Brasiliens gefallener Star Batista Glücksritter mit Sechs-Sterne-Ambitionen

Der Unternehmer Eike Batista beeindruckte ein ganzes Land mit seinen Visionen, er scheffelte Milliarden, er klotzte, wo es ging. Nun ist der extravagante Glücksritter am Ende. Die spektakuläre Pleite seiner Ölfirma beschädigt Brasiliens Image als neue Wirtschaftsmacht.

DPA

Von , Rio de Janeiro


Journalisten und Investoren lud Eike Batista früher gern zu einer Privatvorstellung in ein kleines Kino im Erdgeschoss des Bürohauses in Rio de Janeiro ein, das sein Firmenimperium beherbergte. Dort erläuterte Paulo Mendonça, damals der oberste Manager seiner Ölfirma OGX, anhand einer dreidimensionalen Filmprojektion, wie der damals reichste Mann Brasiliens das Ölfeld "Tubarão" (Haifisch) vor der Küste von Rio de Janeiro auszubeuten gedachte.

Der Betrachter musste eine 3D-Brille aufsetzen, er wurde in eine Hightech-Welt aus flexiblen Pipelines und schwimmenden Öl-Plattformen versetzt.

"Tubarão" galt als das Filetstück im Batista-Imperium. Seine Firma OGX hatte die Konzession dem mächtigen Konkurrenten Petrobras weggeschnappt, auch Manager Mendonca hatte er dem halbstaatlichen Riesen ausgespannt, er galt als einer der führenden Ölexperten Brasiliens. "Tubarão" sei eines der ertragreichsten Ölfelder Brasiliens, schwärmte er, jahrzehntelang werde das schwarze Gold fließen, Batista würde seine Investoren mit Riesengewinnen beglücken.

Illusionen statt Multiplikation des Reichtums

Wer nachfragte, wann der Reichtum denn zu sprudeln beginne, wurde mit vagen Vorhersagen abgespeist, immer wieder verzögerte sich der Förderbeginn. Das Ölfeld war eine Wette auf die Zukunft, und Batista hat sie verloren: Von drei Bohrstellen liefert nur eine Öl und auch nur einen Bruchteil der erwarteten Menge.

Der Flop im Atlantik hat den Niedergang des Imperiums X beschleunigt, OGX war das Herzstück seines Firmenkonglomerats. Am Dienstag beantragte die Firma Gläubigerschutz, weitere X-Firmen werden wohl folgen. Das X stand ursprünglich für die Multiplikation von Reichtum, doch vermehrt haben sich vor allem die Illusionen. Batistas Imperium hat sich als Luftschloss entpuppt.

Der Sohn eines brasilianischen Ex-Ministers und einer Deutschen war nie ein Unternehmer im traditionellen Sinne, viele seiner Firmen bestanden aus kaum mehr als einem Büro mit ein paar Computern, Arbeitsplätze hat er kaum geschaffen. Produziert hat er Träume, jetzt sind sie zerstoben - und mit ihnen die Illusion, dass Brasilien sich innerhalb weniger Jahre in die Spitzengruppe der Industrieländer aufschwingt.

Die Massendemonstrationen vom Juni haben die Illusion vom Sonne-Samba-Partyland Brasilien geraubt, Batistas Pleite kratzt jetzt auch an dem Image Brasiliens als aufstrebender Wirtschaftsmacht. Der reiche Mann aus Rio symbolisierte den Boom der Lula-Jahre, nun verkörpert er den Kater nach dem Rausch.

Vom Vater verspottet, trieb ihn der Ehrgeiz

Unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva stieg Batista zum reichsten Mann Brasiliens auf, der Staatschef pries ihn als Vorbild für die Unternehmerschaft des Landes. Der Mann aus Rio ätzte gern über die traditionelle Wirtschaftselite des Landes, die vor allem in São Paulo zuhause ist: Sie seien behäbig und suchten ständig die Nähe zur Regierung, klagte er, ihnen fehlten Wagemut und unternehmerische Weitsicht.

Dabei war es Batista, der von der Nähe zur Regierung profitierte. Die staatliche Entwicklungsbank BNDES gewährte seinen Firmen Milliardenkredite; Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff zeigte sich gern mit dem vermeintlichen Siegertypen aus Rio. Die öffentlichen Banken sollten schleunigst offenlegen, wie viel Geld sie in das Pleite-Imperium gepumpt hätten, fordert die angesehene Wirtschaftskolumnistin Miriam Leitão deshalb: "Die Regierung versteht nicht, wie die Geschäftswelt funktioniert."

Batista war ein geborener Verkäufer; sein Bergbau-Studium in Aachen brach er nach wenigen Jahren ab, weil er sich langweilte, lieber zog er von Tür zu Tür und verkaufte Versicherungen. Seinem Vater Eliezer eröffnete er nach seiner Rückkehr nach Brasilien, dass er Anteile an zwei Goldminen im Amazonasgebiet gekauft habe, der verspottete ihn daraufhin vor der gesamten Familie als Idioten.

Der alte Batista war in den sechziger Jahren Minister für Bergbau und Energie, später leitete er jahrelang die damals staatliche Minengesellschaft Vale do Rio Doce. Er kannte das Geschäft mit Rohstoffen, seinem Sohn traute er es offenbar nicht zu.

Glücksritter mit Hang zur Extravaganz

Der Konflikt mit seinem Vater trieb Batista an; er wollte den Alten auf seinem ureigenen Feld übertrumpfen. Noch vor drei Jahren, als der Hype um den Milliardär den Höhepunkt erreichte, erzählte er Besuchern stolz, dass sein Vater jetzt oft bei ihm im Büro zum Mittagessen vorbeikomme - diese Anerkennung war ihm wichtiger als der Erfolg an der Börse.

Doch das Image des Glücksritters blieb an ihm haften, in Brasiliens alteingesessener Unternehmerelite galt Batista Junior immer als anrüchig. Dass er nicht zum Club gehörte, kompensierte der Millionär mit den Allüren eines Neureichen: Er heiratete eine Sambakönigin; sie defilierte im Karneval mit einem Halsband, in das sein Name eingraviert war. Ihre beiden Söhne nannten sie Thor und Odin nach den germanischen Göttern, sie gingen in Rio zur deutschen Schule. Seinen Mercedes-Sportwagen parkte Batista in seinem Wohnzimmer, Sprössling Thor fuhr mit dem Boliden vor zwei Jahren einen betrunkenen Radfahrer tot.

Weil er in Rio angeblich kein vernünftiges chinesisches Essen fand, holte Batista einen Ableger des edelsten China-Restaurants von New York nach Rio. Dort ist auch der Motor ausgestellt, mit dem er einst das Rennen um die Speedboat-Weltmeisterschaft gewann. Die Angst vor dem Alter trieb den 57-Jährigen um. Er schwärmte von dubiosen Verjüngungsmitteln, die er im Internet aufgestöbert hatte. Seine Glatze kaschierte er mit einem Eigenhaar-Toupet aus italienischer Fertigung.

Das Luxushotel-Projekt gescheitert, das Schiff verschrottet

Vor drei Jahren erwarb Batista den einstigen Tempel der alten brasilianischen Elite, das mittlerweile heruntergekommene Luxushotel Gloria in Rio, bis zur Fußball-WM im kommenden Jahr wollte er es in ein Sechs-Sterne-Hotel für die Allerreichsten verwandeln. Nebenher investierte er in eine Volleyball-Mannschaft und kaufte einen Ausflugsdampfer, der Touristen über die Guanabara-Bucht von Rio schipperte. Beide Projekte sind gescheitert: Für das Hotel wird ein Käufer gesucht, das Schiff wird verschrottet.

Er habe sich bei seinen vielen Geschäften verzettelt, werfen ihm jetzt seine Kritiker vor. Doch seine Extravaganzen sind nicht verantwortlich für den Crash. Batistas Vermögen oszillierte mit dem Börsenwert seiner Rohstoff- und Energie-Unternehmen.

Spekulanten trieben die Preise für seine Aktien hoch, viele verdienten Millionen an der Börse. Als diese abstürzten, war das Imperium X nicht mehr zu retten. "Eike hat öffentlich Vorhersagen gemacht, die sich nicht erfüllten", schreibt Wirtschaftskolumnistin Leitão in der Zeitung "O Globo". "Dafür sollte er bestraft werden".

Doch der einst siebtreichste Mann der Welt fällt wohl weich: Auf 75 Millionen Dollar schätzt Bloomberg sein Privatvermögen, für die Firmenpleite wird er kaum persönlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Der abergläubische Ex-Milliardär hat bereits klargestellt, dass ihn keine Schuld am Niedergang treffe: In einer nächtlichen E-Mail an seine Mitarbeiter habe er "kosmische Kräfte" für den Niedergang seines Imperiums verantwortlich gemacht, berichtete die Zeitung "O Globo".

insgesamt 8 Beiträge
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TS_Alien 31.10.2013
1. Gestern war alles noch OK.
Altschulden konnten durch neue Kredite bedient werden. Jetzt gibt es keine neuen Kredite mehr und das Unternehmen ist schlagartig pleite. Noch nicht einmal der Zwischenschritt "das Unternehmen steckt in finanziellen Schwierigkeiten" ist möglich gewesen. Genau das blüht allen verschuldeten Staaten, sollten die Kredite nicht mehr gewährt werden. Bzw. andersherum gedacht: Was für Zugeständnisse erhalten die Kreditgeber, damit die Kredite weiter fließen. Zinsen allein sind das nicht. Und die Börsen bewegen sich am Anschlag. Und die meisten "Experten" befürchten nichts. Das Ende mit Schrecken ist nahe. Und es wäre so bitter nötig.
joG 01.11.2013
2. Die BRICSs sind doch sehr unterschiedlich...
...und die hurden, die sie zu nehmen haben, sind das auch. Dass sie aber wachsen und die Herausforderung gross bleibt mit ihnen umzugehen darf nicht verkannt werden. So ist es nicht neu, dass ein Land im Inland veesucht Probleme zu uberspielen indem man gegen einen Aussenfeind hetzt. Neu ist jedoch, dass sich dazu Lander wie Deutschland zu einem Land wie Brazilien gesellt um diesem Unterfangen Glaubwurdigkeit zu verleihen
rotkaeppchen_online 01.11.2013
3. knappes Öl
Zitat von sysopDPADer Unternehmer Eike Batista beeindruckte ein ganzes Land mit seinen Visionen, er scheffelte Milliarden, er klotzte, wo es ging. Nun ist der extravagante Glücksritter am Ende. Die spektakuläre Pleite seiner Ölfirma beschädigt Brasiliens Image als neue Wirtschaftsmacht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/brasilien-der-fall-des-unternehmers-eike-batista-a-931150.html
Firmen kommen und gehen, das ist der Gang der Dinge. Dramatischer ist diese Aussage: Es man wieder ein Beispiel dafür, dass uns viele der als ergiebig angenommenen Ölfelder weniger bringen werden. Auf dem Papier gibt es etliche solcher Felder, ob sie wirklich, zu welchen Preisen und welchen Umweltschäden Öl liefern werden, steht in den Sternen. Darum muss die Energiewende mit hoher Geschwindigkeit weiter umgesetzt werden. Wir sind noch ganz am Anfang.
susiwolf 01.11.2013
4. Wurzelwachstum ...
Auch mit deutschen Wurzeln kannst Du purzeln. Nun wird Eike Batista sicherlich ab und zu von seinem Vater zum Essen eingeladen werden. Er soll doch nicht verhungern ! Die kosmischen Kräfte hätten nicht sein sollen ... und die mexikanische Sonne ist nicht stark genug.
SpitzensteuersatzZahler 01.11.2013
5.
Zitat von rotkaeppchen_onlineFirmen kommen und gehen, das ist der Gang der Dinge. Dramatischer ist diese Aussage: Es man wieder ein Beispiel dafür, dass uns viele der als ergiebig angenommenen Ölfelder weniger bringen werden. Auf dem Papier gibt es etliche solcher Felder, ob sie wirklich, zu welchen Preisen und welchen Umweltschäden Öl liefern werden, steht in den Sternen. Darum muss die Energiewende mit hoher Geschwindigkeit weiter umgesetzt werden. Wir sind noch ganz am Anfang.
Na und? Auf der anderen Seite wird der Peak-Oil seit Jahrzehnten für in 10-20 Jahren vorausorakelt. Klar, dass die Menschen das nicht mehr glauben. Wenn alles so eingetroffen wäre, wäre der Wald gestorben und das Öl schon leer.
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