Börsenrallye Die Tech-Giganten erobern das Parkett

Die großen Techkonzerne hängen in der Coronakrise andere Unternehmen ab. Kartellwächter befürchten, dass die Marktmacht von Amazon, Apple und Facebook weiter wächst. Aber genau darauf setzen Investoren.
Von Ines Zöttl, Washington
Silicon Valley: Gestärkt in der Coronakrise

Silicon Valley: Gestärkt in der Coronakrise

Foto: Jonathan Clark / Getty Images

Zwei Wochen, zwei Rekorde: Erst knackte der Elektronikkonzern Apple an der Börse die Marke von zwei Billionen Dollar bei der Marktkapitalisierung. Wenige Tage später schaffte es Amazon-Gründer Jeff Bezos über die Schwelle von 200 Milliarden Dollar Nettovermögen. Der reichste Mann der Welt ist inmitten der Coronakrise noch ein bisschen reicher geworden: Im Bloomberg-Milliardärsindex kommt nach ihm lange nichts. 

Beide Rekorde sind vom gleichen Phänomen getrieben: Die Börsenrallye der vergangenen Monate hat die Kurse und damit das Vermögen der Aktionäre vervielfacht. Gerade mal 126 Handelstage hat es gedauert, bis der US-Aktienindex S&P 500 nach dem Absturz im März wieder zu seinem vorangegangenen Höchststand zurückgekehrt ist. Im August erreichte der Index der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen dann ein neues Allzeithoch. "Als hätte es die Pandemie nie gegeben", kommentiert der Investmentexperte Jack Ablin von Cresset Capital. 

Bei genauerem Hinsehen erweisen sich die Kursgewinne als von einer kleinen Gruppe getrieben, die den Rest des Feldes weit abgehängt hat: Ohne die Spitzenleistung der FAANMG - Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Microsoft, Google (Alphabet) - hätte der S&P 500 auch seinen Etappenrekord vergangenen Mittwoch nicht geschafft. Der Techsektor verschaffte dem Index das Allzeithoch, während andere Teilbereiche wie Gesundheit und Energie im Minus schlossen. 

Techriesen gleichen Kursverluste der anderen Firmen aus

Nach einer Analyse des Senders CNBC haben 60 Prozent der im S&P 500 vertretenen Unternehmen die Corona-bedingten Kursverluste knapp ein halbes Jahr später noch nicht wettgemacht. Doch weil die Techriesen inzwischen ein Viertel des Gesamtwerts des Index ausmachen, spielt das im Saldo kaum keine Rolle. 

  • Die Apple-Aktie ist in diesem Jahr um 70 Prozent auf 500 Dollar gestiegen. 42 Jahre hatte das Unternehmen gebraucht, um die erste Billion bei der Marktkapitalisierung zu erreichen. In dieser Runde hat es nur 21 Wochen gedauert, bis 1000 Milliarden Dollar beisammen waren. Weil der 500-Dollar-Anteilsschein für Kleinanleger unerschwinglich geworden ist, führt Apple jetzt einen Split durch und macht aus einer Aktie jeweils vier.  

  • Amazon hat 2020 bisher an der Börse 80 Prozent zugelegt, Microsoft und Facebook über 40 Prozent, Alphabet über 20 Prozent. 

  • Das Techbörsenbarometer Nasdaq 100 verzeichnet 2020 bislang schon ein über 30-prozentiges Plus. Das entspricht beinahe dem Zuwachs von 2019, als Amerikas Wirtschaft ihr elftes Aufschwungjahr in Folge erlebte. 

  • Der industrielle Traditionsindex Dow Jones dagegen kommt nicht voran. Der Ölkonzern Exxon Mobil - einst das wertvollste Unternehmen der Welt - fliegt aus dem Index raus. Dafür zieht der Cloud-Anbieter Salesforce ein. "Old-Economy-Aktien werden durch New-Economy-Aktien ersetzt", konstatierte die Invesco-Expertin Kristina Hopper. 

Während der gut situierte Bevölkerungsteil den Konjunkturabsturz ziemlich unbeschadet überstanden hat, leiden die sozial Schwächeren überproportional unter den Folgen. Während Klein- und Kleinstunternehmer um Kredite und das Überleben kämpfen, vermelden viele Konzerne hohe Nachfrage nach ihren Anleihen und Umsatzzuwächse.

"Die Realität ist, dass die Starken stärker werden"

Die "FAANMG" hätten den "Kategorie 5 Sturm" der Covid-19-Pandemie gut gemeistert, urteilte  jüngst der Branchenanalyst Daniel Ives von Wedbush Securities. "Die Realität ist, dass die Starken stärker werden." Apple hat den Umsatz im zweiten Quartal um elf Prozent auf fast 60 Milliarden Dollar gesteigert. Amazon hat seine Lebensmittel-Umsätze verdreifacht und einen Quartalsgewinn von über fünf Milliarden Dollar erzielt. 

Trotzdem wird manchen Beobachtern die Börsenrallye allmählich unheimlich. Denn viele der Techaktien sind gemessen an den Fundamentaldaten hoch bewertet - die Investoren setzen auf die Zukunft. Während die Kartellwächter die wachsende Marktmacht der Techriesen mit Sorge beobachten, hoffen die Aktienkäufer genau darauf: dass Amazon und Co. ihre Wettbewerbsposition in dieser Krise weiter gestärkt haben. 

Cresset-Mitgründer Ablin allerdings warnt davor, "Wall Street mit Main Street" zu verwechseln, also Börsen mit der realen Wirtschaft. Zwar entspricht die Marktkapitalisierung der FAANMG inzwischen mehr als einem Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung der USA. "Aber zusammen beschäftigen diese Unternehmen weniger als ein Prozent der Erwerbstätigen."

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