Steigende Kurse trotz Wirtschaftskrise Das verrückteste Börsen-Comeback der Geschichte

Die Wirtschaft steckt in der Krise, trotzdem hat der Aktienindex Dax in nur drei Monaten rund 50 Prozent an Wert gewonnen. Das ist die schnellste Erholungsrallye, die es je gab. Auch in den USA erholen sich die Kurse. Aber ist sie auch nachhaltig?
Börsenhändler in New York

Börsenhändler in New York

Foto: Brendan McDermid/ REUTERS

Noch nie wurde an den Börsen eine Wirtschaftskrise so schnell abgehandelt wie in den vergangenen Monaten. Erst brachen die Märkte wegen des Corona-Ausbruchs so rasant ein wie nie zuvor: Der Dax verlor in gerade einmal 28 Tagen 39 Prozent seines Wertes, der schnellste Verlust in seiner mehr als 30-jährigen Geschichte.

Und nun geht es in einem ebenso rasanten Tempo wieder nach oben: Seit seinem Tiefpunkt am 18. März hat das wichtigste deutsche Börsenbarometer bis zum Beginn dieser Woche unglaubliche 52 Prozent gewonnen, ist damit nur noch knapp sieben Prozent von seinem Vorkrisenstand entfernt. Das ist der schnellste Aufschwung des Aktienmarkts, den es in Deutschland nach einem schweren Börsencrash je gab (siehe Grafik). Zum Vergleich: Nach der Finanzkrise 2008 brauchte der Dax rund hundert Tage länger für solch eine Kurserholung.  

In den USA war die Erholungsrallye sogar noch wahnwitziger. Die Indizes Nasdaq, in dem Amerikas wichtigste Techfirmen enthalten sind, und der breit gefasste S&P 500 haben zum Beispiel die Verluste seit Jahresbeginn inzwischen wieder wettgemacht und befinden sich nahe dem Rekordniveau.

Und all das, obwohl die Wirtschaftskrise noch lange nicht ausgestanden ist: Im April sind die deutschen Exporte um 31 Prozent eingebrochen - von einem solchen Absturz erholt man sich nicht so schnell. Noch immer sind hierzulande Millionen Menschen in Kurzarbeit, in den USA ist die Zahl der Arbeitslosen so hoch geschossen wie noch nie in der Geschichte. Da fragt man sich, wie das mit einem Börsenboom zusammenpasst.   

Ausgelöst wurde der Boom (mal wieder) von der Geldpolitik der Zentralbanken und den Hilfsmaßnahmen der Regierungen. Die US-Notenbank Fed senkte den Leitzins auf null und kaufte seit Anfang März Anleihen und Wertpapiere für mehr als zwei Billionen Dollar, die Europäische Zentralbank (EZB) stockte ihr im März extra für die Krise aufgelegtes PEPP-Anleihekaufprogramm zuletzt um 600 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro auf, und die Regierungen schnürten Konjunkturmaßnahmen in Billionenhöhe. "Diese Maßnahmen sind enorm und übertreffen die Aktionen der Zentralbanken und Regierungen, die wir nach der Finanzkrise 2008 gesehen haben, bei Weitem", sagt Martin Lück, Chefanlagestratege für Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock.  

Im Gegensatz zur damaligen Finanzkrise kann das billige Zentralbankgeld zudem jetzt viel schneller ins Wirtschaftssystem fließen. Die Banken sind vergleichsweise stabil, vertrauen sich untereinander und vergeben ausreichend Kredite an Unternehmen. Weil angesichts niedriger Zinsen außerdem weiterhin die Alternativen fehlen, geben Investoren das viele billige Zentralbankgeld aus, um Aktien zu kaufen. Das treibt die Kurse in schwindelerregende Höhen.

Die Sorge, dass die Börsen nur von dem vielen billigen Geld angetrieben werden und realwirtschaftliche Daten nicht mehr zählen, ist aber nur zum Teil begründet. Denn die Gewinne der Unternehmen, die ja nun mal Grundlage für die Bewertung der Firmen an den Börsen sind, sind während der Coronakrise bisher viel weniger stark eingebrochen als während der Finanzkrise und sollen in Zukunft auch schnell wieder steigen - so zumindest die Prognosen der Unternehmen selbst. Die im US-Leitindex S&P 500 gelisteten US-Firmen etwa erwarten für das kommende Jahr gerade einmal einen Gewinneinbruch von 20 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Finanzkrise 2008 war der Gewinneinbruch etwa doppelt so hoch.

Klar ist aber auch: Der Markt preist gerade die beste aller Welten ein. "Er geht davon aus, dass wir den schlimmsten Punkt überschritten haben und es von nun an bergauf geht", sagt Lück. Aber vielleicht passiere das ja auch. An der Börse werde nun mal die Zukunft gehandelt.

Wenn eine zweite Pandemiewelle kommt oder die Wirtschaft sich doch nicht wie erwartet erholt, könnte das den derzeitigen Börsenboom aber jäh beenden. Anlagestratege Lück hält deshalb auch einen w-förmigen Verlauf für denkbar. Nach dem derzeitigen Aufschwung würde es dann wieder bergab gehen, bevor sich die Wirtschaft endgültig erholt. Je nach Verlauf einer zweiten Welle könnte es auch ein schiefes W geben: Der zweite Einbruch wäre dann noch mal schlimmer als der erste.

Doch auch in diesem Fall wäre der Abschwung wohl nur vorübergehend, weil die Regierungen und Notenbanken bereitstehen, um einen erneuten Kollaps der Wirtschaft zu verhindern.  

Thomas Mayer, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute, spricht deshalb von einem "free lunch". Investoren und Unternehmen könnten momentan das Geld in Aktien investieren, ohne die Risiken berücksichtigen zu müssen. "Am Ende können sich ja alle darauf verlassen, dass die Zentralbanken einspringen, um die Schäden zu beseitigen." Doch auf Dauer könne es einen solchen "free lunch" nicht geben. Am Ende hafteten wohl künftige Generationen für die höheren Staatsschulden, die mithilfe der ultralockeren Geldpolitik der Zentralbanken finanziert werden.

"Völlig perverse Situation"

Für das Gesellschaftssystem könnte die Kluft zwischen steigenden Aktienkursen auf der einen und wachsenden Staatsschulden auf der anderen Seite eine enorme Belastungsprobe darstellen. Denn es profitieren nur diejenigen, die ohnehin schon in Aktien investiert sind. So werden nach der Krise die Vermögen noch ungleicher verteilt sein als bisher. Wenn durch das viele billige Geld dann auch noch die Inflation steigen sollte, wie es manche Ökonomen vorhersagen, werden Menschen ohne Vermögenswerte noch stärker leiden.

Um das zu verhindern, müsste die EZB das Geld "wieder einsammeln", wenn die Krise überstanden ist, indem sie die angekauften Staatsanleihen wieder verkauft, sagt Mayer. Das aber würde überschuldete Staaten wie Italien wohl schnell in den Bankrott treiben. "Die Zentralbanken haben sich in eine völlig perverse Situation hineinmanövriert, aus der sie nicht mehr herauskommen, weil sie in den vergangenen Jahren den Ausstieg verpasst haben", sagt der Ökonom.  

Doch selbst in einem solch düsteren Szenario, wie Mayer es entwirft, gibt es für Anleger zu Aktien wohl kaum eine Alternative. Sogar im Fall einer Hyperinflation wären Beteiligungen an Unternehmen nun mal die bessere Wahl als Geld auf dem Sparbuch, weil sie ja einen Anteil an Maschinen, Immobilien oder Patenten von Firmen verbriefen. Und so könnte der Börsenboom trotz aller Krisen weitergehen.