Börsenausblick 2020 25 Prozent Plus beim Dax - geht das so weiter?

Die Börse hat 2019 alle überrascht: Der deutsche Leitindex Dax legte um mehr als ein Viertel zu. Und einiges spricht dafür, dass es auch im kommenden Jahr weiter nach oben geht.
Weihnachtsdeko an der Frankfurter Börse: 25 Prozent Plus in diesem Jahr

Weihnachtsdeko an der Frankfurter Börse: 25 Prozent Plus in diesem Jahr

Foto: Lisi Niesner/ REUTERS

Anleger haben ein fantastisches Jahr hinter sich. Zum Börsenschluss am letzten Handelstag 2019 lag zum Beispiel der Dax bei 13.249 Punkten, gut 25 Prozent mehr als Anfang 2019. Wer also zum Jahresanfang 10.000 Euro in den Dax investiert hatte, kann sich nun über satte 2.500 Euro Gewinn freuen, sofern man etwaige Steuern nicht berücksichtigt.

Ähnlich erfolgreich ging es an den anderen Weltbörsen zu: Der S&P 500 etwa, der die 500 wichtigsten Unternehmen der USA umfasst, hat ein Plus von fast 30 Prozent seit Jahresbeginn geschafft.

Wer hätte das im Januar gedacht: Damals hatten die Aktienbarometer seit ihrem Rekordhoch mehr als 20 Prozent eingebüßt, ähnlich hohe Verluste hatte es zuletzt 2011 gegeben, als die Eurokrise ihren ersten Höhepunkt erreichte. Finanzexperten befürchteten einen schweren Handelskonflikt zwischen den USA und China, die US-Notenbank hatte mehrfach im Jahr die Zinsen erhöht, die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Anleihekäufe eingestellt. Steigende Zinsen mögen Aktieninvestoren nicht. Für 2019 sah es miserabel aus.

Doch es kam anders.

Der Abschwung in der Realwirtschaft fiel 2019 deutlich schwächer aus als zuvor befürchtet. "Das Wachstum schwächte sich in den großen Volkwirtschaften nur sehr langsam ab, wir erleben eine Rezession in Zeitlupe", sagt Thomas Mayer, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute. Ein Einbruch der Weltwirtschaft wie vor zehn Jahren, als die Pleite der Investmentbank Lehman eine globale Finanzkrise auslöste, blieb jedenfalls aus. Auch gab es bisher keinen ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU.

Die starken Kursverluste vieler Aktien im Jahr 2018 waren offenbar übertrieben. "Die Börse holte 2019 einen Teil dessen auf, was sie 2018 in Erwartung düsterer Zeiten verloren hatte", sagt Mayer.

Größtenteils wurde die Börsenrallye aber auch in diesem Jahr durch Liquidität getragen - also durch das billige Geld, das die Notenbanken weiter in die Märkte pumpten. Weil der verheerende Handelsstreit von Trump und der drohende Brexit die Weltwirtschaft und damit auch die US-Konjunktur bedrohten, senkte die Fed unlängst wieder die Zinsen, die EZB begann abermals mit Anleihekäufen. "Das löste in diesem Jahr einen erneuten Aktienboom aus", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt für Deutschland und Österreich der niederländischen Großbank ING.

Seit Jahren werden die Börsen durch die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken angetrieben und gestützt. Das viele billige Geld, das die Zentralbanken in den Jahren nach der Finanzkrise in den Markt pumpten, gaben Investoren aus, um Aktien zu kaufen - auch weil die Alternativen angesichts niedriger Zinsen fehlten. Das trieb die Kurse von einem Rekord zum nächsten.

Geht es nun so weiter?

Eine Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik ist derzeit jedenfalls nicht in Sicht. Im Gegenteil: Viele Finanzexperten halten sogar noch weitere Zinssenkungen für möglich. In Europa sind die Möglichkeiten der EZB zwar weitgehend ausgeschöpft, sie könnte wenn überhaupt die Einlagenzinsen für Banken noch stärker senken oder das monatliche Volumen der Anleihekäufe hochfahren.

Eine Börsenrallye, die durch Liquidität ausgelöst wird, kann lange dauern, steht jedoch auf fragilem Grund. In solch einer Phase fühlen sich alle Anleger dazu gedrängt, in riskantere Wertpapiere zu investieren. Irgendwo muss das Geld ja schließlich hin.

"Dass Aktien immer teurer werden, weil die Kurse steigen, gleichzeitig aber die Gewinne der Unternehmen sinken, nehmen Anleger wegen der ultralockeren Geldpolitik in Kauf", sagt Ökonom Mayer. Denn das diesjährige Kursplus macht Aktien teurer. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Dax, ein Vergleichsmaß für den Preis einer Aktie, ist derzeit überdurchschnittlich hoch. Das Gleiche gilt auch für die amerikanischen Börsenbarometer wie den Dow Jones Index. Dies wäre verkraftbar, wenn die Unternehmen ihre Gewinne in Zukunft deutlich erhöhen könnten. Doch danach sieht es derzeit nicht aus, zu schwach sind die wirtschaftlichen Aussichten.

Es bleibt natürlich dabei, dass wegen der Nullzinspolitik der Notenbanken Aktien noch immer die attraktivere Variante für Anleger sind als Anleihen. Anleihen erwirtschaften schon lange keine Renditen mehr. Und auch sonst sind die Alternativen rar: Die Preise für Immobilien sind kräftig gestiegen, Rohstoffe eignen sich aufgrund hoher Kursschwankungen kaum als langfristige Anlage.

Treibt Trump im neuen Jahr die Kurse?

Da dies aber mittlerweile so gut wie jeder weiß, sind davon kaum zusätzliche Impulse für die Aktienkurse im neuen Jahr zu erwarten. Alles in allem - das ist wahrscheinlich die Lehre aus dem Überschwang in diesem Jahr - sind die Renditeprognosen für die Aktienmärkte 2020 vorsichtiger. "Es kann auch jahrelang zu einer zähen, langweiligen Seitwärtsbewegung kommen", sagt etwa ING-Volkswirt Brzeski. Doch selbst bei solch einer Entwicklung würden Aktien noch mehr abwerfen als das Sparbuch.

Ein möglicher Kurstreiber im neuen Jahr könnte am Ende US-Präsident Donald Trump sein. Denn dieser wünscht sich im Wahljahr alles andere als einen Einbruch der Wirtschaft. Wie kein US-Präsident zuvor misst er seinen Erfolg am Stand der Börsenkurse. Als der Aktienmarkt kürzlich mal wieder ein neues Hoch erreichte, twitterte Trump: "Enjoy it". Womöglich leitet er gerade deshalb die Entspannung im Handelskonflikt mit China ein.

Doch politische Ereignisse und ihre Auswirkung auf die Börse kann niemand vorhersagen. Das hat das Jahr 2016 eindrucksvoll gezeigt: Lange warnten Ökonomen davor, dass die Börsen einbrechen werden, sollte der Brexit-Beschluss kommen und Trump zum Präsidenten gewählt werden. Heute weiß man: Das Gegenteil war der Fall.

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