Angeschlagener Flugzeugkonzern US-Wirtschaft ist durch Boeing-Krise massiv belastet 

Die Abstürze von Boeings 737 Max verdeutlichen, wie wichtig der US-Flugzeughersteller für die Wirtschaft des gesamten Landes ist: Die amerikanischen Ausfuhren sanken um 23 Milliarden Dollar - der größte Teil geht auf Boeing zurück.

Bauteile für eine 737 Max auf dem Boeing-Werksgelände in Renton
GARY HE/EPA-EFE/REX

Bauteile für eine 737 Max auf dem Boeing-Werksgelände in Renton


Es gibt Industriebranchen, die für eine Nation herausragende Bedeutung haben. Ins Auge sticht das vor allem dann, wenn es in dem Bereich Probleme gibt. Deutschland hat das im vergangenen Jahr bereits einmal mit der Autoindustrie erlebt: Die Hersteller hatten arge Probleme mit neuen Abgasprüfstandards, die Neuzulassungen brachen ein - und zwar so drastisch, dass Deutschlands Wirtschaft insgesamt schrumpfte.

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Ein ähnliches Phänomen lässt sich derzeit in den USA beobachten: Die Wachstumsrate sank im Vergleich zum Vorquartal von 3,1 auf 2,1 Prozent, wie eine erste Schätzung des Handelsministeriums ergab. Ein erheblicher Teil des Rückgangs geht offenbar auch auf die Kappe von Boeing.

"Die Startverbote für Boeings 737 Max haben im zweiten Quartal auf die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen sowie auf die Exporte durchgeschlagen - und das aufs Jahr hochgerechnete Wirtschaftswachstum um 0,25 Prozentpunkte gedrückt", heißt es in einer Studie des Ökonomen Michael Pearce vom Analysehaus Capital Economics.

Der Untersuchung zufolge belastet die Konzernkrise, die ihren Anfang im Frühjahr mit zwei 737-Max-Abstürzen nahm - vor allem die US-Ausfuhren. Der Export von Verkehrsflugzeugen ist im zweiten Quartal massiv eingebrochen. Auf das ganze Jahr hochgerechnet betrage der Effekt 18 Milliarden Dollar. Das könne fast den kompletten Rückgang der US-Warenausfuhren um 23 Milliarden Dollar erklären, so die Studie.

Düsterer Ausblick des Managements

Die Analysten identifizieren daneben zwar auch andere Faktoren für den Wachstumsrückgang, den Wirtschaftskonflikt mit China und der EU etwa. Doch Boeings Rolle ist ebenfalls nicht zu unterschätzen, wie auch Daniel Silver von der US-Bank JPMorgan betont hat. Airbus-Rivale Boeing hatte im April zunächst mit einer Drosselung der 737-Max-Produktion um 20 Prozent auf 42 Maschinen pro Monat auf die weltweiten Flugverbote reagiert. Doch das könnte erst der Anfang gewesen sein.

Boeing-Chef Dennis Muilenburg sagte jüngst bereits, sollte eine Wiederzulassung der Krisenjets länger als geplant dauern, könnte die Fertigung weiter gekürzt oder sogar komplett ausgesetzt werden. "Wenn die Produktion weiter zurückgefahren wird, dürfte dies im dritten Quartal erneut ähnlich stark aufs US-Wachstum durchschlagen", warnt Experte Pearce von Capital Economics. Boeing rechnet zwar weiter damit, dass die 737 Max im Schlussquartal wieder in Betrieb geht. Doch diese Prognose scheint optimistisch. Zuletzt stellten Aufseher neue Probleme fest - weitere Verzögerungen gelten als wahrscheinlich.

Warum Boeing Airbus trotzdem überflügelt

Stark betroffen von Boeings Problemen sind auch etliche andere Unternehmen: Da sind die Fluggesellschaften, die zu Boeings wichtigsten Kunden zählen. American Airlines etwa erwartet, das 737-Max-Startverbot werde in diesem Jahr rund 400 Millionen Dollar vor Steuern an Sonderkosten verursachen. Dem ohnehin schon kriselnden US-Industriekonzern General Electric (GE), der mit einem Partner die Antriebe für die 737 Max herstellt, sind im ersten Halbjahr Einnahmen von rund 600 Millionen Dollar entgangen. Bis Jahresende könnten weitere bis zu 800 Millionen Dollar hinzukommen, schätzt GE.

Für Hoffnung sorgt ein Blick auf Boeings prall gefülltes Auftragsbuch. Der US-Konzern, den Erzrivale Airbus aufgrund der aktuellen Krise dieses Jahr erstmals seit Langem wieder als weltgrößten Flugzeugbauer überholen dürfte, hat mehr als 4000 Bestellungen für die 737 Max. Seit dem zweiten Absturz im März ist nur eine große Order hinzugekommen, doch Stornierungen fallen Kunden schwer, weil der Flugzeugmarkt außer Airbus kaum Alternativen bietet und die Europäer auf Jahre ausgebucht sind. Bei einer Wiederzulassung der 737 Max hätte Boeing also allen Anlass, die Produktion rasch wieder hochzufahren - und der US-Wirtschaft so einen Schub zu geben.

dpa/beb/Hannes Breustedt

insgesamt 60 Beiträge
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foerster.chriss 07.08.2019
1.
"Bei einer Wiederzulassung der 737 Max hätte Boeing also allen Anlass, die Produktion rasch wieder hochzufahren - und der US-Wirtschaft so einen Schub zu geben." Je länger die Wiederzulassung dauert, desto wahrscheinlicher kann die Produktion nicht mehr einfach 'rasch' hochgefahren werden. Zulieferer könnten pleite gehen. Sie könnten die Mitarbeiter dauerhaft verlieren, wenn sie Monate lang keine Aufträge mehr abarbeiten können (also gekündigt werden). Allein das könnte das Aus der 737 bedeuten. Und im schlimmsten Fall gibt es überhaupt keine Wiederzulassung mehr.
ralfix 07.08.2019
2.
Wie bei der deutschen Autoindustrie sind auch bei Boing große Managementfehler vorausgegangen.
jotha58 07.08.2019
3. naja,
Zitat von foerster.chriss"Bei einer Wiederzulassung der 737 Max hätte Boeing also allen Anlass, die Produktion rasch wieder hochzufahren - und der US-Wirtschaft so einen Schub zu geben." Je länger die Wiederzulassung dauert, desto wahrscheinlicher kann die Produktion nicht mehr einfach 'rasch' hochgefahren werden. Zulieferer könnten pleite gehen. Sie könnten die Mitarbeiter dauerhaft verlieren, wenn sie Monate lang keine Aufträge mehr abarbeiten können (also gekündigt werden). Allein das könnte das Aus der 737 bedeuten. Und im schlimmsten Fall gibt es überhaupt keine Wiederzulassung mehr.
wenn de Firmen auch nicht gleich in die Pleite getrieben werden, aber da bereitet nach meinem dafürhalten das us-amerikanische System ernsthafte Schwierigkeiten. Die "hire and fire" Mentalität führt halt dazu, dass erfahrene Mitarbeiter schlagartig nicht mehr zur Verfügung stehen und durch unerfahrene Mitarbeiter ersetzt werden. Das wiederum führt dann zu massiven Qualitätsproblemen.
Knacker54 07.08.2019
4. Jammern auf hohem Niveau
"Die Wachstumsrate sank im Vergleich zum Vorquartal von 3,1 auf 2,1 Prozent, " Das ist ja furchtbar! Die gesamte amerikanische Wirtschaft geht den Bach runter! Bitte: Das bedauetet doch, dass die gesamte amerikanische Wirtschaft immer noch ein Wachstum von 2,1% hat - eine Rate, von der Wachstumsfetischisten anderer Nationen derzeit nur Träumen können. Wann hört SPON endlich mal mit dieser Verklärung und Verzerrung von dem Parameter "Wachstum" auf? Wachstum ist kontraproduktiv - nicht für das Shareholder Value sondern für sämtliche essentielle Lebensgrundlagen. Letztendlich auch für alle Aktienbesitzer...
habmeinemeinung 07.08.2019
5. Feste drauf
Es ist tragisch für die Amerikanische Wirtschaft, aber genauso unversöhnlich wie es die Amis zBsp mit VW machen, sollte man nun auf diesen (ungeheuerlichen) 737 Skandal reagieren. Waren es bei VW "nur" Abgaswerte, so ging es bei Boeing ganz konkret um hunderte Menschenleben, deren Tötung in Kauf wieder besseres Wissen in Kauf genommen wurde.
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