Boeing-Aktionärsversammlung Der T-Rex im Raum

Nach den Abstürzen zweier 737-Max-Maschinen hat sich Boeings Chef Dennis Muilenberg erstmals Aktionären und Journalisten gestellt. Dabei sagte er kein falsches Wort. Aber auch kein richtiges.

Dennis Muilenburg kurz nach dem Boeing-Aktionärstreffen in Chicago, Illinois
John Gress/ REUTERS

Dennis Muilenburg kurz nach dem Boeing-Aktionärstreffen in Chicago, Illinois

Aus Chicago berichtet


Lange sieht es auf der Boeing-Aktionärsversammlung in Chicago danach aus, als müsste Dennis Muilenberg überhaupt keine unangenehmen Fragen beantworten. Ohnehin ist diese erste direkte Begegnung des Boeing-Chefs mit Investoren und Journalisten nach den beiden Flugzeugabstürzen in Äthiopien und Indonesien von Dingen geprägt, die fehlen: überraschend wenige Aktionäre haben die Einladung überhaupt angenommen, eine Massendemonstration vor den Eingängen bleibt aus, die Zahl der anwesenden Pressevertreter hält sich in Grenzen. Auch eine Entschuldigung oder ein Schuldbekenntnis sind bei der Veranstaltung am Montag nicht zu hören.

Seit dem Absturz einer Ethiopian-Airlines-Maschine vom Typ 737 Max am 10. März ist der Kursabfall der Boeing-Aktie Chart zeigen mit rund zehn Prozent erstaunlich gering geblieben. Im Oktober vergangenen Jahres war eine baugleiche Lion Air 737 Max verunglückt, in beiden Fällen spielte vermutlich eine fehlerhafte Sicherheitssoftware namens MCAS eine Rolle, so viel hat Boeing bereits anerkannt. Der zweite Absturz zog ein weltweites Flugverbot für die 737 Max nach sich - es ist der Stoff für die größte Krise in der Geschichte des führenden amerikanischen Flugzeugbauers.

Boeing hat für die Versammlung am Montag in einen lüsterbehangenen Saal des Field Naturkundemuseums eingeladen, eines der größten und berühmtesten Museen der Welt. Das bedeutet, dass irgendwo im selben Gebäude, in dem Muilenberg seine wohltemperierten Sätze spricht, die furchterregende "Sue" steht, das größte erhaltene Skelett eines Tyrannosaurus Rex. Muilenberg sagt: "Wir haben die Verantwortung, die sichersten Flugzeuge am Himmel zu entwerfen, zu bauen und zu unterstützen." Wird es ihm gelingen, nicht bloß den sprichwörtlichen Elefanten im Raum zu ignorieren, sondern gar einen T-Rex?

Muilenburg spricht bei der Aktionärsversammlung in Chicago
John Gress/ AP

Muilenburg spricht bei der Aktionärsversammlung in Chicago

Eine sehr kleine Gruppe von Demonstranten vor dem Haus möchte genau das verhindern, sie stehen stundenlang draußen im Chicago-Wetter: Regen, Wind, Grau, Kälte. In ihren Händen tragen sie Regenschirme und große Fotos von Opfern der Boeing-Abstürze, ein Mann hält ein Plakat in der Hand, "Prosecute Boeing & execs for Manslaughter" - Boeing und seine Chefs seien wegen Mordes zu belangen. "346-facher Mord", sagt der Mann.

Tarek Milleron (mitte) und andere Demonstranten halten Fotos von Opfern der Flugzeugabstürze - in Millerons rechter Hand ein Bild von seiner Nichte Samya Stumo
Guido Mingels/ DER SPIEGEL

Tarek Milleron (mitte) und andere Demonstranten halten Fotos von Opfern der Flugzeugabstürze - in Millerons rechter Hand ein Bild von seiner Nichte Samya Stumo

Einer der Demonstranten ist Tarek Milleron aus Berkeley, dessen Nichte Samya Stumo, 24, auf dem Ethiopian-Airlines-Flug gestorben ist. Weitere Fotos zeigen eine strahlende junge Frau namens Danielle Moore; zeigen Adam, ein Kleinkind, mit seiner Mutter Stella Konarski; Marcelino Rassul Tayob; Micah John Messent; Christine Alalo, vom Friedenskorps der Uno; Bennett und Melvin Riffel, zwei Brüder; Bernard Musembi Mutua. Zehn Namen und Gesichter, die daran erinnern, dass bei den beiden Boeing-Abstürzen 346 Menschen gestorben sind.

Drinnen werden unterdessen die Gehälter der Manager gutgeheißen und der Boeing-Aufsichtsrat wird bestätigt, darunter Nikki Haley, Trumps kürzlich zurückgetretene Uno-Botschafterin. Ein Antrag aus dem Publikum, die lange kritisierte Doppelrolle Muilenbergs als CEO und Aufsichtsratschef zu trennen, findet keine Mehrheit. Dann werden etliche mittelrelevante Fragen gestellt: Wann Boeing endlich fähig sei, jede beliebige Strecke der Welt nonstop zu fliegen; warum Flugbegleiterinnen auf manchen Flügen Stöckelschuhe tragen.

Schließlich fordert Muilenberg zu einer Schweigeminute auf, die 15 Sekunden dauert.

Muilenberg spricht viele leere CEO-Sätze

Ein Shareholder spricht es dann gegen Ende der Veranstaltung doch noch aus: Offenbar sei Boeing die Produktion des 737 Max überhastet angegangen, habe grundlegende Sicherheitsvorkehrungen aus den Augen verloren: "Es hätte nie passieren dürfen, dass ein neues, entscheidendes Sicherheitssystem von einem einzigen, leicht zu beschädigenden Sensor abhängt."

Muilenberg lobt die "wichtige Frage" und widerspricht dann ruhig und entschlossen. Die Entwicklung des Fliegers habe volle sechs Jahre gedauert, die Ausrüstung sei als sicher beurteilt worden. Wiederholt spricht er von einer "Verkettung von Ereignissen", die schuld sei an den Abstürzen, kein einzelner Faktor könne allein verantwortlich gemacht werden. Er spricht viele leere CEO-Sätze. "Sicherheit ist unsere höchste Priorität. Wir bleiben unseren Werten treu. Dennoch können wir uns immer verbessern."

Was soll er auch sagen? Dieser zierlich wirkende Herr mit blassblauen Augen, jugendlichem Gesicht und schwindendem Haupthaar, auf dessen Schultern eine gewaltige Verantwortung liegt: für sein Unternehmen, für die Shareholder. Früher, als Boeing immer neue Rekordergebnisse vermeldete, nicht zuletzt wegen seinem Erfolgsprodukt 737 Max, lachte er viel bei Auftritten. Jetzt presst er seine Lippen zusammen, nie verrutschen sie ihm zu einem Grinsen, nie entfährt ihm trotz der vielen Worte eine menschliche Regung. Alles, was er jetzt sagt, kann gegen ihn und seine Firma verwendet werden, als Schlagzeile, vor Gericht. Ein falsches Wort kann zu Milliardenverlusten führen.

Muilenberg sagt kein falsches Wort an diesem Tag. Aber auch kein richtiges.

Aus der anschließenden Kurzpressekonferenz läuft er nach 15 Minuten raus, während ein Journalist noch hinterherruft: "Sir, 346 Menschen sind gestorben, können Sie bitte ein paar Fragen dazu beantworten?"

Als alles vorbei ist, stehen Gerrald Miller, ein Boeing-Aktienbesitzer von 93 Jahren, und sein Sohn Jeff, 62, im Foyer und genehmigen sich ein paar Muffins vom Büffet. Sie sind am Morgen aus Highland Park angereist, nördlich von Chicago, weil sie jedes Jahr zur Aktionärsversammlung fahren. Anders als viele Boeing-Pensionäre, die mit Aktien vergütet wurden, hat Gerrald Miller keine Angst um den Preis seiner Anteile, "in meinem Alter macht man sich solche Sorgen nicht mehr". Beide sind sicher, dass Boeing die Krise überstehen wird.

Aber werden die Kunden wirklich je wieder in die 737 Max einsteigen, sobald das Software-Risiko behoben und die Flugerlaubnis neu erteilt sein wird? Jeff Miller, der Sohn, ist sich sicher: "Oh, absolut. Die Leute haben ein kurzes Gedächtnis. Die steigen in den Vogel ein. Welche Alternative haben sie denn? Sie müssen nun mal fliegen."

insgesamt 16 Beiträge
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rgw_ch 30.04.2019
1. Fehlende US-Opfer
Der Grund für das fehlende öffentliche Interesse dürfte sein, dass bei den beiden Abstürzen keine US-Bürger ums Leben gekommen sind. Daher werden wohl auch die Schadenersatzzahlungen von Boeing eher bescheiden bleiben, wenn es überhaupt zu einem Prozess kommt. Der CEO wird sowieso wie üblich von nichts gewusst haben und unschuldig sein.
m.klagge 30.04.2019
2. Das Beispiel Boeing zeigt
quasi im Zeitraffer wie der Filz zwischen Industrie und Politik funktioniert. Das ist in Deutschland nicht anders, nur eben nicht so prägnant. Als Folge der Umweltverpestung durch den Diesel Betrug sterben auch Menschen, wahrscheinlich auch deutlich mehr als bei den beiden Abstürzen. Beide, Boeing und Diesel sind sind ursächlich darauf zurück zu führen, dass dank des Eingreifens der Politik die Kompetenz und Effektivität von staatlichen Kontrollinstanzen gegen Null geht. Alle Politiker, die sich in welcher Form auch immer, inklusive Parteispenden, von der Industrie kaufen lassen sind ebenso Mörder wie die Vorstände und Aufsichtsräte der jeweiligen Unternehmen.
steppenwolf81 30.04.2019
3. Leere CEO-Worte
Ich unterstelle, dass auch bei Boeing niemand so marktwirtschaftlich degeneriert ist, dass ihm Menschenleben egal wären und dass die ihre Flugzeuge so bauen, dass kein Vorsatz zum Absturz gegeben ist. Mag sein das ist naiv. Doch gegenüber den Verunglückten und Hinterbliebenen macht diese Art der Nichtwürdigung und Ausbleiben von Demut menschlich ein verheerendes Bild. Natürlich muss das operative Geschäft weitergehen, auch bei Boeing arbeiten Ernährer von Familien und engagierte Angestellte. Das Dargebrachte aber, das kann es nicht sein. Vielleicht hat der alte Aktionär aber Recht und wir hier sehen das alles zu eng. Lasst die Menschen (sich selbst) vergessen. Oder besser doch nicht?
phillyst 30.04.2019
4. Kein westliches Interesse
Bei den Unglücken sind ja nur Äthiopier und Indonesier ums Leben gekommen... wäre das in den USA oder Europa passiert wären die Auswirkungen und das Interesse vermutlich traurigerweise wesentlich größer.
bennic 30.04.2019
5. Die Wahrheit bleibt meistens
dann auf der Strecke, wenn es um Macht oder um Geld geht. Im Fall Boeing haben die Anwälte das Sagen und nicht der CEO. Ich bin gespannt, wie die Aufarbeitung dieser Fälle inkl. Verhalten der FAA strafrechtlich laufen wird. Hier sind so viele Menschen ums Leben gekommen und die verdienen zumindest Gerechtigkeit.
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