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07. Januar 2016, 11:05 Uhr

Finanzmärkte

Crash in China - was Anlegern nun droht

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Ist der Börsencrash in China nur der Anfang? An den Finanzmärkten herrscht Unruhe, gleich mehrere Krisen drohen. Zwei Prognosen für 2016 - und was Experten jetzt den Sparern raten.

Den Rutsch ins neue Jahr nahm man an den Weltbörsen etwas zu wörtlich: Erst schlitterte die chinesische Börse am ersten Handelstag 2016 tief ins Minus, dann riss sie die Aktienmärkte weltweit mit.

An diesem Donnerstag wiederholte sich das Spiel: Eine halbe Stunde nach Eröffnung war der Aktienindex CSI 300 bereits um sieben Prozent gesunken - so weit, dass die Börse in Shanghai den Handel erneut beendete.

Auch der Dax leidet unter dem China-Crash: Zum ersten Mal seit Oktober fiel er unter die 10.000-Punkte-Marke. In den drei Tagen davor hatten die 30 größten börsennotierten Konzerne Deutschlands im Durchschnitt bereits mehr als fünf Prozent ihres Wertes verloren.

Dieser Anfang mit Schrecken könnte ein unruhiges Börsenjahr einleiten: "2016 häufen sich die geopolitischen Risiken", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirtschaft der DZ Bank, die das Geld der Volks- und Raiffeisenbankkunden anlegt.

Da wären Bielmeier zufolge: "Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran, der den Ölpreis beeinflussen könnte. Die US-Wahl und die politische Unsicherheit in Europa durch den möglichen Brexit." Weil sich keines der Ereignisse verlässlich prognostizieren ließe, drücke die Unsicherheit auf die Finanzmärkte, sagt der DZ-Ökonom.

Sein Kollege Erik Nielsen hält dagegen. Für den Chefvolkswirt der Hypovereinsbank-Mutter Unicredit überwiegen die positiven Aspekte: "Der Aufschwung in Europa wird die globalen Risiken mehr als aufwiegen."

Was die Märkte 2016 bewegen könnte:

1. Düstere Vorzeichen in China

Der Einbruch am Aktienmarkt der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde war wohl nicht der letzte im Jahr 2016: Der Absturz hat einen realwirtschaftlichen Hintergrund, die sinkende Produktion der chinesischen Industrie.

Die Produktion in den Fabriken von Shenzhen und Chongqing kann Chinas Führung mit Milliardenankäufen und Handelsstopps an der Shanghaier Börse wohl kaum anheizen. Mit ihren Rettungsaktionen hat sie die nötige Korrektur ihres überhitzten Aktienmarkts allenfalls herausgezögert. "Das war sicherlich nicht die letzte Schockwelle aus China", sagt Nielsen.

DZ-Volkswirt Bielmeier erwartet, dass unter der schwächeren Nachfrage aus China vor allem exportstarke deutsche Unternehmen aus dem Maschinen- oder Automobilbau leiden und damit auch einige der Lieblingsaktien deutscher Anleger.

2. Gute Nachrichten aus Euroland

Europa gilt vielen Experten als Lichtblick. Die deutsche Binnenkonjunktur läuft und selbst in den langjährigen Krisenstaaten Italien und Spanien geht es wirtschaftlich langsam aufwärts. "Der niedrige Ölpreis wirkt wie eine dauerhafte Steuersenkung für Europas Verbraucher", sagt Unicredit-Experte Nielsen. Konsumgüterhersteller könnten davon profitieren.

DZ-Experte Bielmeier erwartet, dass die massiven Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) den Dax weiter stützen, zumal ihr Chef Mario Draghi die Geldmenge eher noch ausweiten wird.

Allerdings schafft es die EZB mit ihren Geldspritzen immer weniger, die Märkte nachhaltig aufzupäppeln. "Ihr gehen die effektiven Instrumente aus, um auf plötzliche externe Krisen zu reagieren", sagt Unicredit-Experte Nielsen.

Seine positive Prognose gelte nur, wenn keine der drohenden Krisen mit voller Wucht durchschlägt. "Viele Dinge können schiefgehen, von einem Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran bis zur Wahl eines unberechenbaren US-Präsidenten wie Donald Trump."

Was die Volkswirte Anlegern raten

Nielsen und Bielmeier erwarten, dass der Dax 2016 leicht zugewinnen wird. Das Jahr dürfte aber von teils deutlichen Ausschlägen geprägt sein. Dennoch raten sie, Aktien zu kaufen, "wegen der attraktiven Dividendenrendite. Wenn man das Auf und Ab aushält", sagt Bielmeier.

Den Rat zu Aktien begründet Bielmeier auch mit den fehlenden Alternativen: Zinsen auf Anleihen würden wohl niedrig bleiben. Falls der Leitzins in den nächsten Jahren dann doch erhöht wird, drohen bei Anleihen, die man heute erwirbt, zudem Kursverluste. "Bei 10-jährigen Papieren kriegt man dann vielleicht nicht mal mehr den Zinscoupon zurück", sagt Bielmeier.

Auch Nielsen glaubt, dass sich Anleger von manch heftiger Kursbewegung nicht verunsichern lassen sollten: "Gemessen an den Unternehmensgewinnen sind europäische Aktien nur zwei Drittel so hoch bewertet wie amerikanische."

Überhaupt dürften Sparer ihre Geldanlage nicht nur an Katastrophenszenarien ausrichten, sagt der Unicredit-Experte: "2015 legte der Dax um knapp zehn Prozent zu. Wer sich zum Beispiel aus Angst vor einem Grexit von Aktien fernhielt, hat dieses Plus verpasst."

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