Mut zu Aktien "50 Euro reichen zum Start"

Er ist 21, die Börse fasziniert ihn schon seit Jahren. Mit 19 kaufte er seine ersten Aktien, und er kauft weiter - auch, wenn der Kurs crasht. Ist unser Kollege Tillmann Becker-Wahl also ein eiskalter Zocker? Natürlich nicht - aber lesen Sie selbst.
Der Dax bricht ein. Manche Anleger verzweifeln. Was jetzt? Unser Autor jedenfalls will den neuen Tiefstand nutzen und Aktien günstig zukaufen.

Der Dax bricht ein. Manche Anleger verzweifeln. Was jetzt? Unser Autor jedenfalls will den neuen Tiefstand nutzen und Aktien günstig zukaufen.

Foto: A3602 Frank Rumpenhorst/ dpa

Es war eine turbulente Börsenwoche: Am Montag landete der Dax   erstmals in diesem Jahr unter der 10.000-Punkte-Marke. Inzwischen kletterte der deutsche Leitindex wieder über diesen Wert. Für viele Deutsche war das eine Bestätigung: An Wertpapieren verbrennt man sich leicht die Finger. Höhen und Tiefen - der ganze Markt sei pure Spekulation.

Ich sehe das anders und habe beim Crash nicht verkauft. Obwohl ich zwischenzeitlich 15 Prozentpunkte meines Gewinns verloren habe, habe ich meine Aktien gehalten. Ich sehe den neuen Tiefstand als Chance: um Anteile zuzukaufen oder endlich einzusteigen.

Sicher, ein gewöhnlicher Anleger bin ich nicht. 21 Jahre alt, BWL-Student an der Uni Köln. Banken versprechen keine Zinsen mehr, also handle ich an der Börse. Seit zwei Jahren.

Bereits als 14-Jähriger habe ich mich für Aktien interessiert. Da hörte ich noch meinem Vater zu, wie er von seinen Gewinnen und Verlusten berichtete. Um selbst zu investieren, fehlte mir das Geld. Die Alternative: Börsenspiele.

Gemeinsam mit Freunden habe ich anfangs im Internet herumgesponnen. 50.000 Euro fiktives Startkapital, investiert in Dax-Unternehmen, die wir kannten: von Adidas   bis VW  . Mal gab es hohe Gewinne, hin und wieder Verluste. Uns fiel auf: Gestandene Unternehmen erzielten gestandene Renditen. Von angeblich brandheißen Internetaktien haben wir die Finger gelassen. Im Zweifel, weil wir von ihnen gar nichts wussten.

Mit unserer Strategie an die Börse

Zum 18. Geburtstag bekamen ein paar meiner Freunde ihre ersten Aktien geschenkt. Andere kauften sie sich vom gesparten Taschengeld. Aus dem Spiel wurde Ernst, die Strategie blieb die gleiche: Mit Aktien von gestandenen Unternehmen fahren sie seitdem meist sichere Renditen ein.

Wenig später folgte ich meinen Freunden an den Markt. Seitdem lege ich geerbtes und gespartes Geld zwischen den Vorlesungen in Unternehmen an. Überschaubare Summen, die ich nicht willkürlich in Konzerne mit bekannten Markennamen stecke, so wie noch anfangs bei den Börsenspielen.

Mit meinen Freunden und einigen BWL-Kommilitonen haben wir Kriterien für interessante Investitionen festgelegt: Alle in unseren Depots liegenden Werte sollten aus Branchen kommen, die Weltfragen beantworten und darin die besten sind. So entdeckte ich zum Beispiel vor zwei Jahren die Biotechnologie-Holding BB Biotech. Sie beteiligt sich unter anderem an Unternehmen, die Medikamente gegen Krebserkrankungen herstellen. Meine BB Biotech-Anteile erzielten seitdem 127 Prozent Rendite.

Auch der deutsche Maschinenbauer Kuka   agiert meiner Meinung nach mit seinen Industrierobotern in einer Branche, die durch den Wunsch nach automatisierten Produktionsprozessen gefragt ist. Das Ergebnis: 46 Prozent Rendite in einem Jahr. Ob das so bleibt? Abwarten.

Die Solarbranche hingegen hat mich enttäuscht. Bei Solarworld   hatte ich nach Jahren des Sturzflugs an einen Neustart geglaubt. Vergebens, die Aktie fiel noch tiefer, ein Verlust von 44 Prozent. Für mich eine Lehre: Das Gesamtportfolio ist wichtiger als die einzelnen Anteile.

Investitionsideen präsentieren wir uns gegenseitig

Über SMS, am Telefon oder bei einem Bier diskutieren wir über neue Investitionsideen. Hin und wieder präsentieren wir uns Charts, zitieren aus den Bilanzen und den Zukunftsplänen in den Jahresberichten. Und entscheiden dann.

Es geht dabei vor allem um Risikostreuung. Dass alle Branchen auf einmal einbrechen, daran glaube ich nicht. Und junge Anleger wie ich haben einen generellen Vorteil: Wir können langfristige Strategien wählen, müssen die Aktien nicht bei kleinen Unruhen hektisch verkaufen. Krisen sitzen wir aus.

Fallende Kurse nutze ich, um Aktien zuzukaufen. Stück für Stück. Das ganze Geld auf einmal zu investieren, wäre fatal. In meinem Depot liegt immer ein fester Anteil Liquidität, vor allem erzielte Rendite fließt in neue Unternehmensanteile.

Was ich gelernt habe: Jeder kann mit Aktien handeln. 50 Euro reichen zum Start. Und gerade jetzt, beim Dax-Tiefstand, bietet sich sicher eine optimale Einstiegschance. Besonders für langfristige Strategien und junge Investoren. Denn ich glaube, der Dax wird weiter steigen. Für mich selbst bedeutete der jüngste Dax-Absturz: Rendite reinvestieren und Aktien zukaufen.

Ob ich mit meiner Strategie richtig liege, weiß ich nicht. Zumindest aber nehme ich mein Schicksal als Anleger selbst in die Hand. Das macht mir mehr Spaß, als mich vor Aktien zu fürchten und gleichzeitig über die Minizinsen auf dem Sparbuch zu jammern.

Tillmann Becker-Wahl ist Jahrgang 1993. Er studiert BWL an der Universität Köln und Journalismus an der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft, unter anderem mit Stationen bei der Badischen Zeitung und dem Hamburger Abendblatt.

Tillmann Becker-Wahl ist Jahrgang 1993. Er studiert BWL an der Universität Köln und Journalismus an der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft, unter anderem mit Stationen bei der Badischen Zeitung und dem Hamburger Abendblatt.

Foto: SPIEGEL ONLINE
Mehr lesen über Verwandte Artikel