Branchenanalyse China-Konkurrenz bedrängt deutsche Solarriesen

Start-up-Hype war gestern: Die Solarbranche verwandelt sich rapide in einen reifen Markt mit scharfem Wettbewerb. Laut einer Branchenanalyse der Unternehmensberatung Oliver Wyman geraten vor allem deutsche Firmen ins Hintertreffen - ihnen fehle für wichtige Umstrukturierungen das Geld.

Solar-Panels in Sachsen-Anhalt: Wachsender Wettbewerbsdruck
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Solar-Panels in Sachsen-Anhalt: Wachsender Wettbewerbsdruck

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Hamburg - Für Deutschlands Solarriesen sind die fetten Jahre vorbei - zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung Oliver Wyman in einer Marktanalyse. Laut dem am Freitag veröffentlichten Expertenpapier hat sich der globale Wettbewerb in der Branche drastisch verschärft. Führende Player aus Asien und den USA könnten den deutschen Unternehmen bald ihre Branchenführerschaft streitig machen.

Die Börsenkurse spiegeln das Dilemma der deutschen Firmen wider (siehe Grafiken unten). Zwar notieren viele Solarwerte am Freitag aufgrund von kurzfristigen Branchenausblicken im Plus. Der Langfristwert dagegen ist unterdurchschnittlich. Der Studie zufolge ist die Aktien-Performance deutscher Solarkonzerne deutlich schlechter als der TecDax Chart zeigen.

"Die institutionellen Investoren und Privatanleger glauben nicht mehr an die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Photovoltaik-Unternehmen", sagt Jens Milnikel, Partner bei Oliver Wyman. Zahlreiche Unternehmen kämpften im Vergleich zum Boomjahr 2008 mit massiven Umsatz- und Gewinneinbrüchen und mit Finanzierungsproblemen, heißt es in der Studie.

Vor allem zwei Entwicklungen setzen die deutschen Solarhersteller unter Druck:

  • Auf dem deutschen Markt sinken die Margen: Das Wachstum der Neuaufträge stagniert, und asiatische Hersteller machen heimischen Unternehmen immer mehr Konkurrenz.
  • Auf den Wachstumsmärkten Amerika und Asien treten die deutschen Solarfirmen gegen immer mächtigere Gegner an.
Purzelnde Preise auf dem deutschen Markt

In Deutschland, dem mit Abstand stärksten Photovoltaik-Markt, sind schon jetzt Anlagen mit rund 10.000 Megawatt Leistung am Netz. Allein 2009 wurden Anlagen mit einer Leistung von gut 3800 Megawatt installiert; für die kommenden vier Jahre erwartet Oliver Wyman Neuaufträge in ähnlichem Umfang.

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Grafik-Strecke: Deutschlands schwächelnde Solar-Riesen
Noch immer ist die Wachstumsrate auf dem deutschen Markt vergleichsweise hoch - doch die erfolgsverwöhnte deutsche Photovoltaik-Branche profitiert zusehends weniger davon. Zwei von drei in Deutschland installierten Modulen kamen 2008 aus dem Ausland - sie finden in der Bundesrepublik aufgrund ihrer niedrigeren Preise reißenden Absatz. "Deutsche Hersteller bieten ihre Solarmodule für 1,60 Euro pro Watt an. Chinesische kosten 1,30 bis 1,40 Euro", sagte Stuart Brannigan, Europa-Chef des chinesischen Herstellers Yingli Green Energy, im Dezember in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Die deutschen Hersteller müssen mitziehen - entsprechend sind die Preise für Solarmodule im vergangenen Jahr um 20 bis 30 Prozent gefallen. Der Preisdruck dürfte weiter anhalten. Immer neue asiatische Großkonzerne drängen in den Photovoltaikmarkt hinein. So beabsichtigt etwa Samsung, vier Milliarden Euro in die Photovoltaikproduktion zu investieren.

Harter Konkurrenzkampf im Ausland

Die deutschen Solarfirmen stehen dadurch vor zwei Herausforderungen: Sie müssen rasch die Kosten senken - und sich globaler ausrichten. Der Studie zufolge werden in den kommenden Jahren vor allem die Photovoltaik-Märkte außerhalb Europas rasch wachsen. Für die USA etwa erwartet die Unternehmensberatung bis 2014 ein Wachstum von 44 Prozent beim Zubau von Solaranlagen. 2009 seien in den USA Anlagen mit insgesamt 477 Megawatt am Netz gewesen, bis 2014 sollen es 3000 Megawatt sein.

Für Japan erwartet Oliver Wyman bis 2014 eine jährliche Zubaurate von 20 Prozent - von zuletzt 484 Megawatt auf 1,2 Gigawatt. Für China wird ein Anstieg um jährlich 30 Prozent von 160 auf 600 Megawatt im Jahr 2014 erwartet (siehe Grafiken oben).

Die deutschen Solarfirmen aber sind nach Milnikels Einschätzung sowohl bei der Kostensenkung als auch bei der Expansion ins Ausland in einer schlechten Ausgangsposition. Ihnen fehle das nötige Geld - und das liege ausgerechnet am Solar-Hype der vergangenen Jahre.

In Boomzeiten haben die Unternehmen zahlreiche Mitarbeiter eingestellt und die Produktionskapazitäten ausgebaut. Die Kosten sind dadurch massiv gestiegen, wichtige Technologien dagegen wurden nur sehr langsam weiterentwickelt.

Probleme durch zu langsame Forschung

CDU-Energieexperte Joachim Pfeiffer hatte diesen Punkt im März im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE scharf kritisiert. "Der Bundesverband der Solarwirtschaft beziffert die Aufwendungen seiner Unternehmen für Forschung und Entwicklung mit gerade 1,7 Prozent des Umsatzes", monierte er. In Hightech-Unternehmen liege der Anteil bei bis zu zwölf Prozent, in der traditionellen Elektroindustrie bei fünf Prozent. Um gegen die Billigkonkurrenz zu bestehen, "sollte die deutschen Solarindustrie mehr Geld in Forschung investieren".

Die Versäumnisse in der Forschung rächen sich jetzt. "Photovoltaik wird immer mehr zu einem reifen Markt, in dem sich alles um Geschwindigkeit, Kostensenkung und Internationalität dreht", sagt Milnikel. "Darin sind speziell asiatische Wettbewerber sehr aggressiv. Im Gegensatz zu deutschen Unternehmen haben sie keine Altlasten aus der expansiven Phase."

Angesichts der wachsenden Konkurrenz ist eine rasche Restrukturierung für die deutschen Firmen überlebenswichtig. Zwar hilft die Euro-Schwäche ihnen etwas. Durch den niedrigen Wechselkurs "wird das Preisdumping aus China abgeschwächt", schriebt die DZ Bank in einer Studie.

Mittelfristig wird das aber nichts nützen: Für die strategische Neuausrichtung gibt Milnikel den deutschen Firmen noch ein bis zwei Jahre. Und er ist skeptisch, dass die Unternehmen für die bevorstehenden Investitionen das nötige Kapital haben. Er glaubt, dass viele sich nur noch mit Hilfe von Kooperationspartnern fit für die Zukunft machen können.

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Seite 1
rolli 17.04.2010
1.
Zitat von sysopRichtungswechsel in der Politik gegenüber alternativen Energien: Die Förderung der Solarenergie soll stark gekürzt werden. Eine energiepolitisch richtige Entscheidung?
Eine Kürzun gist ok. Irgendwann mal müssen die alternativen Energien erwachsen werden. Eine drastische Kürzung wäre kontraproduktiv, wobei ich glaube, dass es vielen Menschen schon eine innere Beruhigung ist, von den Stromabzockern unabhängiger zu sein. rolli
atair 17.04.2010
2. Uneingeschränkt JA
Zitat von sysopRichtungswechsel in der Politik gegenüber alternativen Energien: Die Förderung der Solarenergie soll stark gekürzt werden. Eine energiepolitisch richtige Entscheidung?
*Uneingeschränkt JA* Sie geht nur nicht weit genug -- aber das ist typisch michelländisch: kreißende Berge, die kleinen Mäuse gebären...
Dieter 59 17.04.2010
3.
Zitat von sysopRichtungswechsel in der Politik gegenüber alternativen Energien: Die Förderung der Solarenergie soll stark gekürzt werden. Eine energiepolitisch richtige Entscheidung?
Bei aller Kritik, die man sonst an PV äußern kann: Die Leidtragenden eines solchen Schrittes sind zuerst einmal die kleinen Endbenutzer. Das traf ja bisher auch zu. Hauptverursacher des Dilemmas ist die Branche selbst. Die Modulpreise sollen in den letzten drei Jahren um 30 bis 40% gefallen sein. Beim kleinen Endverbraucher ist davon wenig bis nichts angekommen. Der Preisvorteil ist vorher in der Branche versickert, sprich man hat ihn in die eigene Tasche gesteckt und eben nicht an den Kunden weitergegeben. Bei derzeitigen Preisen für kleine Endkunden wird die PV-Installation durch die Kürzung völlig uninteressant. Die für mich entscheidende Frage ist die nach der Reaktion in der Brnche selbst. Wird man begreifen, das man sich mit solchen Einstellungen selbst Geschäftsgrundlage und Akzeptanz absägt oder wird man weiter auf Großkunden setzen und den "Rest" als zu melkendes Beiwerk betrachten?
Petra, 17.04.2010
4. Nur halbrichtig
Zitat von sysopRichtungswechsel in der Politik gegenüber alternativen Energien: Die Förderung der Solarenergie soll stark gekürzt werden. Eine energiepolitisch richtige Entscheidung?
Eine energiepolitisch nur *halbrichtige* Entscheidung: Wirklich "richtig" gewesen wäre eine radikale Kürzung.
merapi22 17.04.2010
5. Solarförderung erhöhen, AKWs endlich stillegen!
Zitat von atair*Uneingeschränkt JA* Sie geht nur nicht weit genug -- aber das ist typisch michelländisch: kreißende Berge, die kleinen Mäuse gebären...
Gucken wir mal, schauen wir mal, was bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2012 rauskommt. Vielleicht kommen ja die Grünen auf über 40%! Forschung sollte stark erhöht werden auch die Förderung für EE und besonders Solar. Energie von der Sonne, oder aus der Feuerkugel auf der wir sitzen, ist für die Menschheit überlebenswichtig! Viele haben jetzt auf den Flughäfen in Europa Zeit, sehr viel Zeit zum Nachdenken!
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