Boeing-Unglücksmaschine 737 Max "Die Verunsicherung der Passagiere ist verständlich"

Boeings wichtigstes Flugzeugmodell 737 Max 8 muss nach zwei schweren Unfällen am Boden bleiben. Im Interview erklärt Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt, welche Auswirkungen das auf den Flugverkehr und für das Unternehmen hat.

Boeing 737 Max 8
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Boeing 737 Max 8

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Nach dem Absturz zweier baugleicher, neuer Flugzeugtypen binnen weniger Monate gerät der US-Flugzeugbauer Boeing weltweit unter Druck. Nachdem andere Länder mit Flugverboten vorgeprescht waren, hat auch US-Präsident Donald Trump am Mittwoch das Grounding aller Maschinen vom Typ 737 Max verfügt. Klar ist jetzt schon: Die Maschinen werden wohl Monate lang am Boden bleiben müssen.

Der US-Luft- und Raumfahrtkonzern gerät damit ausgerechnet durch seinen so hoffnungsfroh gestarteten Kassenschlager in eine schwere Vertrauenskrise. Neben eventuell drohenden Entschädigungs- und Schadenersatzforderungen der Kunden kann Boeing durch die Flugverbote auch bestellte Maschinen nur verspätet ausliefern. Betroffen ist etwa der Tui-Konzern, der die erste Maschine dieses Typs für die deutsche Tuifly diese Woche aus Seattle nach Hannover fliegen wollte. Ein Tui-Sprecher sprach am Mittwoch von einem Schaden in Höhe von drei Millionen Euro - pro Woche. Die Boeing-Aktie sackte bereits kräftig ab.

Die auf weniger Spritverbrauch getrimmte Boeing 737 Max 8 ist eine Neuauflage der seit den Sechzigerjahren gebauten Boeing 737 und wird in der neuen Form mit größeren und sparsameren Triebwerken ausgeliefert. Konkurrenzmodell ist der Airbus A320neo. Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt erklärt, was das 737-Max-Desaster für Boeing bedeuten könnte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Großbongardt, für die Boeing 737 Max 8 gilt mittlerweile praktisch weltweit ein Flugverbot. Was bedeutet es für die Fluglinien, die schon solche Maschinen haben, wenn sie jetzt vielleicht monatelang nicht damit fliegen können?

Heinrich Großbongardt: Die betroffenen Gesellschaften können den Kapazitätsausfall ausgleichen, indem sie Flugzeuge mieten, die kurzfristig verfügbar sind.

SPIEGEL ONLINE: Das wird jetzt im Winter kein Problem sein, spätestens zu Ostern oder im Sommer ist dann doch Chaos programmiert.

Großbongardt: Wenn Chaos entsteht, dann sicher nicht wegen der 737 Max 8. Dafür sind aktuell noch zu wenige Flugzeuge dieses Typs im Einsatz. Derzeit sind in Europa erst rund 50 davon ausgeliefert. Diese nun zu ersetzen ist zwar lästig für die Fluggesellschaften, aber die Lücke lässt sich füllen.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie Stornierungen der Max-8-Bestellungen durch Boeing-Kunden?

Großbongardt: Das halte ich für unwahrscheinlich. Das zeigen auch die Erfahrungen der Vergangenheit. Beim Dreamliner zum Beispiel, der Boeing 787, gab es auch Probleme, die dazu geführt haben, dass die Flugzeuge monatelang am Boden blieben. Trotzdem gab es keine Abbestellungen. Einer der Gründe dafür liegt darin, dass wer heute bei Boeing abbestellt, sich anschließend bei Airbus ganz hinten in der Schlange der Kunden anstellen muss. Außerdem wissen die Fluggesellschaften, dass bei einem neuen Flugzeug Kinderkrankheiten auftreten. Das ist wegen der Komplexität gar nicht vermeidbar. Wichtig ist nur, dass die Probleme so schnell wie möglich behoben werden.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere Fluggesellschaften haben bereits Schadenersatzforderungen angekündigt. Wie groß ist die Aussicht, dass sie damit Erfolg haben werden?

Großbongardt: Sie werden die Kosten für die Charter von Ersatzmaschinen sicherlich ersetzt bekommen. Denkbar ist natürlich auch ein zusätzlicher Rabatt bei künftigen Bestellungen.

SPIEGEL ONLINE: Nun existiert ja durchaus der Verdacht, dass die Probleme der 737 Max 8 viel weiter reichen. Das Flugzeug sei ohne Software nicht fliegbar. Was würde es bedeuten, wenn sich diese Befürchtungen als begründet herausstellten?

Großbongardt: Sollte es sich herausstellen, dass konstruktive Änderungen - zum Beispiel am Leitwerk - notwendig sind, dann hätte dies zweifelsohne weitreichende Konsequenzen für Boeing. Denn solche Veränderungen wären sehr teuer. Außerdem würde die Lösung des Problems sehr viel länger dauern, was wiederum die Probleme bei den Fluggesellschaften massiv verstärken würde. Schließlich ist die 737-Familie eines der Arbeitspferde des Luftverkehrs.

SPIEGEL ONLINE: Der Vertrauensverlust betrifft ja nicht allein die Fluggesellschaften. Schon etliche Passagiere haben klar gesagt, dass sie die 737 Max 8 bewusst meiden würden.

Großbongardt: Das wird ein Punkt sein, auf den die Fluggesellschaften reagieren müssen, denn die Verunsicherung ist verständlich. Die Erfahrung in der Vergangenheit hat allerdings gezeigt, dass die Skepsis schnell überwunden wird, wenn die Probleme an der betreffenden Maschine erst einmal behoben sind. Das war beim A320 so, aber auch beim Dreamliner.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Weise wirkt sich das 737-Max-Desaster auf die Rivalität zwischen Boeing und Airbus aus?

Großbongardt: Das Kräfteverhältnis wird sich dadurch nicht wesentlich verschieben. Airbus hat ja ohnehin schon einen beträchtlichen Vorsprung in diesem Segment. Sollte sich allerdings herausstellen, dass sich die Probleme nicht nur durch neue Software beheben lassen, sondern konstruktive Eingriffe erforderlich sind, dann könnte die Sache möglicherweise anders aussehen. Aber viel Boden wird Airbus nicht hinzugewinnen können. Sie arbeiten mit der A320-Familie bereits an der Kapazitätsgrenze.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich schon ungefähr beziffern, wie hoch der Schaden für Boeing ausfallen könnte?

Großbongardt: Da wären zunächst einmal die rund 300.000 Dollar an Chartergebühren, die eine Ersatzmaschine für die betroffenen Fluggesellschaften pro Monat kostet. Hinzurechnen muss man den Aufwand für das Software-Update, für das Boeing mit Sicherheit einen zweistelligen Millionenbetrag wird aufwenden müssen. Wenn konstruktive Eingriffe nötig werden, wird es natürlich noch ungleich teurer. Nicht vergessen sollte man auch den Schadenersatz für die Hinterbliebenen der beiden Flugzeugunglücke. Erste Klagen sind ja bereits angekündigt.

insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
nikaja 14.03.2019
1. Kinderkrankheiten
Interessant wie hier bei dem Interview die beiden Totalschaeden kategorisiert werden. Lt. Herrn Grossbongarts handelt es sich um "Kinderkrankheiten", die behoben werden muessen. Der Verlust von 380 Menschenleben kann aber nicht behoben werden. Diese rhetorische Laxheit zeigt doch, welchen Stellenwert der Sicherheit der Passagiere eingeraeumt wird.
dasbeau 14.03.2019
2. Kinderkrankheiten
"Außerdem wissen die Fluggesellschaften, dass bei einem neuen Flugzeug Kinderkrankheiten auftreten." Dass es sich hier lediglich um Kinderkrankheiten handelt, sollte Herr Großbongardt unbedingt den Hinterbliebenen der beiden Abstürze mitteilen. Das wird sie gewiss trösten.
ddcoe 14.03.2019
3. Wichtig
ist doch erst einmal, dass die Ursache der Abstürze klar analysiert - und beseitigt wird. Der Schaden wird die Aktionäre von Boeing einige Roller Dividende kosten, aber das ist unwichtig. Das generelle Vertrauen in das sicher Fliegen muss wieder hergestellt werden.
seneca55 14.03.2019
4. Sorry, bin nur normaler Flugreisender/Laie
Habe gehört dass die neue 737-Max ihre Probleme durch zu große Turbinen die zu nah an den Rumpf gerückt wurden hervorgerufen werden und durch die neue Autopilot-Softare ausbalanciert werden soll. Beim Take off kommt die Maschine dann leicht in einen Strömungsabriß, was den Autopiloten in einen relativen Sinkflug treiben soll, egal was die Piloten haptisch korrigieren. Autonomes Fliegen und Fahren ist noch realitätsfern und führt in die Katastrophe.
vrdeutschland 14.03.2019
5. Der Herr Luftfahrexperte
Ist in seiner arroganten Laxheit nicht zu übertreffen. KEINE A320 und 787 ist aufgrund ihrer "Kinderkrankheiten" abgestürzt. Bei der 737 waren es innert 6 Monaten 2 mit voller Belegung. Den Leuten ist glaube ich nicht bewusst wie sensibel sie an das Thema Luftfahrtsicherheit dran gehen müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Passagiere sich noch groß in eine 737 Max 8 mit ein paar Softwareupdates setzen.
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