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Produktion von 737 Max gestoppt Boeing am Boden

Flugzeuge für 50 Milliarden Dollar parken auf Halde: Nun muss Boeing den Bau der 737-Max-Jets vorerst einstellen. Für Airbus sind das gute Nachrichten - für die US-Wirtschaft überhaupt nicht.

Boeing hat ein Parkplatzproblem. Der amerikanische Flugzeughersteller weiß nicht mehr wohin mit den Flugzeugen, die seine 12.000 Beschäftigten in der Fabrik in Renton bauen: Mehr als ein Exemplar der 737 Max am Tag schaffen die Arbeiter im Schnitt, 42 pro Monat. Insgesamt stehen inzwischen fast 400 fabrikneue Flieger im Bundesstaat Washington zur Auslieferung bereit.

Doch solange die Luftfahrtbehörden den Unglücksflieger nicht wieder freigeben, wird auf Halde produziert. Erst parkte man die überzähligen Maschinen auf dem Firmenparkplatz. Am Montag aber hat Boeing die Überproduktion gestoppt: Im Januar werde man die Fertigung vorübergehend einstellen, teilte der Konzern mit.

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Nach den Abstürzen von zwei Flugzeugen, bei denen 346 Menschen ums Leben kamen , hatten die Behörden weltweit im März ein Startverbot für die 737 Max verhängt. Boeing überarbeitete die Software und wollte eigentlich ab Ende des Jahres wieder an seine Kunden ausliefern, die dringend auf die neuen Maschinen warten.

Doch die US-Aufsicht FAA machte bei dieser Planung nicht mit.

Man lasse sich nicht von dem Flugzeugbauer unter Druck setzen, der offenbar mithilfe öffentlicher Statements den Zertifizierungsprozess beschleunigen wolle, stellte FAA-Chef Steve Dickson vergangene Woche klar. Dickson ringt darum, den ramponierten Ruf seiner Behörde zu reparieren. Schließlich haben die Untersuchungen zu den Unglücksursachen Kontrolldefizite nicht nur beim Flugzeugbauer Boeing, sondern auch bei der zuständigen Behörde FAA offenbart. Brancheninsider rechnen damit, dass die Aufsicht frühestens im Februar die Starterlaubnis für die 737 Max gibt. Europa und auch der Großkunde China haben angekündigt, zusätzlich eigene Zertifizierungen durchzuführen.

Für Boeing schafft die Flugverzögerung ein wachsendes Cash-Flow-Problem.

Während die Produktion Monat für Monat Geld verschlingt, bleiben die Einnahmen aus. Flugzeuge im Verkaufswert von fast 50 Milliarden Dollar Listenpreis stehen inzwischen ungenutzt auf den improvisierten Parkplätzen herum. "Selbst Boeing mit all seinen finanziellen Ressourcen musste die Blutung irgendwann stoppen", sagt Scott Hamilton von der Luftverkehr-Beratungsgesellschaft Leeham.

Als würde McDonald's keine Burger mehr verkaufen

Der Produktionsstopp könnte eine der folgenreichsten Entscheidungen in der mehr als hundertjährigen Geschichte des führenden Luftfahrtkonzerns sein. Wenn Boeing keine 737 Max mehr baue, dann sei das "als würde Coca-Cola kein Cola light mehr produzieren oder McDonald's keine Big Macs mehr servieren", so der Bloomberg-Branchenexperte David Fickling.

Die 737-Serie mache rund 70 Prozent des zivilen Flugzeuggeschäfts des Konzerns aus. Boeing stelle damit "fast die Hälfte seines Geschäfts ein", so Fickling. Entsprechend reagierten die Börsen: Die Aktie verlor bis Handelsschluss über vier Prozent.

Für einen immerhin könnte das eine gute Nachricht sein: den ewigen Konkurrenten Airbus, der auf neue Kundschaft für den A320 hofft. In diesem Jahr hat Airbus den US-Rivalen zum ersten Mal weit abgehängt: Das europäische Konsortium lieferte bis November mehr als doppelt so viele Flugzeuge aus wie Boeing.

Weltweit mehren sich die Forderungen nach Entschädigung

In Europa gehören der Billigflieger Ryanair und der Reisekonzern TUI sowie der Lufthansa-Ableger Sunexpress zu den Abnehmern des früheren Bestsellers 737 Max. Insgesamt hatte der Konzern vor den Absturzunglücken Bestellungen für rund 4400 Maschinen in den Büchern.

Im Juli erklärte die saudi-arabische Flyadeal als erste Gesellschaft, dass sie keine dieser Maschinen mehr einsetzen werde und stattdessen auf Airbus umsteigt - ursprünglich wollte Flyadeal bis zu 50 Jets der 737-Reihe kaufen.

Insgesamt 383 Boeing-Maschinen sind weltweit wegen des Startverbots gestrandet. Boeing hat Milliarden zurückgestellt, um seine Kunden für die Verluste zu entschädigen. Allein die amerikanische Southwest Airlines beziffert den ihr bis September entstandenen Schaden auf 435 Millionen Dollar. Und ihre Pilotengewerkschaft hat Schadensersatzklage gegen Boeing eingereicht, weil 30.000 Flüge gestrichen worden seien und den 9700 Kapitänen auf diese Weise 100 Millionen Dollar Einkommen entgangen seien.

Für die vielen Zulieferer ist es ein Desaster

Am schlimmsten aber dürfte der Produktionsstopp die Zulieferer treffen, die 80 Prozent der Komponenten an den Konzern liefern. "Wir werden jetzt erleben, wie vernetzt die globale Lieferkette ist", sagt der Chefredakteur des Brancheninformationsdienstes Air Current, Jon Ostrower.

Der Bau eines Flugzeugs lässt sich nicht mit einem Fingerklick an- und abstellen. Die Lieferanten müssen damit rechnen, dass ihnen während der Flaute erfahrenes Personal davonläuft und sie die notwendige Expertise verlieren. Deshalb hatte der Rumpf-Fertiger Spirit AeroSystems entschieden, weiter monatlich 52 Exemplare zu fertigen, als Boeing schon auf 42 Flugzeuge reduziert hatte. Die Skelette türmen sich nun in Wichita, Kansas, auf.

Boeing erklärt, die Turbulenzen für seine Lieferanten möglichst gering halten zu wollen. Die eigenen Mitarbeiter sollen vorläufig in anderen Werken beschäftigt werden. Trotzdem dürfte der Stillstand im Werk Renton die US-Wirtschaft hart treffen. Boeing ist nicht nur der gewichtigste Wert im Dow-Jones-Index. Das Unternehmen ist Amerikas größter Exporteur, und schon jetzt leidet die US-Handelsbilanz unter dem Geschäftsausfall.

"Hilfreiche" Tipps aus dem Weißen Haus

"Es ist kaum vorstellbar, dass irgendein anderes Unternehmen die Fertigung eines einzelnen Produkts stoppt und das die Wirtschaft so hart treffen würde", sagte Luke Tilley, Chefökonom der Vermögensverwaltung Wilmington Trust, dem Wall Street Journal. Tilley schätzt, dass Boeings Produktionsstopp das US-Wachstum im ersten Quartal schmälert.

US-Präsident Donald Trump wird das gar nicht gefallen - hatte er doch die Lösung für die Krise längst parat. Er würde die Probleme der 737 Max beheben und ein paar tolle Funktionen hinzufügen, riet Donald Trump dem Unternehmen und empfahl dann einen Marketingtrick: Boeing sollte einfach "dem Flugzeug unter anderem Namen ein ganz neues Image verpassen."