt den Artikel aus der verlinkten Seatle Times. Wenn dies zutrifft, nehme ich an, dass die 737 Max für lange Zeit nicht fliegen wird.
power.piefke 18.03.2019
2. das wird eng für Boeing.
Schließlich haben wir ja erlebt wie die USA mit Firmen der Verkehrsbranche verfahren, die aus reiner Profitmacherei die Gesundheit der Menschen riskieren. Allein der Glaube an der logischen Konsequenz fehlt mir...
till0357 18.03.2019
3. Unzureichende Ethik-Kultur
Anscheinend wird das MCAS und das Vorgehen von Boeing sowie die miserable Pressearbeit des Konzerns (Ausflüchte und Allgemeinplätze statt Medienkrisenmanagement) zu einer Lehrstunde für die Auswirkungen mangelnder Ethik in der Industrie weltweit- eine ähnliche Lektion haben ja bereits die deutschen Autobauer erhalten.
der Pöter 18.03.2019
4. Nicht,
daß ich jetzt nur noch Airbus den Vorzug gäbe, aber bei einer derartigen Schlamperei haben diverse Personen ihren Hut zu nehmen. Mit entsprechenden Haftstrafen. Sehr gespannt, wie sich Boeing da rausreden will. Aber immerhin wird es sehr teuer, da die Prozesse in Amerika stattfinden. In Europa würde man die Menschen wieder nur mit ein paar Euro abspeisen.
unpolit 18.03.2019
5. Leider muss man feststellen: Das passt ins Bild,
welches die USA gerade vermitteln. Make money um jeden Preis, und im Detail kann es schon mal klemmen. Und egal wie das ausgeht, für Boeing wird es sicher ziemlich böse. Denn eine Aufsichtsbehörde, der man versucht, die Schuld in die Schuhe zu schieben, die wird zukünftig sicher noch intensiver hinsehen. Da wird dann. nix mehr mit Prüfungen an die eigenen Ingenieure delegieren. Und die werden sicher dafür Sorge tragen, dass zukünftig solch ein unerhörter Vorwurf nie wieder im Raum stehen kann.... Damit wird die Entwicklung zukünftiger Flieger und deren Abnahme natürlich deutlich länger dauern und mehr kosten. Dazu der Vertrauensverlust bei Piloten, Passagieren und Airlines, der wirtschaftliche Schaden der Kunden (denen ich ja irgendwann wieder andere Maschinen vertickern will) und die möglichen Forderungen von Hinterbliebenen. Mal sehen, ob Boeing das durchhält. Und wenn es damit Airbus gelingen würde, die US-Konkurrenz deutlich abzuhängen, das wäre doch auch ein gutes wirtschaftspolitisches Signal für ein vereintes Europa, oder?
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