Boeing 777X Das größte zweistrahlige Flugzeug der Welt absolviert seinen Erstflug

Zweimal musste der Start abgesagt werden: Am Wochenende hat Boeings 777-9 ihren ersten Erprobungsflug absolviert. Nach dem Desaster mit der 737 Max ist die Maschine für den Konzern ein Hoffnungsträger.
Schön war das Wetter nicht, aber gut genug zum Fliegen: Die 777-9 mit der Werksnummer WH001 hebt vom Boeing-Werksflughafen in Everett ab.

Schön war das Wetter nicht, aber gut genug zum Fliegen: Die 777-9 mit der Werksnummer WH001 hebt vom Boeing-Werksflughafen in Everett ab.

Foto: STEPHEN BRASHEAR/ AFP

Um 10:09 Uhr Ortszeit hob sie ab: Der erste Prototyp von Boeings 777-9, besser bekannt unter dem Codenamen 777X, startete zu seinem Erstflug. Zuvor hatte das Vorhaben zweimal abgesagt werden müssen. Starker Wind und heftiger Regen über Boeings Werksflughafen Paine Field, nahe der Westküstenmetropole Seattle, hatten den Start am ursprünglich geplanten Termin am Donnerstag unmöglich gemacht. Auch beim Ausweichtermin am Freitag verhinderte schlechtes Wetter einen sicheren Start. Erst am Sonnabend hatte sich das Wetter so weit beruhigt, dass das neue Flugzeug abheben konnte. Knapp vier Stunden später, um 14 Uhr, landete die Maschine wieder.

Mit dem ersten Flug des neuen Riesenflugzeugs kann Boeing die für die Zulassung des neuen Modells wichtige Flugerprobungsphase starten. Ursprünglich sollten die Testflüge bereits im Sommer 2019 beginnen. Unter anderem wegen Problemen mit dem neuen Triebwerk, das General Electric für den Langstreckenflieger entwickelt hat, war dieser Plan verworfen worden.

Zudem musste die Erprobung am Boden im September vergangenen Jahres nach einem Vorfall zudem zeitweilig ausgesetzt werden. Bei einem Test hatte es einen lauten Knall gegeben, als die Kabine unter Druck gesetzt wurde. Einem Bericht der "Seattle Times"  zufolge war eine Kabinentür wegen eines Risses im Rumpf regelrecht herausgesprengt worden.

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Nachdem diese Probleme nun überwunden zu sein scheinen, sagte Boeing-Testpilot Van Chaney nach dem Erstflug, das Flugzeug sei "wunderschön geflogen" und die Tests seien "sehr produktiv" gewesen. Ingenieure am Boden hatten während des gesamten Fluges in Echtzeit Messdaten aufgezeichnet und kontrolliert. Vor dem nächsten Flug, der nur grob für die nächsten Tage geplant ist, wird die Maschine noch einmal umfassend überprüft.

Die Kunden warten schon

Boeing hat insgesamt vier Prototypen des 777X gebaut, um das bei einem neuen Modell notwendige Testprogramm schneller abarbeiten zu können. Erstkunden wie Emirates, Qatar Airways und die Lufthansa warten ohnehin schon ungeduldig auf die Lieferung der ersten Exemplare. Die hat Boeing allerdings auf 2021 verschoben. Die Betreiber erhoffen sich von dem neuen Flugzeugtyp eine gegenüber ihren Vorgängern verbesserte Wirtschaftlichkeit. Der Hersteller verspricht einen um zehn Prozent geringeren Treibstoffverbrauch und um zehn Prozent niedrigere Betriebskosten als bei der Konkurrenz, womit Airbus gemeint ist.

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Boeing 777X: Der Erstflug über Seattle

Foto: JASON REDMOND/ AFP

Bisher liegen laut Boeing bereits 340 Bestellungen für den Jet vor, der einen Listenpreis von fast 450 Millionen Dollar pro Stück hat. In der Branche sind allerdings teils erhebliche Preisnachlässe übrig, vor allem bei größeren Bestellungen. Die Lufthansa etwa hat 20 Exemplare der 777-9 fest geordert und eine Option auf 14 weitere ausgehandelt. Für die deutsche Fluggesellschaft ist das neue Modell auch deshalb wichtig, weil mit ihm eine neue Business Class eingeführt werden soll, in der - erstmals bei der Lufthansa - alle Passagiere einen direkten Zugang zum Gang haben werden. Möglich wird das der Fluggesellschaft zufolge durch die gegenüber den Vorgängern deutlich breitere Kabine.

Ohnehin ist die 777-9 ein Flugzeug der Superlative. Bei einer Bestuhlung mit zwei Klassen können bis zu 426 Passagiere damit transportiert werden. Mit einer Länge von 76,7 Metern und einer Spannweite von 71,8 Metern ist sie laut Boeing das bisher größte zweistrahlige Flugzeug der Welt. Die Tragflächen sind so lang, dass ihre letzten dreieinhalb Meter zum Einparken an Flughäfen eingeklappt werden müssen, da die Stellplätze nicht für derartige Maße vorgesehen sind. Die Triebwerke vom Typ GE9X sind die größten jemals für ein Verkehrsflugzeug entwickelten Motoren. Ihr Durchmesser liegt bei rund 3,4 Metern, was dem Rumpf einer Boeing 737 nahekommt.

Für den amerikanischen Flugzeughersteller ist die 777X auch deshalb ein Hoffnungsträger, weil sie inmitten der andauernden Krise um die 737 Max die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des angeschlagenen Unternehmens demonstrieren soll. Nach zwei Abstürzen von 737 Max mit insgesamt 346 Todesopfern gilt für diesen Typ seit März 2019 ein weltweites Flugverbot. Ermittler vermuten, dass die Unglücke mit dem Stabilisierungssystem MCAS zusammenhängen, das bei einem drohenden Strömungsabriss die Flugzeugnase nach unten drücken soll. Boeing arbeitet daran, die durch die Unglücke offenkundig gewordenen Fehler zu beheben. Mit einer Wiederzulassung der 737 Max rechnet das Unternehmen Mitte des Jahres.

Auf Flughäfen und Abstellflächen hat der Konzern unterdessen rund 400 fabrikneue Exemplare des Typs eingelagert. Die Produktion der 737 Max wurde zwischenzeitlich gestoppt. Nach Einschätzung von Analysten schreibt der Konzern wegen des Flugverbots pro Monat rund eine Milliarde Dollar Verlust.

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